Thema des Tages

Erster Weltkrieg Bundespräsident pocht auf Gedenken / Mannheimer Historikerin van de Kerkhof warnt vor Gewalt

„Narben bis heute sichtbar“

Berlin/Mannheim.Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat im Bundestag für einen größeren geschichtlichen Stellenwert des Erinnerns an 1918 geworben. Damals endete am 11. November der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918), der fast 15 Millionen Menschen das Leben kostete. 100 Jahre danach widmet diese Zeitung heute dem Thema mehrere Schwerpunktseiten.

Die Mannheimer Historikerin Stefanie van de Kerkhof sagte im Interview mit dieser Zeitung: „Die Narben, die der Krieg in der Landschaft, den Städten und der Bevölkerung hinterlassen hat, sind bis heute sichtbar.“ Die Wissenschaftlerin warnte davor, dass Gewalt aktuell häufig als Lösung von Krisen angesehen werde. „Zunehmend scheint das Recht des Stärkeren zu gelten“, sagte sie. Konflikte würden immer öfter über „eine stärkere nukleare und konventionelle Aufrüstung angeheizt“.

Appell für Patriotismus

Präsident Steinmeier sagte gestern bei einer Gedenkveranstaltung im Bundestag: Der 9. November 1918, als Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, sei ein historischer „Meilenstein“, aber „ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte“. Das müsse sich ändern, betonte er, und plädierte für einen „demokratischen Patriotismus“ in Deutschland. Die Katastrophe zweier Weltkriege und der Holocaust seien unverrückbarer Teil der deutschen Identität. Zugleich sollte aber auch an die Wurzeln von Demokratie- und Freiheitsstreben erinnert werden, für die der demokratische Aufbruch von 1918 stehe. Damals ging das deutsche Kaiserreich zu Ende und die Weimarer Republik entstand.

Viel Beifall gab es für das Staatsoberhaupt vor allem bei einer Passage, in der er die deutschen Nationalfarben für die Demokratie reklamiert. „Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold.“ Das ganze Wochenende über wird in vielen Staaten der Opfer des Ersten Weltkrieges gedacht. dpa/sba