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„30 Jahre sind gar keine so lange Zeit“

Deutschpop: Stefanie Kloß und Andreas Nowak von Silbermond über Mauerfall, Sachsen, Parteien und neue Facetten

Auf ihrem sechsten Album „Schritte“ macht die in Bautzen gegründete Band Silbermond nicht nur wie gewohnt schönen, eingängigen Deutschpop. Wie Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak im autorisierten Interview vor ihrem Konzert am 27. Januar in der Mannheimer SAP Arena betonen, schlagen sie sehr bewusst auch erstmals gesellschaftspolitische Töne an – differenziert und sanft, aber bestimmt.

Frau Kloß, Herr Nowak, mit dem sechsten Album „Schritte“ sind Silbermond zum dritten Mal auf Platz eins gelandet. Was bedeutet das heutzutage noch angesichts massiv gesunkener Absatzzahlen?

Stefanie Kloß: Für uns heißt es erstmal, dass ein paar Leute die Platte zu Hause haben – was uns wahnsinnig freut.

War nach Platz vier für den letztlich doch mit Platin ausgezeichneten Vorgänger „Leichtes Gepäck“ mit der Spitzenposition zu rechnen? Gegen enorme Konkurrenz in der Hauptsaison?

Kloß: Gerechnet haben wir mit gar nichts. Wenn man eine Platte macht, hat man erstmal keine Erwartungen. Man hofft natürlich, dass die Leute die Gedanken und Emotionen teilen, die wir bei den Songs haben. Aber es war bis zuletzt eine Mischung aus innerer Anspannung und Vorfreude.

Die Tournee, mit der Silbermond am 27. Januar in die Mannheimer SAP Arena kommen, ist für Sie und Ihren Partner Thomas Stolle die erste als Eltern. Haben Sie die Logistik für die Konzertreise mit dem 20 Monate alten Sohn schon ausgeklügelt? Telefoniert man da mit anderen jungen Popstar-Müttern wie Juli-Sängerin Eva Briegel oder Judith Holofernes von Wir sind Helden? So viele Beispiele gibt es in Deutschland ja nicht.

Kloß: Es gibt genug andere Familien, die wesentlich kompliziertere Abläufe zu regeln haben. Alleinerziehende Mütter zum Beispiel. Ich glaube, wir kriegen das schon gut hin.

Judith Holofernes sagte mir mal, es sei gar nicht so einfach, einen Tourbus kleinkindtauglich zu bekommen. Da war von abgeklebten Klimaanlagen die Rede.

Andreas Nowak: Zu Klimaanlagen musste man sich schon immer solche Tricks einfallen lassen. Wenn die laufen und einer hat irgendwas, bekommen die Viren plötzlich alle. Am Besten, man schaltet sie aus.

Silbermond stammen aus dem sächsischen Bautzen. Wie haben Sie das 30. Jubiläum des Mauerfalls erlebt, das im letzten Quartal 2019 sehr präsent war? Zuletzt herrschte ja ein Gefühl vor, als ob Ost und West eher auseinanderdriften als zusammenzuwachsen.

Nowak: 30 Jahre sind gar keine so lange Zeit. Ihr Eindruck liegt daran, dass sich für viele Leute im Osten wesentlich mehr geändert hat als für viele Leute im Westen.

Die vier Silbermond-Mitglieder wurden 1982 bis 1984 geboren, seit 2004 sind Sie bundesweit erfolgreich. Ich hatte lange den Eindruck, als ob die Herkunft bei Ihrer Generation gar keine Rolle mehr spielen würde. Silbermond sind ja nie als Ostband gesehen worden. Plötzlich müssen Sie aber auch über Ihre Herkunft und die Lage in Sachsen sprechen. Stehen die Unterschiede zurzeit mehr im Rampenlicht?

Kloß: Das liegt für mich an der Dringlichkeit des Themas, der Situation. Der gesamte Rechtsruck – das gibt es ja nicht nur in Ostdeutschland, sondern überall in Europa und auf der ganzen Welt. Wir alle dachten, dass wir einen Björn Höcke so langsam mal hinter uns gelassen hätten. Plötzlich ist so jemand wieder auf der Bildfläche. Aber das war alles nie weg, und wird nie weg sein. Es wird immer Menschen geben, die – aus welchen Gründen auch immer – enorme Wut und Unzufriedenheit in sich haben. Da müssen wir als Gesellschaft einfach ran. Deshalb hat man vielleicht auch mehr denn je das Bedürfnis, sich dazu zu äußern und zu engagieren. Um mitzuhelfen, dass wir als Gesellschaft nicht den guten Ton verlieren. So dass man weiter vernünftig miteinander reden und Lösungen finden kann.

Das klingt auch in einigen der neuen Lieder an. Sehr wohltemperiert ... Viele Künstlerkollegen haben ja lange nur draufgehauen auf AfD, Pegida und Co. Soll Ihre unaufgeregte Herangehensweise auf konstruktive Art den Umgang zwischen Andersdenkenden „entzornen“?

Nowak: Ja, das ist schön gesagt. Da spiegeln unsere Lieder hoffentlich auch einen Zeitgeist wieder, indem sie beruhigen und entkrampfen. Das fände ich echt schön. Jeder weiß doch, dass es nichts bringt, mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen und zu sagen: „Mach es so und so.“ Das muss immer von einem selbst kommen. Das Wichtigste ist, dass jeder aus der Musik, aus der Kunst etwas Eigenes schöpft und Anstöße bekommt.

Vor allem das charmant-utopische Lied „Träum ja nur (Hippies)“ geht in diese Richtung. Ist das der Gegenentwurf zum dystopischen K.I.Z.-Hit „Hurra, die Welt geht unter“?

Kloß (lacht): Das Lied kenne ich nur grob. Deshalb haben wir keine Bezüge dazu eingebaut. Ein Journalist hat uns kürzlich gefragt, ob „Träum ja nur (Hippies)“ unser kleines „Imagine“ wäre. Das fand ich eigentlich ganz schön. Es hat ja auch keiner John Lennon dafür belächelt, dass er gesagt hat: „Komm, lass uns mal eine Welt vorstellen, in der die Menschen in Frieden leben.“ Wir brauchen den Raum für solche Menschen mit Visionen und neuen Gedanken, auch wenn sie erstmal verrückt oder unrealistisch klingen – und müssen aufpassen, dass wir sie nicht belächeln. Denn genau die Leute haben die Entwicklung der Welt vorangebracht. Sonst würden wir immer noch denken, die Erde wäre eine Scheibe. Wichtig ist aber auch, dass dieses Lied zwar ein ernstes Thema behandelt, sich aber nicht so ernst nimmt.

Wie bei dieser Antwort jetzt haben Sie auch im Liedtext die möglichen Einwände und Gegenargumente schon vorweggenommen. Ist das eine Reaktion auf den Wahnsinn in den sozialen Medien?

Kloß: Nö. Nur manchmal merke ich, wenn ich antworte, weiß ich sofort, dass es mittlerweile wichtig ist, auch in die Grautöne zu schauen. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Das ist gerade so in mir, wenn ich argumentiere, dass ich die andere Seite auch sehe. Und es selber von mir fordere, zwischen den Zeilen zu lesen.

Sie sind als Band 2004 nach Berlin gezogen. Wie stark sind die Heimatgefühle in Bezug auf Sachsen – angesichts der negativen Schlagzeilen aus Chemnitz oder Dresden?

Nowak: Wenn wir nach Hause kommen, treffen wir nicht nur in Bautzen immer wieder auf Leute, die für ein buntes Sachsen stehen – und lernen auch neue kennen. Aber es gibt auch die andere Seite, klar.

Was könnte man tun, um die Lage zu verbessern? Mit Musik ist ja vieles möglich ...

Nowak: Nicht die Jugendhäuser schließen! In Bautzen wurde das Jugendhaus geschlossen, in dem ich auch war und in dem ich angefangen habe, Schlagzeugunterricht zu nehmen. Das war dort günstig, Musikstunden konnte sich nicht jede Familie leisten. Da fällt jetzt etwas Wichtiges weg. Ich glaube, in die Jugend kann der Staat nicht genug investieren. Man muss Jugendlichen die Chance geben, sich zu beschäftigen – und das nicht den Rechten überlassen.

Frau Kloß: Sie waren auf Einladung der sächsischen SPD Mitglied der 16. Bundesversammlung, die Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt hat. Was war das für eine Erfahrung beim Schnupperkurs in der „großen Politik“?

Kloß: Wir sind ja bekannt dafür, dass wir keine Parteiveranstaltungen machen. Wir spielen auch nicht für Parteien oder auf Kirchentagen, sondern sind komplett neutral. Schon, weil jeder von uns seine eigene Haltung hat. Als wir gefragt wurden, haben wir uns dafür entschieden, weil die Einladung von einer demokratischen Partei kam und es sich um eine Bürgerversammlung handelt, bei der ich nicht gezwungen bin, automatisch mit einer bestimmten Partei zu stimmen. Wir haben vorher auch klargemacht, dass es keine Fotos mit irgendwelchen Parteivertretern geben wird. Das haben sie akzeptiert. Dann war es für mich einer der bewegendsten Momente überhaupt.

Inwiefern?

Kloß: Es war wahnsinnig beeindruckend: Da weht einen plötzlich der Wind der Geschichte an, die Größe, aber auch die Komplexität, die der demokratische Prozess hat – das geht schon unter die Haut. Aber es war natürlich auch irgendwas zwischen „Boah, die kenne ich ja aus dem Fernsehen!“, wenn du neben dir Urgesteine der Politik wie Gysi oder Lafontaine siehst, und dann aber auch erschreckend, dass mir die frühere AfD-Chefin Petry direkt gegenübersaß, deren negative Ausstrahlung ich innerlich regelrecht gespürt habe und dachte: „Wow, was ist denn da los?“ Die ganzen Reaktionen dieses Flügels fand ich sehr merkwürdig. Das hatte nichts mit offen und tolerant zu tun. Ich finde, wenn du als Bürger die Möglichkeit hast, mitzuentscheiden – dann mach’s doch, verdammt noch mal! Zieh dich nicht aus der Verantwortung und reg’ dich hinterher noch auf, dass alles keinen Sinn macht, weil nichts in deinem Sinne passiert.

Was muss eine Partei bieten?

Kloß: Ich würde mir für die gesamte Parteienlandschaft wünschen, dass sie ihr inneres Gleichgewicht wiederfindet – natürlich jede Partei für sich. So, dass sie jeweils einen Weg, einen Fahrplan haben. Es wirkt gerade alles so ... unsicher, alle reagieren nur, statt selber einen Plan zu haben und vorzugeben, wie es zu laufen hat. Das macht wahrscheinlich auch die Leute unsicher.

Ich hatte schon 2015 auf dem Album „Leichtes Gepäck“ den Eindruck, der sich jetzt mit „Schritte“ noch verstärkt hat: Sie singen ganz anders als früher, oder?

Kloß: Ja?

Ja, vorher gab es in Prinzip zwei Modi: viel oder wenig, laut oder leise mit wenig dazwischen. Jetzt variieren Sie im Studio viel mehr, es gibt zum Beispiel auch mal eine Art lockeren Sprechgesang. Hat die Arbeit als Coach für die Castingshow „The Voice Of Germany“ und das musikalische Fremdgehen mit Liedern anderer Künstler bei „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ Sie auf den Geschmack gebracht?

Kloß: Die Erfahrungen waren auf jeden Fall gut und wichtig. Der Fokus auf mehr Facetten der Stimme ist aber schon mit der Arbeit an „Leichtes Gepäck“ gekommen. Davor hatten wir eine Zäsur gemacht und festgestellt, dass das, was wir als Band wollen nicht im Einklang ist, mit dem Team drumherum. Wir mussten uns um wahnsinnig viele Dinge kümmern und hatten das, was am wichtigsten ist, etwas aus dem Fokus verloren: Dass wir Musiker sind, die Arbeit im Proberaum, an den Instrumenten und der Stimme. Als wir dann eine Konstellation hatten, in der wir vertrauensvoll organisatorische Dinge abgeben konnten, war Zeit, sich um einzelne Facetten unserer Mucke zu kümmern.

Das bedeutete für Sie als Sängerin?

Kloß: Wir sind dann mehr auf die Stimme gegangen, um zu sehen: Da gibt es wesentlich mehr Facetten, Dynamiken und Stimmfarben, die man nutzen kann. Ich habe dann wieder angefangen, verschiedene Gesangslehrer auszuprobieren, andere Techniken und Freiheiten auszuloten. Ich habe da krass an mir gearbeitet. Der Sprechgesang, den Sie angesprochen haben, ist für mich so eine neue, sehr schwierige Facette. Die großen Melodien fallen mir leichter. Aber das macht die Platte so vielseitig.

Ist Fernsehen weiter ein Thema?

Kloß: Erstmal nicht, jetzt kommt die Tour. Daneben und während einer Albumproduktion bleibt keine Zeit. Mark Forster hat mir mal gesagt, dass er vor lauter „The Voice“-Aufzeichnungen gerade mal zehn Konzerte spielen konnte. Das ist nicht so unser Ding. Wir sind eine Live-Band.

Apropos: In den frühen Jahren, etwa beim Mannheimer SWR-Festival Pop im Hafen 2006, war live durchaus noch zu hören und zu sehen, dass Silbermond eine gewisse Metal-Affinität haben. Spielt das heute noch eine Rolle?

Nowak: Metal-Anleihen? Ja, wenn wir im Proberaum jammen, kommen schon mal ein paar Riffs um die Ecke, die nicht unbedingt auf einer Silbermond-Platte landen. Johannes und ich hören schon noch ganz gern Metal.

Was genau?

Nowak: Ich mag zum Beispiel Despiced Icon, Thy Art Is Murder oder Fit For An Autopsy.

Harte Deathcore-Kost.

Kloß: Ich würde bei Silbermond nicht von Metal-Anleihen sprechen. Aber wir waren schon immer ziemlich gitarrenlastig unterwegs. Auch ein bisschen punkig. Wir waren eben jung, da spielt man gern so haudrauf-mäßig. Aber unsere Fans wissen, dass es live immer ordentlich zur Sache geht.

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