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Fenster auf, Herzen auf

Archivartikel

Maß und Mitte hat Kanzlerin Angela Merkel den Deutschen in der Corona-Krise empfohlen. Das fällt nicht allen leicht. Es sind bizarre Bilder, die sich dieser Tage in Supermärkten bieten. Regale, in denen sich sonst Nudeln und Toilettenpapier stapeln, sind leer, ein Hinweis mahnt „Pro Einkauf ist die Maximalmenge in diesem Sortiment 3 Stück“. Das klingt so absurd, dass man lachen müsste.

Wo stapeln sich die tausenden Pakete von Klopapier? Mit diesem unangemessenem Verhalten werden Engpässe suggeriert, die es nicht gibt. Niemand kommt in diesem Land aus Mangel an Toilettenpapier zu Schaden. Doch Maßhalten ist schon in friedlichen Zeiten schwierig, zumal in einem Land wie Deutschland, das Überfluss gewohnt ist.

Die Kanzlerin sieht unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander auf eine Probe gestellt, und sie wünscht sich, dass wir diese Probe bestehen. Doch ist es solidarisch, die Mitgliedschaft im – zwangsweise geschlossenen – Fitnessstudio umgehend zu stornieren? Ist es vernünftig, den Urlaubsantrag zurückziehen, nur weil verreisen zurzeit nicht möglich ist? Dann lieber Urlaub nehmen, wenn der Spuk vorüber ist? Die Folgen für die Wirtschaft werden immens sein, jedem Unternehmen ist zu wünschen, dass es die Krise übersteht. Zeigen wir unser Herz füreinander, wenn wir einen Bekannten, den das Virus erwischt hat, nicht mehr nach seinem Befinden fragen, sondern danach, wann wir ihm wohl das letzte Mal persönlich begegnet sind? Das ist natürlich richtig, um Infektionsketten zu durchbrechen. Aber es ist zugleich illusorisch zu glauben, das Virus ließe sich noch eindämmen. Alle Maßnahmen, die derzeit ergriffen werden, dienen einzig dem Zweck, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Es ging nie um den Schutz Einzelner, es geht um alle.

Die Kirchen in Mannheim lassen fortan jeden Abend um 18:55 Uhr Glocken ertönen, vielleicht lassen wir kurz alles ruhen, machen unsere Fenster auf – und unsere Herzen!

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