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Überlebende vom Blutrausch erfasst

Freilichtbühne: Wormser Nibelungenfestspiele inszenieren mit „Siegfrieds Erben“ eine Fortsetzung der Sage

Worms.Das Nibelungenlied, das ein unbekannter mittelhochdeutscher Dichter vor über 700 Jahren aufgeschrieben hat, mag ein unvergängliches Werk sein – Weltliteratur also. Doch die Rezeptionsgeschichte spiegelt die unterschiedlichen Zeiten wider, in denen sich der Plot um Drachentöter Siegfried und den Untergang des Burgunderreiches immer wieder neu nach seiner Aktualität befragen lassen muss.

Die Zeit ist über Friedrich Hebbel hinweg gegangen, der dem deutschen Nationalepos ein Trauerspiel gewidmet hat, das auch in Worms mehrfach als Vorlage diente. Vorbei die Zeiten, in denen sich der Wormser Stadtrat über die Frage in die Haare kriegte, ob sich die Stadt mit diesen Festspielen nicht übernehmen würde. Und auch über manchen Regisseur oder Intendanten ist die Zeit hinweg gefegt. Das gilt selbst für den posthum vom #MeToo-Skandal verschlungenen früheren Intendanten Dieter Wedel, dem man in Worms inzwischen ein stillschweigendes Andenken bewahrt.

Niemand konnte vorhersagen, dass sich die Nibelungenfestspiele seit ihrem Beginn 2002 zu einem kulturellen Leuchtturm in der Region entwickeln würden. Doch um diese Position zu behalten, müssen die Macher der Festspiele hart arbeiten. Von Jahr zu Jahr gilt es aufs Neue, die Existenzberechtigung durch innovative Regieansätze zu bestätigen. Die Zeit wetzt ihre Zähne gerade an künstlerischen Projekten, die sich bereits seit Jahren bewährt haben, ohne schon in die Form einer ehernen, unanfechtbaren Tradition gegossen worden zu sein.

Und dann das: Nachdem der Münchener Schriftsteller Albert Ostermaier in den vergangenen drei Jahren mit „Gemetzel“, „Gold“ und „Glut“ für aufsehenerregende, von der Kritik allenfalls wohlwollend bis hämisch aufgenommene Stücke geschrieben hat, die von Regisseur Nuran David Callis auf die Bühne gebracht wurden, entscheiden sich Wedels Nachfolger Nico Hofmann und sein Künstlerischer Leiter Thomas Laue für den jährlichen Autoren- und Regiewechsel. Eine Methode, um dem drohenden Zahn der Zeit davonzueilen?

Jedenfalls versprechen sich die Macher der Wormser Festspiele von ihrer Strategie jede Menge neuer Ideen, überraschende Wendungen und die Elimination dessen, was im Kulturbetrieb wie ein tödliches Gift gefürchtet wird: Langeweile. Und sie beweisen Mut, indem sie von literarischen Vorlagen abweichen, indem sie den Stoff neu denken – indem sie ihn zu Ende denken.

„Siegfrieds Erben“, so der Name des neuen Stücks, das ab 20. Juli auf der Wormser Festspielbühne aufgeführt wird, steht jedenfalls in keinem gelben Dramenheftchen. Es entspringt ausnahmslos der Fantasie eines Autorenduos, das sich auskennt mit Königsdramen, mit Liebe, die in Mord und Totschlag endet, und mit menschlichen Triebkräften, die sich, anstatt sich ethischen Idealen zu verpflichten, mit größter Leidenschaft dem schnöden Mammon ergeben. Ganz zu schweigen von alledem, was irgendeinen Gewinn an Macht und Einfluss über andere verspricht.

„Siegfrieds Erben“ beruht auf einem Buch, das Romancier Feridun Zaimoglu („Evangelio“) und sein Schreibpartner Günter Senkel erdichtet haben – beide sind erfahrene und renommierte Dramenschreiber von Shakespeares Gnaden. Ausgangspunkt war die trivial scheinende Beobachtung, dass die Schlacht der Hunnen gegen die Burgunder nicht nur Tote, sondern tatsächlich auch Überlebende hinterlassen hat. Die Frage lag nahe: Wie würden diese Überlebenden weiter machen? In welche Richtungen würden ihre Wege weisen? Was würde aus Kriemhild werden, die den Rachefeldzug gegen ihren eigenen Familienclan inszeniert hat, um den früheren Mord an Siegfried zu rächen? Und wohin würde es Hunnenkönig Etzel treiben, der in der Schlacht seine drei Kinder verloren hat?

Aus diesen Fragen ergab sich für das Autorenduo eine Antwort, die ziemlich evident erscheint, weil sie der Logik des bisherigen Dramas folgt: König Etzel reitet nach dem Gemetzel nach Worms, um dort sein vermeintliches Erbe einzufordern – den Nibelungenschatz. In Worms sind unterdessen allerdings auch Siegfrieds Eltern, das Königspaar Siegmund und Sieglinde aus Xanten, eingetroffen, die Ansprüche auf den Schatz erheben. Das riecht, man ahnt es längst, abermals nach Krieg und Leid. Zumindest hierin scheinen sich die Nibelungenfestspiele treu zu bleiben.

Wie auch in dem Bemühen, der Inszenierung durch Schauspieler Glanz und Reputation zu verleihen, die in Film und Theater einen Namen haben: In diesem Jahr an erster Stelle zu nennen Jürgen Prochnow, der den Hunnenkönig Etzel spielen soll. In weiteren Rollen zu sehen sind Ursula Strauss als Brunhild, Linn Reusse als Swanhild (Tochter von Siegfried und Kriemhild), Bruno Cathomas als König Siegmund und Jimi Blue Ochsenknecht als Siegfrieds Sohn.

Sehnsucht nach Leben

Regie führt Roger Vontobel, der am Mannheimer Opernhaus Verdis „Aida“ und Beethovens „Fidelio“ inszeniert hat. Der Schweizer verspricht ein tragisches Stück, in dem der Blutrausch seine Opfer verlangt – und in dem hinter den Masken der zu Legenden erstarrten Sagengestalten Menschen sichtbar werden, die uns in ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Wut und ihrer Angst sowie in ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben nahe kommen wollen.

Intendant Nico Hofmann, der in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht hat, das den Titel trägt: „Mehr Haltung, bitte!“, kennt in der Beschäftigung mit der Geschichte vor allem eine Maxime: Wer die Geschichte verstehen lernt, kann auch sich selbst besser verstehen. Diesen Ansatz vertritt der Filmemacher auch bei seiner Wormser Intendanz. Vor diesem Hintergrund lässt sich der hohe Ehrgeiz bei der Interpretationsarbeit nachvollziehen, den die Festspiele von Anbeginn an vertreten haben. Je näher Kriege in die Gegenwart rücken, umso drängender erscheint die Befragung eines Stoffes nach Konfliktlösungen, die bereits vor vielen hundert Jahren à la mode waren.

In Worms hebt sich der Vorhang vor der Kulisse des Kaiserdoms zum ersten Mal wieder am Freitag, 20. Juli. Das Stück „Siegfrieds Erben“ wird bis 5. August insgesamt zwölf Mal aufgeführt. Vor einem eher abstrakt gehaltenen Bühnenbild (Palle Steen Christensen) soll eine Art Kammerspiel entstehen, das den feindlichen Zusammenprall von Völkern im individuellen Maßstab einiger handelnder Personen abbildet.

Auch das Festspielprogramm widmet sich den Themen, die in der Inszenierung aufgeworfen werden.

Prominente Gäste sind die Schauspieler André Eisermann, Dominic Raacke, Katja Weitzenböck, Alexandra Kamp, Maximilian Laprell, der Künstler und Bildhauer Josef Lang sowie das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel.

So wird es neben dem Stück „Siegfrieds Erben“ eine weitere Uraufführung geben: „Last Exit: Hunnenland“ von Maximilian Lang, inszeniert von Charlotte Sprenger (Schauspiel Köln). Lang ist Gewinner des Autorenwettbewerbs 2017 der Wormser Festspiele. Zu sehen sind auch die Komödie „Die Niere“ von Stefan Vögel und die Romantikkomödie „Gut gegen Nordwind“ inklusive Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ von Daniel Glattauer. Zu den Theaterbegegnungen werden Nico Hofmann sowie Feridun Zaimoglu und Günter Senkel erwartet.

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