Thema des Tages

Katholische Kirche Mannheimer Psychiater warnt vor aktuellem Missbrauchsrisiko / Bischofskonferenz entschuldigt sich

„Viele glauben uns nicht mehr“

Archivartikel

Fulda/Mannheim.Eine erschütternde Studie über jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bringt die katholische Kirche in Deutschland unter Reformdruck. Die gestern in Fulda vorgestellte Untersuchung zeigt nicht nur die erheblichen Verfehlungen katholischer Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten auf, sondern benennt auch problematische Strukturen, die Missbrauchsfälle auch heute begünstigen könnten.

Der Leiter der Studie, Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, betonte, die Missbrauchsthematik sei daher keineswegs überwunden. „Das Risiko besteht fort“, sagte er. Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Das Bistum Speyer gab die Zahl der Opfer mit 186 an. In Mainz soll es 169 Opfer gegeben haben. Das Freiburger Bistum wollte Details erst am Freitag nennen.

Veränderungen notwendig

Zum fortbestehenden Risiko sagte Dreßing, Gründe dafür könnten beispielsweise der Missbrauch der ausgeprägten klerikalen Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie ein innerkirchlich „problematischer Umgang“ mit Sexualität sein – vor allem mit der Homosexualität. Der forensische Psychiater unterstrich, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, dann müsse sie sich mit diesen Themen „ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung“ befassen.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, hat die Opfer des massenhaften sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche in aller Form um Entschuldigung gebeten. „Allzu lange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden. Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung“, erklärte Marx gestern in Fulda bei der Vorstellung der Studie, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten umfangreich dokumentiert. Marx fügte an: „Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden; und ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben.“ Das gelte auch für ihn selbst. „Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben.“ Er konstatierte: „Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis.“ dpa