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Terrorismus 20-jähriger Attentäter war Behörden bekannt / IS reklamiert Attacke für sich

Deutsche stirbt bei Anschlag in Wien

Archivartikel

Wien.Unter den Opfern des islamistischen Terroranschlags in Wien ist auch eine deutsche Frau. „Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den vier Opfern des Terroranschlags in Wien ist“, teilte der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) am Dienstag auf Twitter mit. Die Sicherheitslage in der österreichischen Hauptstadt bleibt auch am Tag nach der Tat angespannt. Man befinde sich in einer „sensiblen Phase“, in der sicherzustellen sei, dass es nicht zu Nachahmungstaten komme, sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Dienstag in Wien.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag unterdessen für sich reklamiert. Ein „Soldat des Kalifats“ habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Naschir News mit. Das österreichische Innenministerium prüfe die Echtheit des Bekennerschreibens, hieß es am Abend gegenüber Medien.

Der Attentäter, nach Behördenangaben ein 20 Jahre alter Sympathisant des IS, wurde nach dem Anschlag mit 22 teils schwer Verletzten von der Polizei erschossen. Nach dem Blutbad wurden 14 Menschen aus seinem Umfeld vorläufig festgenommen und 18 Wohnungen durchsucht. Auch in der Schweiz wurden zwei Männer festgesetzt.

Die Tat ereignete sich am Montagabend in der Nähe der jüdischen Hauptsynagoge in der Wiener Innenstadt. Der Attentäter eröffnete nach Angaben Nehammers um 20 Uhr das Feuer. Neun Minuten später habe eine Spezialeinheit ihn ausgeschaltet – der Attentäter wurde durch Schüsse der Polizei getötet. Er habe zu diesem Zeitpunkt noch viel Munition bei sich getragen, erklärten die Behörden.

Behörde geht von Einzeltäter aus

Am Dienstagnachmittag gingen die Behörden von einem einzigen Attentäter aus, wollten aber noch nicht endgültig ausschließen, dass weitere Terroristen an dem Anschlag unmittelbar beteiligt gewesen sein könnten, da noch umfangreiches Bildmaterial ausgewertet werde. „Es verdichten sich die Informationen ganz erheblich, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Dennoch haben wir im öffentlichen Raum enorme Sicherheitsmaßnahmen ergriffen“, sagte der Chef der höchsten Polizeibehörde, Franz Ruf, am Dienstagabend im Sender ORF.

Der Täter, der 20-jährige Kujtim Fejzulai, zog mit einem Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete sowie einer Sprengstoffgürtel-Attrappe in den letzten Stunden vor dem Corona-Lockdown durch ein Ausgehviertel nahe der Synagoge. Für die Behörden war der österreichisch-nordmazedonische Doppelstaatler Fejzulai kein Unbekannter. Er hatte nach Angaben von Innenminister Nehammer versucht, nach Syrien auszureisen, um sich dem IS anzuschließen. Er wurde daran gehindert und am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Er wurde jedoch Anfang Dezember vorzeitig entlassen.

Der spätere Attentäter habe es geschafft, die Justizbehörden vor der Entlassung von seiner Deradikalisierung zu überzeugen, sagte Nehammer. Er habe das entsprechende Programm „brutal, perfide ausgetrickst“, so der Minister. „Es kam zu einer vorzeitigen Entlassung eines Radikalisierten.“ Auch danach habe er sich geläutert gegeben: „Er hat sich besonders bemüht, auch bei der Bewährungshilfe.“ Die Frage, ob der Mann nach seiner Entlassung von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet wurde, beantwortete der Minister nicht klar. Er habe sich aber frei bewegen können.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz sagte im ORF: „Die Entscheidung, dass der Täter freigelassen wurde, war definitiv falsch.“ Kurz warnte in einer Fernsehansprache vor einer Spaltung der Gesellschaft. „Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist.“ Es sei ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. „Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen.“ dpa

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