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"Hotel, bitte?" - eine Weihnachtsgeschichte

Archivartikel

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.“, so beginnt die im Evangelium des Lukas, Kapitel 2, Vers 1-20, überlieferte Geschichte von Christi Geburt, die sogenannte Weihnachtsgeschichte. Sie erzählt die Geschichte des Zimmermanns Josef und seiner schwangeren Frau Maria, die eines kalten Dezembers einen weiten Weg von Nord nach Süd hinter sich ließen und bei Ankunft zunächst geschlossene Türen und kalte Herzen vorfanden.

Doch schließlich fanden sie mit einem gewärmten Raum neue Zuversicht und einen Ort, wo sie sein durften. Das Kind, das Maria in dieser Nacht gebar, das Jesuskind, ist das Symbol des keinesfalls einfachen Neuanfangs. Kaiser Augustus ließ das Volk nicht aus reiner Menschenliebe zählen, sondern aus Profitgier und Kalkül, um für jeden gezählten Kopf Steuern kassieren zu können.

Auch die Ankunftsgeschichte meiner Familie in Deutschland von vor 35 Jahren könnte mit einem solchen Satz beginnen: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Arzt des Namens Hosein, Sohn eines Pilgers aus Isfahan, und seine Frau Mehri sich mit ihren vier Kindern nach Europa aufmachten, wo sie Frieden und Freiheit zu finden hofften…“

Unsere persönliche Weihnachtsgeschichte begann im Nahen Osten im Iran, wo im Jahre 1985 längst ein blutiger Stellvertreterkrieg aus Profitgier und Kalkül tobte, welcher seinen Ursprung im Kalten Krieg und nichts anderem als der Gier nach dem Öl im Grenzgebiet zu seinem Nachbarn Irak hatte. Drei Tage und drei Nächte verbrachten wir im kalten Reisebus in den Bergen im Norden unserer Heimat. Drei Tage, in denen wir mit nichts als wenigen Koffern, gedemütigt, gequält und losgelassen von der eigenen Heimaterde voll Hoffnung und Furcht auf ein Durchlassen an der Grenze warteten, um Einlass betend, bittend und bettelnd.

Auf der einen Seite durchgelassen und auf der anderen Seite mit Schande hinausgeworfen, begann so unsere lange Reise von Ost nach West, die uns einen Aufenthalt als Illegale in der Türkei einbrachte mit all den Demütigungen, Ausbeutungen und Widerwärtigkeiten, die korrupte Beamte und Polizisten für uns bereithielten. Doch endlich gab es nach zehn Monaten am 24. Dezember 1985 ein Entrinnen aus dieser Hölle und direkt in die Arme der Deutschen Demokratischen Republik. Jenem real existierenden Sozialismus, der uns nicht aus bloßer Menschenfreundlichkeit geholt hatte, sondern uns nur als Masse brauchte, um seinem Feind und Nachbarn, der Bundesrepublik Deutschland, im Kalten Krieg ein Schnippchen zu schlagen.

Und so empfanden wir, als wir in den Nachtstunden endlich in der S-Bahn-Station Friedrichstraße angelangt waren, keine Erleichterung. Dieser überfüllte Bahnhof war einer der traurigsten Orte der Welt. Es schien, als würde die Menschheit flüchten. Wir sahen eine von Schrecken und Trauer überzogene Menschenmasse, die mit Gepäck unterwegs war. In den späteren Jahren erfuhren wir, dass die Bürger der DDR diese Halle Tränenpalast getauft hatten, weil sie hier voneinander oder von ihren Liebsten aus der BRD getrennt wurden und einander für lange Zeit nicht oder manchmal auch nie wieder sahen.

Für uns Flüchtlinge aus den fernen Ländern war diese Halle jedoch trotz des Kummers, der auf ihr lag, ein Versprechen, ein Ort der Angst zwar, aber auch ein Ort des Transits. Sie war die einzige Tür, die uns in den Westen Einlass gewährt hatte. So schob uns die DDR in den Stunden des Morgengrauens durch ein wundersam geöffnetes Loch in der Mauer in den Westen ab und erhielt für jeden einzelnen Flüchtlingskopf satte Devisen. Eine Haltestelle später, am Bahnhof Zoologischer Garten standen wir gerettet, aber heimatlos im Westen.

Wir hatten alle Brücken hinter uns niedergerissen und uns blieb die Luft vor Kälte und Mutlosigkeit weg. Die Straßen waren in diesem Morgengrauen eine eisige, weiße, menschenleere Wüste. Es lag so viel Schnee, dass wir die Bürgersteige nicht mehr fanden. Wir hatten Angst und wussten nicht wohin. Unsere Füße und Hände waren taub vor Kälte und der beißende Wind kroch unter die Haut. Noch mehr quälten uns jedoch die Gedanken, die sich nach vorne richten wollten. Was war passiert, dass in einer solchen Weltmetropole keine Menschen auf den Straßen waren? Aber woher sollten wir auch wissen, dass die Menschen in Deutschland am 24. Dezember das größte Fest des Jahres zuhause und mit der Familie feierten und am nächsten Morgen ausschliefen?

Wenn einmal ein Mensch zu sehen war, eilte unser Vater hin und fragte: „Hotel, bitte?“ Das Wort Hotel hatte er erraten, weil es ein internationales Wort sei, wie er es uns voll Zuversicht erklärt hatte. Das Wort Bitte hatte er im Flugzeug von Istanbul nach Berlin geübt. Mit jedem Mal, da er diese zwei Worte wiederholte, verschwand ein bisschen mehr Mut und Hoffnung aus unseren Herzen, denn diese Menschen schienen unseren Vater nicht zu sehen. Sie liefen mit schnellen Schritten an ihm vorbei, als gäbe es ihn nicht. Wir liefen lange durch den Schnee und suchten nicht mehr nach irgendjemandem, sondern nur noch nach irgendetwas. Die Lage zermürbte uns. Hunger und Kälte trugen den Rest bei. Es war Gewissheit: Hier hatte niemand auf uns gewartet.

Doch schließlich fanden wir einen barmherzigen Taxifahrer, der uns wirklich zu einem Hotel fuhr. Als wir das geheizte Hotelzimmer betraten, gingen uns die Dankbarkeit und der Glaube an wahre Wunder durch Mark und Bein. Nun mag diese Weihnachtsgeschichte dem einen Leser oder der anderen Leserin unwahrscheinlich vorkommen. Dass sich dieses Erlebnis genau am Heiligen Abend zugetragen haben soll, das erscheint gleichwohl erfunden.

Dennoch kann ich Ihnen hier und jetzt, genau 35 Jahre nach diesem Ereignis versichern, dass das Leben selbst die besten und unwahrscheinlichsten Geschichten schreibt und mich dadurch zur Autorin gemacht hat. Ich möchte Menschen von diesen Geschichten erzählen, weil das damals im warmen Hotelzimmer in mich gesetzte Korn der Dankbarkeit bald aufkeimte und trotz allen Leids eines zermürbenden siebenjährigen Asylverfahrens zu einem bunten Garten anwuchs.

Viel mehr Menschen als diejenigen, die an uns vorbeiliefen, wandten sich uns später zu. Einer Engelschar gleich, säumten sie unseren Weg, die Lehrerinnen, Nachbarn, Sportvereine und viele andere. Sie gaben uns Trost und Kraft, diesen beschwerlichen Neuanfang zu überstehen, den Schwierigkeiten zu trotzen und den Verlust sanft und klug zu betrauern. Als Sozialarbeiterin traf ich Menschen, die den Verzweifelten beistehen. Landauf, landab sind es Hunderttausende, die ganz selbstverständlich Nächstenliebe praktizieren, als wäre jeder Tag Weihnachten. Sie zeigen, dass die Weihnachtsgeschichte nicht nur am Heiligen Abend Gültigkeit hat. Es ist unerheblich, ob wir Moslems sind, Christen, Gläubige oder Ungläubige. Wir alle leiden mit denjenigen, die Kummer erfuhren durch Hass, Hetze, Gewalt und Terror. Wir alle fühlen mit denen, die in dieser Heiligen Nacht 2020 sich nicht in eine Kirchenbank setzen können, und die diese gemeinschaftliche Erfahrung schmerzlich vermissen und vielleicht etwas an Zuversicht und Hoffnung verlieren werden.

Doch uns allen sollte es Trost sein, dass jeder von uns eine persönliche Weihnachtsgeschichte in sich trägt, eine Geschichte von einem verzweifelten Moment, als man auf der Suche nach Nächstenliebe und Zukunft war. Nach einem warmen Raum, wo man angenommen und geliebt werden wollte, wo man dazu gehören und sich zu beheimaten versuchte. Entscheidend ist, dass unsere Seelen von den Geschichten der anderen berührt werden. Auch die Geschichte von Josef und Maria betrifft uns alle, denn wir alle tragen dazu bei, eine Gesellschaft des gegenseitigen Achtens zu sein, in der wir gerne zusammenleben möchten, in einem Hort der Akzeptanz, des Schutzes und der menschlichen Wärme. An einem Ort, der wie dem Neugeborenen seine warme Krippe, Nächstenliebe und hoffnungsfrohen Neubeginn bedeutet.

Und jetzt wissen Sie, warum ich uns allen gesegnete und besinnliche Weihnachten 2020 wünsche!

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