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Berlin..Vor 30 Jahren feierten die Deutschen in Ost und West die Wiedervereinigung. Doch die Einheit ist nicht überall vollzogen. Noch wächst zusammen, was zusammen gehört.

Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung für einen „demokratischen Meinungsstreit“ ausgesprochen. „Wenn wir eine Meinung äußern, dann müssen wir auch damit leben, dass andere das anders sehen, und versuchen, uns mit deren Meinung auseinanderzusetzen“, sagte sie im Interview mit dieser Redaktion. Das könne manchmal sehr anstrengend sein, es lohne sich jedoch, durch Gespräche Menschen zurückzugewinnen.

Die CDU-Politikerin betonte, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei, sondern man für sie immer werben müsse. „Vielleicht war auch in den ersten Jahren der deutschen Einheit nicht genügend Zeit, um deutlich zu machen, dass die Demokratie auch anstrengend ist“, so Merkel. Freiheit bedeute auch, mitzumachen und sich einzubringen. „Und wenn man glaubt, nicht ausreichend gehört zu werden, muss man es trotzdem immer wieder versuchen“, fügte die in Ostdeutschland Aufgewachsene hinzu. Vielleicht hätten manche Menschen auch Scheu vor einem Engagement, weil es in der DDR so viel Zwang zum Mitwirken gegeben habe.

Der langjährige Regierende Berliner Bürgermeister, Eberhard Diepgen, kritisierte im Gespräch mit dieser Redaktion, dass es noch immer finanzielle Unterschiede bei den Einkommen in Ost- und Westdeutschland gebe. „Ich halte es übrigens für einen Skandal, dass wir 30 Jahre nach der Wiedervereinigung das Problem bei Tarifen und Renten noch immer nicht gelöst haben“, sagte er. Die Bezüge der Rentner in Deutschland unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland im Durchschnitt erheblich. Deutlich ist, dass die Rentenhöhen in Ostdeutschland im Schnitt geringer sind, wie eine Übersicht der Deutschen Rentenversicherung zeigt. Am höchsten sind die Renten im Schnitt im Saarland mit 1545 Euro brutto im Monat nach 35 Versicherungsjahren. Es folgt Nordrhein-Westfalen mit 1522 Euro.

Am Ende stehen die Rentner in Thüringen mit im Schnitt 1292 Euro, in Sachsen-Anhalt mit 1299, in Mecklenburg-Vorpommern mit 1306 und in Sachsen mit 1309 Euro. Die durchschnittliche Bruttorente liegt bundesweit bei 1413 Euro. In allen Ländern kommen die Frauen im Schnitt auf weniger Rente, doch ist der Unterschied im Osten Deutschlands deutlich kleiner. Als wichtigsten Grund nennt die Rentenversicherung: „Frauen im Osten waren weniger teilzeitbeschäftigt.“ 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands halten knapp zwei Drittel der Deutschen das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht für abgeschlossen. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten 64 Prozent, dass dafür der Unterschied der Lebensverhältnisse noch zu groß sei. Nur 24 Prozent meinten dagegen, die Einheit sei vollendet. 12 Prozent machten keine Angaben.

In den Gebieten, die früher zur DDR gehörten, halten sogar 83 Prozent die Wiedervereinigung für unvollendet. In Westdeutschland sind es dagegen nur 59 Prozent. red/dpa

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