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Pandemie Inzwischen mindestens 1850 Infektionen in Deutschland / Kritik an Kompetenz-Wirrwarr / Ärzte fühlen sich im Stich gelassen

Coronavirus legt das öffentliche Leben lahm

Archivartikel

Berlin/Bergstraße.Die Weltgesundheitsorganisation stuft die Verbreitung des neuen Coronavirus nun als Pandemie ein. Das sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Mittwoch in Genf. Tedros kritisierte dabei fehlendes Handeln durch die Staaten weltweit. „Wir haben die Alarmglocken laut und deutlich geläutet“, erklärte der WHO-Chef. Nach Angaben der WHO hat sich das Virus inzwischen in 115 Länder ausgebreitet, fast 4300 Menschen sind gestorben.

Angesichts der steigenden Zahl von Infektionen hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) alle Bürger zur Solidarität aufgerufen. Mit Blick auf gefährdete ältere und chronisch kranke Menschen sagte sie am Mittwoch in Berlin: „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen.“

Im besonders betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen starb ein zweiter mit dem Virus Sars-CoV-2 infizierter Patient. Es ist der dritte bekannte Covid-19-Todesfall in Deutschland. In Deutschland sind bislang mindestens 1850 Infektionen mit dem Virus bekannt.

Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) vermisst klare Vorgaben von Bund und Land zum Umgang mit dem Coronavirus bei größeren Veranstaltungen. Das Infektionsschutzgesetz sei vom Bund, die Absage von Veranstaltungen müssten aber die Kommunen im Einzelfall entscheiden, sagte Majer am Mittwoch in Frankfurt. „Der Wahnsinn ist so angelegt.“ Majer ist auch Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Deutschen Städtetags.

Bislang gebe es nur Empfehlungen von Bund und Land Hessen, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern nicht stattfinden zu lassen. „Es ist vollkommen klar, dass wir da klare Regeln brauchen auf einer übergeordneten Ebene“, sagte der Frankfurter Dezernent.

Wie schnell sich die Bewertung der Lage ändern kann, machte das Ringen um das Heimspiel von Fußball-Erstligist Eintracht Frankfurt heute in der Europaleague gegen den FC Basel deutlich: Nachdem Majer gestern Morgen noch angekündigt hatte, dass Zuschauer zugelassen seien, kam das Gesundheitsamt am Nachmittag zu einer Neubewertung der Lage. Das Spiel muss nun unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden.

Weitere Messe abgesagt

Die Liste der wegen des Coronavirus abgesagten oder verschobenen Messen in Frankfurt wird immer länger. Gestern wurde die für Mitte Mai geplante Touristik-Messe IMEX abgesagt, nachdem das Land Hessen sich gegen Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern ausgesprochen hatte. Die IMEX reiht sich ein in mehrere bereits betroffene Messen. Am Dienstag war die Landwirtschaftsmesse Land und Genuss auf 2021 verschoben worden.

In Baden-Württemberg wird der Start des Sommersemesters an den Hochschulen auf nach Ostern verschoben. Auch in Mannheim, wo die Uni den Lehrbetrieb bereits aufgenommen hatte, wird dieser bis zum 20. April ausgesetzt.

Derweil kritisierten Hausärzte aus der Rhein-Neckar-Region, dass sie überfordert und schlecht auf den Kampf gegen das Virus vorbereitet seien. „Wir fühlen uns im Stich gelassen“, sagte etwa Pia Tilch aus Mannheim. Ihre Kollegen bemängelten, dass es zu wenig Schutzausrüstung gebe, um Tests durchzuführen. „Alles, was im entferntesten mit der Krankheit zu tun hat, ist nicht mehr verfügbar“, berichtete der Heppenheimer Arzt Michael Reich. Da ein Mitarbeiter des Neustadter Marienhaus-Klinikums Hetzelstift mit dem Coronavirus infiziert ist, nimmt das Krankenhaus für mindestens 24 Stunden keine Notfallpatienten auf.

Das Coronavirus stellt auch die Wirtschaft vor Herausforderungen. Laut einer Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar erwarten mehr als drei Viertel der befragten 240 Unternehmen eine Auswirkung auf ihr Geschäft, etwa 69 Prozent rechnen mit einem Umsatzrückgang.

IHK-Präsident Manfred Schnabel wünscht sich von der Politik schnelle und unbürokratische Hilfe. „Diese müssen zielgerichtet sein und kleine, mittlere, große und Kleinstunternehmen erreichen“. Der Koalitionsausschuss habe sich zwar auf ein Maßnahmenpaket geeinigt. Allerdings müssten viele Beschlüsse konkret ausgearbeitet werden. „Nur mit einer klugen Politik können wir die akute Phase überstehen.“ (mit dpa)

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