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„2019 ist ein Jahr der Frauen“

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Das Interview: Wallis Bird über ihren Weg von der schwachen kleinen Sängerin zur Powerfrau und das Album „Woman“

Mannheim.Die aus der irischen Provinz stammende Singer/Songwriterin Wallis Bird (37) stand lange eher für Indie-Pop-Rock und mitunter intime, zur Nabelschau neigende Akustik-Folk-Alben wie „Home“ (2016). Auf dem neuen Werk „Woman“ aber legt sie gleich mehrere Zähne zu. Die Platte erinnert an den Soul der 1960er Jahre, und die Inhalte sind so gesellschaftspolitisch wie noch nie – ein Interview in Birds Wahlheimat Berlin.

Wallis, Sie haben vor mehr als zehn Jahren eine Weile an der Popakademie in Mannheim studiert. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Wallis Bird: Ich habe fast zwei Jahre in Mannheim gelebt und einige tolle Musiker kennengelernt, die mich unheimlich weitergebracht haben. An der Popakademie selbst habe ich es nur drei Monate lang ausgehalten. Ich bin einfach kein Mensch, der für die Schule gemacht ist. Das wusste ich schon als Kind. Ich mochte meine Lehrer, aber ich wollte einfach nie die Sachen machen, die sie mir beizubringen versuchten.

Seit 2012 leben Sie nun in Berlin. Immer noch gerne?

Bird: Ja. Ich fühle mich sehr wohl in dieser Stadt. Ich finde, in Berlin lässt es sich sehr frei und sehr intensiv leben. Auch intellektuell ist die Stadt herausfordernd. Zudem kann man schier endlosen Spaß haben, wenn einem danach ist. Es gibt schmuddelige und sehr schöne Ecken, beides ist für mich wichtig in einer Stadt.

Was für eine Sorte Spaß haben Sie in Berlin?

Bird: Ich entdecke wahnsinnig gerne Neues. Nirgendwo geht das besser als in Berlin, irgendetwas ändert sich immer. Insgesamt habe ich nach sieben Jahren noch das Gefühl, dass ich im Urlaub bin.

Die meckernden Berliner stören Sie nicht?

Bird: Die gehören für mich dazu. Ich liebe die ernsthafte und kalte Schnauze der Berliner. Eben weil sie nicht oberflächlich ist. Man fängt hier etwas grimmig an, die Wärme kommt dann später.

Wie sind die Iren?

Bird: Anders. Am Anfang sind sie freundlich, und dann kommt die Dunkelheit (lacht).

Sie stammen aus der irischen Provinz, haben in Dublin studiert, in London gelebt und sind nun in Deutschland sesshaft geworden. Sind Sie eine Bilderbuch-Europäerin?

Bird: Das ist ein schönes Kompliment. Ich mag die Ideale und Vorstellungen, die hinter der Europäischen Union stecken. Für mich ergibt das sehr viel Sinn, auch wenn sie uns Iren ganz schön durchgerüttelt hat.

Wie meinen Sie das?

Bird: Zehn Jahre lang wurden wir mit dem Geld der EU zugeschüttet, Irland wurde ein wohlhabendes Land. Aber auch zu einem Volk von egoistischen Arschlöchern. Die Finanzkrise ab 2008 hat uns unser neureiches Gehabe ausgetrieben. Plötzlich war das Geld wieder weg, und wir besannen uns auf traditionelle Werte, auf unseren Zusammenhalt.

Darum geht es auch auf „Woman“, oder wovon handelt etwa „Love Respect Peace“?

Bird: Ich fand die Sixties gut. Ich mochte die Hippies. Liebe, Respekt und Frieden, es hört sich so naheliegend und fast banal an, aber das ist es gar nicht. Wir brauchen diese Werte wieder stärker im Leben. Kürzlich kamen überall im Fernsehen die Dokus zum 50. Jubiläum von Woodstock. Was für eine Stimmung! Was für ein Flair! Damals haben Musiker mit ihren Songs und Texten wirklich die Welt verändert. Im Unterbewusstsein sickerten dieser Sound und diese Haltung in mein Album.

„Woman“ klingt nach warmem Soul, nach Platten des Motown-Labels, nach Diana Ross, Roberta Flack und Al Green.

Bird: Ja, das ist ein Soul-Album, voll und ganz. Viele dieser Künstlerinnen und Künstler werden älter und sterben, auch die Autoren dieser Lieder. Was haben sie damals alles gesagt, was haben sie für Beiträge geleistet. Und was tun wir? Hat moderne Pop- und Rockmusik überhaupt etwas zu sagen? Im Moment kratzt das alles nur an der Oberfläche, wenn überhaupt. Was wir benötigen, ist eine positive, emphatische Revolution. Rassentrennung in den USA, die Apartheid in Südafrika – das ist erst 30 bis 50 Jahre her, und es fängt an, so ähnlich wieder zu passieren. Wir Menschen müssen uns gegenseitig viel mehr lieben und nicht fertigmachen. Klingt kitschig, aber scheiß drauf, dann ist das so.

Womit kann man anfangen?

Bird: Aufhören, negativ über andere zu sprechen. Jeden so akzeptieren, wie er ist. Das ist doch nicht so schwer. Jahrelang wurden Selbstoptimierung und Schönheitsoperationen vergöttert. Um Produkte zu verkaufen, muss man den Leuten erklären, dass sie nicht perfekt sind. Um Seife zu verkaufen, musst du ihnen klarmachen, dass sie schmutzig sind. Das hat alles giftige Dimensionen angenommen. Wir sind nicht mehr im Einklang mit unserer inneren Schönheit und kritisieren uns selbst, aber auch andere viel zu heftig. Außerdem ist es keine gute Idee, immer zu sagen, was man denkt. Oft ist es genau richtig, einfach mal zu schweigen.

An wen richtet sich der hymnische Song „Woman Oh Woman“? An Ihre Freundin? Oder an alle Frauen auf der Welt?

Bird: Ja und ja. Jede und jeder von uns kennt mindestens eine magische, unglaubliche Frau. Ich habe das Lied für meine Partnerin gesungen, für mich steht es in der Tradition toller Liebesballaden etwa von Elvis Costello oder Tony Bennett.

Warum heißt das Album so?

Bird: Ich bin jetzt eine Frau von 37 Jahren. Ich habe Erfahrungen gemacht und das Gefühl, aus dem Frauenblickwinkel etwas zu sagen zu haben. Wir müssen wieder zu „Mother Earth“ zurückkommen, uns verbinden mit den Menschen, den Tieren, der Umwelt. Mehr Femininität, mehr Gleichberechtigung, mehr positives Denken werden uns guttun. 2019 ist ein Jahr der Frauen. Die #MeToo-Bewegung, Abtreibungsrechte, Ehe für alle, Frauenquote, gleiche Bezahlung – die Welt ändert sich, meistens zum Besseren. Früher war es oft als Schimpfwort gemeint, wenn man jemanden als Feministin titulierte. Heute sage ich mit Stolz: Ich bin eine Feministin.

Wie definieren Sie das?

Bird: Gleichberechtigung in allen wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Ich will den Männern nichts wegnehmen. Aber sie sollen nicht mehr denken, ihnen stünde mehr zu, nur weil sie Männer sind.

Hatten Sie Business-Nachteile?

Bird: Absolut. Ich musste mich zwingen, maskuliner zu werden, um überhaupt eine Chance zu haben. Als „kleine Sängerin“ stand ich schwach da, also erklärte ich mich selbst zur „Powerfrau“. Ich wollte nicht mehr sanft behandelt werden, ich musste meine Persönlichkeit härten, um in einer Umgebung zurechtzukommen, die vorwiegend männlich war und noch immer ist. Doch hier bin ich. Ich habe mich nicht für dumm verkaufen lassen, bin aufrichtig und korrekt geblieben und lebe heute ein sehr gutes, sehr glückliches Leben.

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