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Gefahrenzone Bahnhof: Kann Deutschland vom Ausland lernen?

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Schranken und Glastüren

Frankfurt/Main (dpa) - Wie können Passagiere auf Bahnhöfen besser geschützt werden? Diese Frage stellen sich viele Menschen nach zwei tödlichen Attacken an Bahnsteigen, bei denen die Opfer auf die Gleise gestoßen wurden.

In Frankfurt starb am Montag ein achtjähriger Junge. Seine Mutter rettete sich in letzter Sekunde aus dem Gleisbett. Im nordrhein-westfälischen Voerde kam wenige Tage zuvor eine 34 Jahre alte Frau ums Leben. Laut letztem Stand der Ermittlungen wurden alle von ihnen völlig unbekannten Tätern attackiert.

Was tut man aber gegen solche Übergriffe, die aus dem Hinterhalt, quasi aus dem Nichts passieren? Und müssen Bahnhöfe jetzt umgerüstet werden, um es Angreifern schwerer zu machen? Die Bahn äußerte sich «tief schockiert», zur Diskussion rund um Sicherheitsmaßnahmen wollte sie am Dienstag zunächst aber keinen Kommentar abgeben. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verlangte größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen. Außerdem müsse man technische Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit prüfen - «und zwar vorurteilsfrei».

Auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert mehr Polizei und Sicherheitskräfte. «Ein bewährtes, leider komplett vernachlässigtes Mittel sind zudem Bahnaufsichten», sagte GDL-Chef Claus Weselsky. Der Blick geschulter Kräfte auch auf möglicherweise kritische Situationen erlaube deutlich schnellere Reaktionszeiten. «Das kann im Zweifelsfall über Leben und Gesundheit potenzieller Opfer entscheiden.»

Zur Bewertung der Sicherheit an deutschen Bahnhöfen lohnt auch ein Blick auf andere Länder. Dort gibt es ganz unterschiedliche Methoden - von personellen Lösungen bis zu hochmoderner Technik:

CHINA: In chinesischen Metropolen wie Peking und Shanghai kommt es im Berufsverkehr zu großem Gedränge in den U-Bahn-Stationen. Die Bahnsteige sind mit Glastüren vom Gleis getrennt. Erst, wenn ein Zug eingefahren ist, öffnen sich Türen, damit die Fahrgäste ein- und aussteigen können. An Fernbahnhöfen kommen Fahrgäste nur zu den Gleisen, wenn sie über ein Ticket verfügen.

JAPAN: Die Bahnsteige sind zu den Stoßzeiten oft überfüllt, doch kommt es nirgends zu großem Gedränge, die Menschen stehen zumeist manierlich Schlange. Allerdings gibt es in Japan immer wieder Selbstmorde, bei denen sich Menschen vor den Zug werfen. Vor diesem Hintergrund werden zunehmend Sicherheitsbarrieren an Bahnsteigen installiert. Sobald ein Zug ein- oder abfährt, öffnet sich erst die Tür der Absperrungen und dann direkt die Wagentür.

THAILAND: Drängeln ist auch in Thailand verpönt. Wenn es doch geschieht, sind es oft Touristen. Damit niemand auf die Gleise fällt, sind die Bahnsteige in Bangkok mit hohen Glasscheiben gesichert. Die Türen öffnen sich erst, wenn der Zug steht. Auf dem zentralen Fernbahnhof der Stadt, Hua Lamphong, gibt es solchen Schutz nicht. Das mehr als hundert Jahre alte Gebäude ist ein Kopfbahnhof: Die Züge ruckeln dort mit nur noch sehr geringer Geschwindigkeit ein.

RUSSLAND: An einigen modernen Metrostationen in Moskau und St. Petersburg gibt es ganz besondere Sicherheitsvorkehrungen: Die Gleise sind durch extra Wände abgesperrt und für die Passagiere weder sichtbar noch zugänglich. Zugtüren und Spezialwände öffnen sich erst, wenn der Zug steht. An Bahnhöfen werden Rucksäcke und Koffer durchleuchtet wie an Flughäfen - und Reisende mit Metalldetektoren gescannt.

ITALIEN: In Italien gibt es an den großen Bahnhöfen Zugangskontrollen zu den Gleisen: Wer zum Beispiel an den Hauptbahnhöfen in Rom oder Mailand, aber auch am Flughafenbahnhof Fiumicino den Zug nehmen will, muss vorher sein Ticket zeigen. Es gibt Schranken oder Personal, das manuell die Karten kontrolliert.

SPANIEN: Beim spanischen Pendant zum ICE, dem Hochgeschwindigkeitszug AVE, und auch bei anderen Fern- und Nahverkehrsbahnen des Landes dürfen nur Ticketinhaber die Bahnsteige betreten. An den Startbahnhöfen darf man erst dann auf die Bahnsteige, wenn der Zug bereits steht und die Gates geöffnet wurden.

NIEDERLANDE: In den Niederlanden sind inzwischen die meisten Bahnhöfe nur noch mit einer speziellen Chipkarte oder einem Ticket und durch Schranken zu erreichen. In den Hauptverkehrszeiten sind an großen Bahnhöfen noch Leute in gelben Westen im Einsatz. Sie passen auf, dass niemand zu dicht an die Bahnsteigkante tritt.

FRANKREICH: Auch an den Pariser Kopfbahnhöfen gibt es vor den Gleisen häufig Schranken, vor allem bei den Hochgeschwindigkeitszügen TGV. Hier müssen Reisende ihr Ticket vorzeigen, erst dann kommen sie zum Bahnsteig. Das bedeutet häufig dichtes Gedränge und Schlangen vor dem Zugang zum Gleis. Dort stehen dann auch Mitarbeiter, die kontrollieren, dass sich niemand durchmogelt.

GROSSBRITANNIEN: In vielen Bahnhöfen - ob im Regional- oder Fernverkehr und auch bei U-Bahnen - ist ein Zugang zu den Gleisen nur mit einem Ticket möglich. In einigen U-Bahnhöfen in London separieren außerdem große Scheiben die Gleise von den wartenden Fahrgästen. Erst wenn die Züge stehen, öffnen sich diese Zugänge. Nach Angaben einer Sprecherin der Londoner Verkehrspolizei kommt es «selten» vor, dass Menschen auf die Gleise gestoßen werden - und wenn, dann handelt es sich ihren Angaben zufolge meist um Leute, die sich kannten.

ISRAEL: Dort wird der Zugang zu den Bahnsteigen nach Angaben der israelischen Bahngesellschaft seit mehr als 30 Jahren kontrolliert. An Bahnhofseingängen gibt es Sicherheitskontrollen. Auch hier werden Taschen durchleuchtet wie am Flughafen. Kunden und Besucher müssen durch Metalldetektoren gehen. Um auf die Bahnsteige selbst zu kommen, müssen Kunden Zugangssperren passieren, die sich nur mithilfe von Tickets öffnen. Dieses System an den 70 Bahnstationen sei «auf jeden Fall effektiv», sagte eine Sprecher der Bahngesellschaft.

Was ist nun die richtige Lösung für Deutschland? Soll überhaupt aufgerüstet werden? Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, mahnte zur Besonnenheit. «Wer jetzt mit schnellen Lösungen kommt, muss sich fragen lassen, warum diese Lösungen nicht in der Vergangenheit installiert wurden», sagte er am Dienstag im ZDF-«Morgenmagazin». Das zeige, wie kompliziert es sei, über 5600 Bahnhöfe zu sichern bei zwei Milliarden Reisenden pro Jahr.

Er lehne technischen Lösungen gar nicht grundsätzlich ab. «Aber man muss sich die Voraussetzungen anschauen und dann diskutieren, ob wir das in Deutschland in unserer freien Gesellschaft haben wollen», so Radek. Mögliche Schritte seien Bahnsteigkarten, die zum Betreten der Anlagen berechtigen, oder Sperrungen an den Bahnsteigen. Allerdings verweist der GdP-Experte auch auf die Besonderheit vieler deutscher Bahnhöfe: Diese hätten gewachsene Strukturen mit engen Räumen, Abgängen und Zugängen.

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