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Pandemie Uniklinik Mannheim beginnt mit Diagnose-Zentrum / Ludwigshafen schließt Einrichtungen / Ärzte fühlen sich im Stich gelassen

Coronavirus legt das öffentliche Leben lahm

Archivartikel

Rhein-Neckar.Angesichts der steigenden Zahl von Infektionen mit dem Coronavirus hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) alle Bürger zur Solidarität aufgerufen. Mit Blick auf besonders gefährdete ältere und chronisch kranke Menschen sagte sie am Mittwoch: „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen.“ Im besonders betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen starb ein zweiter mit dem Virus Sars-CoV-2 infizierter Patient. Es ist der dritte bekannte Covid-19-Todesfall in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die Verbreitung des Virus nun als Pandemie ein.

Merkel empfahl, wegen der Ansteckungsgefahr vorübergehend möglichst auf den Handschlag als Begrüßungsritual zu verzichten. Es sei die zentrale Aufgabe, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Nach Angaben der WHO hat sich das Virus inzwischen in 115 Länder ausgebreitet, fast 4300 Menschen sind gestorben. Italien ordnete jetzt die Schließung von Bars und Restaurants sowie fast aller Geschäfte an. Nur Supermärkte und Apotheken bleiben geöffnet. Dänemark schließt ab Montag für zwei Wochen alle öffentlichen Schulen und Kindertagesstätten. In Deutschland sind bislang mindestens 1850 Infektionen mit dem neuen Coronavirus bekannt. Im Südwesten hat die Epidemie konkrete Auswirkungen auf das öffentliche Leben. In Baden-Württemberg wird der Start des Sommersemesters an den Hochschulen auf nach Ostern verschoben. Auch in Mannheim, wo wegen anderer Fristen die Uni den Lehrbetrieb bereits aufgenommen hatte, wird dieser bis zum 20. April ausgesetzt.

Das Universitätsklinikum hat unterdessen mit der Arbeit in einem speziell eingerichteten Diagnosezentrum auf dem Gelände der Klinik begonnen. Angaben der Stadt zufolge wurde am Mittwoch ein weiterer Corona-Fall in Mannheim bestätigt, damit steigt die Zahl der Infizierten auf zwölf.

Mathaisemarkt abgebrochen

Auch der Schriesheimer Mathaisemarkt wird vorzeitig beendet. Das Volksfest hätte normalerweise noch bis Sonntag gefeiert werden sollen. Doch per Beschluss der Stadtverwaltung wird es nun wegen des Coronavirus abgebrochen. Die Stadt Ludwigshafen hat beschlossen, einen Teil ihrer Einrichtungen zu schließen. Betroffen sind unter anderem die Stadtbibliothek, das Theater im Pfalzbau, das Wilhelm-Hack-Museum, alle offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt, die Hallenbäder, die Volkshochschule und Servicestellen wie die Abteilung Wohngeld. Zudem werden vorerst keine Trauerfeiern mehr erlaubt.

Die Oberbürgermeister der Städte Mannheim und Heidelberg, Peter Kurz und Eckart Würzner, sowie die Landräte des Rhein-Neckar- und des Neckar-Odelwald-Kreises, Stefan Dallinger und Achim Brötel, machten hingegen in einer gemeinsamen Erklärung deutlich: Es gebe keine Veranlassung, von den bundeseinheitlichen Regeln abzuweichen. Die Einrichtungen in den Kommunen blieben daher geöffnet.

Derweil kritisierten Hausärzte aus der Rhein-Neckar-Region, dass sie überfordert und schlecht auf den Kampf gegen das Virus vorbereitet seien. „Wir fühlen uns im Stich gelassen“, sagte etwa Pia Tilch aus Mannheim. Ihre Kollegen bemängelten, dass es viel zu wenig Schutzausrüstung gebe, um Corona-Tests durchzuführen. „Alles, was im entferntesten mit der Krankheit zu tun hat, ist nicht mehr verfügbar“, berichtete der Heppenheimer Arzt Michael Reich. Da ein Mitarbeiter des Neustadter Marienhaus-Klinikums Hetzelstift mit dem Coronavirus infiziert ist, nimmt das Krankenhaus für mindestens 24 Stunden keine Notfallpatienten auf.

Das Coronavirus stellt auch die Wirtschaft in der Metropolregion vor Herausforderungen. Laut einer Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar erwarten mehr als drei Viertel der befragten 240 Unternehmen eine Auswirkung auf ihr Geschäft, etwa 69 Prozent rechnen mit einem Umsatzrückgang. IHK-Präsident Manfred Schnabel wünscht sich von der Politik schnelle und unbürokratische Hilfe: „Liquiditäts- und Unterstützungshilfen werden am wirksamsten sein.“ Der Koalitionsausschuss habe sich zwar auf ein Maßnahmenpaket geeinigt. Allerdings müssten viele Beschlüsse konkret ausgearbeitet werden. (mit dpa)

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