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Schloss Bruchsal Joan Sallas hat sich dem historischen Falten verschrieben / Einst Tischschmuck für barocke Tafelfreuden / Neue Ausstellung ab Mitte November

Der Elefant aus Serviettenleinen

Archivartikel

Bruchsal/Schwetzingen.Von dieser Fingerfertigkeit können viele nur träumen: Joan Sallas erweckt weiße Leinentücher durch pures Falten regelrecht zum Leben. Hennen, Pelikane, sogar Tiger, Nashörner und Elefanten lässt der Katalane entstehen. Seine Kunstwerke gastieren noch bis zum morgigen Sonntag im Schwetzinger Schloss, dann wandern sie nach Bruchsal. Im dortigen Schloss wird die imposante Sonderschau unter dem Titel „Gefaltete Schönheit – Die Kunst des Serviettenbrechens“ ab Mittwoch, 14. November, zu bestaunen sein.

Und genug zu bestaunen gibt es allemal: Joan Sallas (Jahrgang 1962) schuf für die Sonderschau innerhalb des Themenjahres „Von Tisch und Tafel“ der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs vergängliche Kunstwerke mit Geschichte und Tradition – wohlgemerkt: aus weißem gestärkten Leinenstoff.

„Die Ausstellung“, so betont der Künstler, „ist keine Serviettenausstellung, sondern eine Faltausstellung, in der kunsthistorisches Falten im Blickpunkt steht.“ Sallas erforscht nämlich seit 18 Jahren intensiv die historische Faltkunst von Servietten und sammelt sämtliche Literatur zum Thema. Über 5000 Dokumente in mehr als 30 Sprachen habe er dazu, erzählt er. Der studierte Sonderpädagoge und Musiker gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Serviettenfaltkunst und veröffentlichte dazu auch mehrere Bücher, „es gab ja zuvor keine darüber“. Sein Wissen vermittelt er unter anderem in Kursen an Hotelfachschulen, für Pädagogen und Kinder. Und er stellt seine Werke weltweit in bekannten Museen und Schlössern aus – so nun auch in Bruchsal.

Inspiration durch die Mode

Sallas könnte man stundenlang lauschen, wenn er voller Inbrunst über die Bedeutung des Tischschmucks erzählt, der im 16. Jahrhundert zur aufwendigen Tafelkultur gehörte. Sie gingen mit der Mode in Italien einher: Falten waren damals das A und O. Und so musste auch der Tischschmuck aus weißem Leinen sein. Er gehörte zum prächtigen Dekor wie eben auch eigens für Feste geschaffene Wandgemälde in Sälen. Damit demonstrierten Herrscher Macht und Reichtum.

Tafeldecker beherrschten die Kunst, die lediglich zu Anschauungszwecken diente und staunen lassen sollte. Die eigentlichen Mundtücher mit dem Zweck, die Kleidung vor Essensflecken zu schützen und das Gesicht entsprechend zu säubern, gab’s zusätzlich – auch kunstvoll hergerichtet und sogar auf Personen individuell abgestimmt. So hatte Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. eine spezielle Serviette, die Sallas einmal im Schloss von Versailles nachgefaltet hat. Zu Staatsbanketten in Österreich wird noch heute die Tuchform auf den Tisch gebracht, die einst Kaiser Franz Josefs Platz schmückte – auch dank Joan Sallas. Er reiste nach Österreich, um dort zu zeigen, wie Servietten traditionsgerecht gebrochen werden. „Brechen“ nennt man übrigens das kunstvolle Falten von Servietten.

Der Künstler erklärt etwa die Bedeutung einer aus Servietten gestalteten Henne im Nest, „darin schlummerten Pasteten“, oder einer Figur, die einen Pelikan darstellen soll, dessen Schnabel auf der Brust liegt. „Damals wussten die Menschen ja nicht, wie ein Pelikan aussieht. Das Aussehen war auch nicht so wichtig, sondern die Symbolik“, kommt der Katalane auf die christliche Ikonographie zu sprechen: Dort öffnen sich Pelikane mit dem Schnabel die eigene Brust, lassen Blut auf tote Jungen tropfen und holen sie so ins Leben zurück.

Keine Anleitungen vorhanden

Mit seinen Händen faltet Sallas das weiße gestärkte Spezialleinen mit einer Präzision wie eben ein gebriefter Origami-Künstler seine Werke aus Papier. Aus hunderten Metern Stoff lässt er unter anderem acht Meter lange Schlangen, Delfine und Vögel entstehen. Einen Elefanten und einen Tiger kreierte er auf Wunsch des Scheichs von Katar, auch ein Nashorn, wie es einst eine Hochzeit im Hause der Medici schmückte.

Ein gigantischer Hingucker ist eine Servietten-Burg: Darin wurden einst echte Vögel und Hasen versteckt, die dann beim Öffnen der Türme rausgeflogen beziehungsweise rausgehoppelt sind. Dies gehörte zu den „Showeffekten“ von anno dazumal.

Egal ob riesig oder filigran: Fast immer liegen den Objekten original Faltpläne aus früheren Jahrhunderten zugrunde. Hierbei handelt es sich aber nicht um Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie Sallas verdeutlicht, sondern eher um schlichte Abbildungen. Anhand von Linien, Formen und Schatten müsse er daraus Erkenntnisse gewinnen und durch Probieren die Falttechnik herausfinden. Für einen meterhohen Tischbrunnen benötigte er etwa eineinhalb Monate, um das Gebilde nachzubauen. Sallas benutzt für seine Kunst nur kleine Hilfsmittel, wie Unterbauten oder Drahtgebilde bei Tieren, daraus macht er kein Geheimnis. Die Krallen eines Greifs zum Beispiel sind aus einer Knetmasse, früher wurde dafür Wachs verwendet.

Die Kreativität der Tafeldecker und Kellner kannte in barocken Zeiten keine Grenzen: Sogar die Architektur fand sich in der Serviettenfaltkunst wieder. Sallas hat unter anderem einen Eiffelturm gefertigt.

Schade, dass sich heutzutage diese Mühe nicht mehr gemacht wird. Dabei hätte es doch Stil, wenn sich Restaurants mit einer eigenen Serviettenfaltung ein Gesicht geben würden. Nicht nur Joan Sallas erhofft sich eine Rückbesinnung auf diese Kunst.

Info: Fotos von gefalteten Schönheiten gibt es unter www.bruhrainer-zeitung.de

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