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Carl-Benz-Stadion Neue Erkenntnisse zur abgebrochenen Aufstiegspartie des SV Waldhof im Mai des vergangenen Jahres

Sicherheitsdienst zu schwach besetzt bei Uerdingen-Spiel

Mannheim.Beim Fußball-Aufstiegsspiel zwischen dem SV Waldhof Mannheim (SVW) und dem KFC Uerdingen am 27. Mai 2018 hat es schon vor dem Anpfiff Sicherheitsmängel im Stadion gegeben. Das ergaben Recherchen dieser Zeitung. Demnach waren sowohl der Einsatzleiter der Polizei als auch der Geschäftsführer des SV Waldhof Mannheim vor dem Anpfiff des Drittliga-Aufstiegsspiels vor fast 25 000 Zuschauern im Mannheimer Carl-Benz-Stadion über eine Unterbesetzung des Sicherheitsdienstes im Stadion im Bilde – ohne entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Während die Polizei diese Informationen gegenüber dem „MM“ bestätigt, dementiert SVW-Geschäftsführer Markus Kompp, vor dem Spiel über eine Unterbesetzung informiert gewesen zu sein. Einen Informationsaustausch zwischen dem Einsatzleiter der Polizei und Kompp vor dem Anpfiff wollen die Beamten auf Anfrage zumindest nicht ausschließen. Das Spiel war damals knapp zehn Minuten vor Schluss beim Stand von 2:1 für Uerdingen abgebrochen worden, nachdem Raketen, Böller und Feuerwerk auf der Siffling-Tribüne abgeschossen worden waren. Bereits am 15. Mai – also knapp zwei Wochen vor dem Aufstiegsspiel – hatte nach einem Protokoll, das dem „Mannheimer Morgen“ vorliegt, ein Sicherheitsgespräch stattgefunden. Dieses Vorgehen ist bei Spielen dieser Art Routine. Bei diesen Gesprächen werden zwischen den Verantwortlichen des Sicherheitsdezernats der Stadt, der Polizei, dem Rettungsdienst sowie Vereinen und Sicherheitsdienst notwendige Vorkehrungen für ein sicheres Spiel getroffen.

Mangel an Ordnungskräften

Vor dem Heimspiel gegen Uerdingen wurden in der Unterredung unter anderem „200 bis 250 professionelle Security“-Kräfte vereinbart. Das Sicherheitsdezernat der Stadt steuerte anschließend nach und verlangte definitiv 250 Sicherheitsleute. 40 ehrenamtliche Ordner sollten zudem die zu diesem Zeitpunkt noch durch organisierte Fans selbstverwaltete Otto-Siffling-Tribüne (OST) bewachen.

Nach Informationen dieser Zeitung brachte der eingesetzte Sicherheitsdienst MK Solutions am Spieltag jedoch zu wenig Personal mit ins Carl-Benz-Stadion. Aus verschiedenen Quellen werden dem „MM“ „deutlich und sichtbar zu wenige“ Einsatzkräfte bestätigt. Dies sei bereits vor dem Spiel und „ohne Zweifel“ erkennbar gewesen.

Am 30. Mai – also drei Tage nach dem abgebrochenen Spiel – berichtete die Geschäftsführung des SV Waldhof bei einem Rapport im Rathaus, der Sicherheitsdienst habe 224 Mitarbeiter gemeldet, angetreten seien jedoch lediglich 170. Mannheims Sicherheitsdezernent und Erster Bürgermeister Christian Specht (CDU) gab gegenüber dem „MM“ an, erst nach dem Spiel von der Unterbesetzung erfahren zu haben.

Fragen wirft auch das Verhalten der Polizei während des Spiels auf. Beim sogenannten Kurvengespräch, das Vertreter von Sicherheit und Vereinen als Einsatzgespräch unter anderem in der Halbzeit führen, hatte der Einsatzleiter der Polizei laut Schriftsätzen, die diese Zeitung einsehen konnte, sich dazu entschlossen, mit seinen Kräften den Sicherheitsmangel auf der West-Tribüne auszugleichen.

45 Verletzte

Ziel war, das Aufeinandertreffen der beiden Fanlager zu vermeiden. Kurz vor der Halbzeit waren Anhänger des SV Waldhof attackiert worden. Auf der OST kam es dagegen „trotz anderslautender Forderungen von einigen Seiten“ auch während der laufenden Randale nicht zum Einsatz. Dies hätte laut dem damaligen Polizeipräsidenten Thomas Köber „in jedem Fall zu Körperverletzungen auf beiden Seiten“ sowie zu „Vorwürfen hinsichtlich unangemessener Polizeihärte“ geführt, wie Erster Bürgermeister und Sicherheitsdezernent Christian Specht auf Anfrage unter Bezugnahme auf das Polizeieinsatzprotokoll erklärte.

Der damalige Sicherheitsdienstleister der Blau-Schwarzen, die Phoenix Security Group, hatte am 7. Mai 2018 und damit knapp drei Wochen vor der entscheidenden Partie Insolvenz angemeldet. Kurzfristig übernahm die Bewachungsfirma MK Solutions, die zuvor bereits als Subunternehmer Sicherheitsdienst im Carl-Benz-Stadion geleistet haben soll, den Sicherheitsauftrag beim SVW. Von der Firma war trotz mehrfacher Anfrage keine Stellungnahme zu erhalten.

Für den SV Waldhof ging es Ende Mai vorigen Jahres im dritten Anlauf um den Sprung in die 3. Liga, also in den Profifußball. Nach einer 0:1-Niederlage im Auswärtsspiel wertete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das in der 82. Minute abgebrochene Spiel in Mannheim mit 2:0 für den KFC Uerdingen, der damit aufstieg. Die Polizei sprach damals von 45 Verletzten durch Ausschreitungen im und am Stadion.

Nach dem Spiel reagierte die Stadt Mannheim, hob unter anderem die Selbstverwaltung der OST auf und führte eine Sektorentrennung durch Zaunsysteme ein.

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