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„Angst ist noch gegenwärtiger“

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Indie-Pop: Get-Well-Soon-Kopf Konstantin Gropper über gesellschaftliche Anspannung und Komponieren für Netflix

Mehr als nur ein bisschen, sondern eine große Horrorshow bietet der Wahl-Mannheimer Konstantin Gropper mit The Get Well Soon Big Band am 26. Oktober im Ludwigshafener BASF-Feierabendhaus. Im Zentrum steht das Thema Angst, das für den 37-Jährigen unsere Zeit bestimmt und dem er 2018 das erfolgreiche Konzeptalbum „The Horror“ gewidmet hat. Im autorisierten Interview im Stadtteil Feudenheim spricht Gropper über die anhaltende gesellschaftliche Anspannung, Streaming und Komponieren für Netflix. Einen Vorgeschmack auf das zumindest kammerorchestral anmutende „Le Grand Horrorshow“-Konzept bietet die jüngst zum Download veröffentlichte Mini-LP „The Horror (Live At Parkbühne GeyserHaus Leipzig )“ mit vier Songs.

Herr Gropper, 2018 haben Sie unter dem Eindruck des gesellschaftlichen Klimas mit „The Horror“ ein Konzeptalbum rund um Angst auf allen Ebenen gemacht, vom Alptraum-Szenario bis zu Terror und Politik. Hat sich seitdem etwas verändert?

Konstantin Gropper: Nein, es wird eher immer schlimmer. Angst ist noch gegenwärtiger. Man muss ja nur in die Nachrichten schauen: Wahnsinn, was da los ist. Allein, das Zauberwort „Deal“ des US-Präsidenten Donald Trump jagt einem Schauer über den Rücken. Man liest heute von einem Waffenstillstand zwischen Kurden und Türken in Syrien und man weiß schon: Übermorgen erfahren wir, was in diesem Deal sonst noch drin stand und dass es ziemlich sicher alles noch schlimmer macht. Das Thema Angst ist jedenfalls immer noch aktuell..

Laut Shell-Jugendstudie hat die junge Generation in Deutschland vor allem Angst um das Klima. Sie sind Familienvater. Waren Sie bei der letzten „Fridays For Future“-Demonstration in Mannheim?

Gropper: Ich selbst war leider nicht da. Aber das Thema betrifft natürlich jeden. Und ich finde das Phänomen erstaunlich und wunderbar: Wie jung die Leute dahinter sind und was sie tatsächlich erreichen. Wann hat man das zum letzten Mal gesehen, dass mehr oder weniger allein mit Demos ein Thema derartig auf die internationale Tagesordnung gesetzt wurde? Und zwar ganz oben! Um das kommt keiner mehr herum, so sehr, dass das Establishment vor diesen Kindern regelrecht Angst hat. Ähnlich wie die Anti-Waffen-Proteste in den USA vor einem Jahr. Das macht Hoffnung.

Institutionell schlägt beides trotzdem noch nicht so richtig durch. Finden Sie „Fridays For Future“ trotzdem wirkungsmächtiger als die Bewegungen gegen Atomenergie oder die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, aus denen später die Grünen hervorgingen?

Gropper: Ich denke, bei „Fridays For Future“ zeigt sich endlich mal ein positiver Effekt der vermaledeiten sozialen Medien – da ist sicher viel Gruppenzwang dabei: Das macht man jetzt einfach, ohne unbedingt totaler Überzeugungstäter zu sein. Was in diesem Falle positiv ist. Denn durch die schiere Masse funktioniert es. Eine Masse, die da heute ohne allzu großen Aufwand mobilisiert werden kann – das ist großartig, in anderen Belangen aber auch total beängstigend. Grundsätzlich muss die Politik darauf reagieren. Aber zuerst ist das sicher eine „Revolution von unten“ und „im Kleinen“, also von zu Hause aus. Zum Beispiel „Im nächsten Urlaub wird halt nicht geflogen.“ Und so weiter.

Sie haben von einer selbsttherapeutischen Wirkung beim Schreiben und Produzieren der Platte „The Horror“ gesprochen. Geht es Ihnen jetzt besser? Haben Sie zum Beispiel weniger Alpträume, von denen Sie einige vertont haben?

Gropper: Ich hatte vorher schon nicht soo viele Alpträume. Aber es sind seitdem tatsächlich sehr wenige gewesen. Ob das etwas mit der Platte zu tun hat, weiß ich nicht. Selbsttherapeutisch ist das Songschreiben immer. Was bei „The Horror“ dazugekommen ist: In dieser Hilflosigkeit, die man zurzeit in vielerlei Hinsicht empfindet, schien mir diese Platte das Einzige zu sein, was ich momentan dagegen tun kann.

Ist das aufgegangen?

Gropper: In gewisser Weise. Dass nun auch in Interview-Situationen solche Themen angesprochen werden, ist für mich ein Mittel, mich damit auseinanderzusetzen – im Rahmen der Öffentlichkeit, die mir zuteil wird. Das ist das, was ich tun kann und dazu habe ich mich sozusagen mit diesem Album „gezwungen“. Ansonsten ist das Gefühl der Machtlosigkeit immer noch da – ein zentraler Teil der Angst.

Wie war die Publikumsresonanz auf die Platte? Wurde sie besonders häufig verkauft, weil das Thema den Nerv trifft und viele sie in ihre eigene Selbsttherapie integriert haben. Oder war eher das Gegenteil der Fall?

Gropper: Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht immer ganz genau. Ich denke, die Resonanz ist zumindest einigermaßen stetig. Das kann ich vor allem bei Konzerten sehen. Kommerzielle Vergleiche sind heutzutage echt schwierig zu machen, weil bei jeder Platte der Markt ein komplett anderer ist.

Durch die zunehmende Digitalisierung und das Abschmelzen der physischen Verkäufe.

Gropper: Ja, da muss man Streaming gegen Downloads und physische Verkäufe aufrechnen. Was kaum möglich ist. Aber Gott sei dank scheint es die Leute immer noch zu interessieren – „they keep coming back“, wie man so schön sagt (sie hören nicht auf, wiederzukommen).

Es gibt immer häufiger relevante Platten, die gar nicht oder nur eingeschränkt auf CD und LP erscheinen. Zuletzt Tool, Kummer, am 25. Oktober der Erstling des Ludwigshafeners Apache 207. Geht es zu Ende mit physischen Tonträgern?

Gropper: Ich persönlich mag sie schon noch, höre sie zugegebenermaßen aber selten. Vor allem die CD und noch krasser der bezahlte Download sind Übergangsmedien. Streaming ist die Zukunft. Aber wenn ich ein Album mache, möchte ich schon noch, dass es physisch rauskommt und gut aussieht. Selbst wenn das nur mir gefällt.

Streaming-Dienste verschenken Musik teilweise ja immer noch, weshalb unterhalb der Superstar-Ebene extrem wenig Geld bei den Künstlern ankommt. Wie kann sich das ändern? Vielleicht durch Exklusivität? Die Beatles kann man nur bei Apple Music hören, die Stones sind bei Spotify.

Gropper: Sie meinen, dass Streaming-Dienste die Aufgaben von Plattenfirmen übernehmen? Dann wäre man quasi bei Spotify unter Vertrag. Das kann sein, ist bisher aber die Ausnahme. Mir wird zuletzt immer gesagt, dass die neue Generation von Hörern wieder bereit sei, Geld für Musik auszugeben. Mein Hauptkritikpunkt am Streaming war immer, dass es eine Gratismentalität aufbaut. Das scheint besser zu werden.

Am 16. Oktober ist zu Ihrer Tour mit der Get Well Soon Big Band ein Mini-Album mit vier Liedern nur digital erschienen. Für Popverhältnisse sind das wie gewohnt recht komplexe Arrangements. Haben Sie die selber gemacht?

Gropper: Ja, das ist im Prinzip wie auf dem Studioalbum arrangiert, nur heruntergebrochen, weil die Besetzung etwas kleiner ist. Mit der „Nightmare No.3 Variation“ ist ein bislang unveröffentlichtes Stück dabei, das Band-Saxofonist Andreas Pompe komponiert hat. Es war eine Auftragsarbeit zum Reeperbahnfestival 2019, wo wir im „Michel“ drei Variationen der Alptraumstücke uraufgeführt haben. Die anderen beiden stammten von meinem Vater an der Orgel und von der tunesischen Sängerin Gahlia Benali. Die Bläser-Variation ist seitdem Bestandteil der Tour-Konzerte.

Wie ist die Besetzung am Samstag in Ludwigshafen?

Gropper: Die Kern-Band plus Streich- und Bläserquartett.

Wie wichtig sind Ihnen immer wieder neue musikalische Kontexte?

Gropper: Sehr wichtig! Mit großem Ensemble macht es einfach wahnsinnig großen Spaß. Zumal das Album ja dafür geschrieben ist. Ich hatte auch riesiges Glück, dass die Leute musikalisch und menschlich extrem gut passen. Das ist richtig zusammengewachsen.

Wo stammen die zusätzlichen Musiker her?

Gropper: Die Bläser waren schon auf diesem sowie dem vorigen Studioalben von mir zu hören und sind in der Jazz-Szene hier im Rhein-Main-Neckar-Gebiet sehr aktiv. Die Streicher gehören zu den Berlin Strings, die auf Popmusik spezialisiert sind. Die erste Geige spielt allerdings mein guter Freund Sam Vance-Law, der auf dem Album und live auch Gesangsgast ist.

Ihre Konzerte haben ähnlich wie die Alben oft den Charakter von Gesamtkunstwerken. Was sich aus Hörersicht festzuhalten lohnt, wie die neue EP zeigt. Oder auch die Umsetzung von „Vexations“ mit dem Orchester des Nationaltheaters. Warum hat es nicht für eine ausgewachsene Live-Platte gereicht?

Gropper: Die EP wurde mir vorgeschlagen und ist eine Art Kompromiss. Denn: Ich mag Live-Alben überhaupt nicht. Ich höre mir auch keine von anderen Bands an. Nicht mal legendäre Mitschnitte von The Who oder „MTV Unplugged“.

Warum?

Gropper: Da bin ich vermutlich zu sehr Produzent. Mich interessiert, wie Kollegen ihre Studioplatten aufnehmen. Trotzdem fand ich die Idee von der Live-EP schön. Einfach, weil das Ensemble so harmoniert und die Gastmusiker mehr geworden sind als „nur“ Gastmusiker. Ein physisches Live-Album werde ich wahrscheinlich nie machen – weil es mich nicht interessiert.

Zuletzt haben Sie die Musik zur zunächst sechsteiligen Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“geschrieben. Wie kam es dazu und wie erfolgreich läuft das? Netflix gibt ja nie Zahlen bekannt.

Gropper: Mit der Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik von Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann bin ich schon eine Weile befreundet. Die machen meine Videos, ich schreibe viel Musik für sie. Die Serie ist tatsächlich extrem erfolgreich, auch im Ausland.

Wie geht es da nach der ersten Staffel weiter?

Gropper: Es geht weiter. Die zweite Staffel ist fast abgedreht, gerade geht es mit der Musik los. Inzwischen hat Netflix auch eine Europa-Dependance. Damals haben wir noch direkt mit den Amerikanern gesprochen. Das war eine krasse Erfahrung.

Inwiefern?

Gropper: Weil die extrem genau wissen, was sie wollen. Dahinter steckt vermutlich dieses Algorithmus-Ding. Ich denke, bevor die ein Projekt beginnen, gibt es eine sehr genaue Zielgruppenanalyse. Und auf dieses Segment schneiden sie dann diese Serie exakt zu.

Was hat das für Sie als Komponist bedeutet. Ihrer nahezu akademischen Arbeitsweise, systematisch etwa ein Thema wie Angst anzugehen, kommt das ja entgegen, oder?

Gropper: Da kam sicher ein Kompromiss heraus, mit dem wir aber alle leben können. Die Vorgaben kommen zum Beispiel nach Probevorführungen. Dann heißt es zum Beispiel: Hier muss die Grundstimmung trauriger werden. Oder jugendlicher. Danach kommt eine Liste, die arbeite ich ab, dann gibt es mehrere Abgaberunden. Das gilt etwa auch für den Schnitt.

Haben Sie vor dem Komponieren nur Drehbücher gesehen oder schon bewegte Bilder?

Gropper: Zunächst Ersteres, das war nicht ganz leicht. Es wurde einfacher, je mehr bildliches Material vorlag. Bei der zweiten Staffel wird es einfacher, weil der Rahmen steht, die Grundstimmung vor allem. Ideal wäre es, man könnte die fertige Serie komplett sehen und hat dann noch genug Zeit. Aber das ist eigentlich undenkbar. Im Prinzip arbeite ich parallel zum Schnitt. Die erste Staffel habe ich komplett allein gearbeitet, für die zweite Staffel steigt Ziggy Hasardeur mit ein, mit dem ich vor kurzem in der Neckarstadt ein Studio eingerichtet habe.

Mit ihm haben Sie im Sommer im Herzogenriedpark die Klangmöglichkeiten der Multihalle ausgetestet. Wie ist Ihr Fazit dieses Projekts?

Gropper: Ich fand es sehr, sehr schön, weil es total frei war. Nach dem Motto: „Hier habt ihr den Raum, macht mal was damit.“ Das kannte ich vorher nicht. Auch zu zweit spontan etwas zu erarbeiten – das war super. Die Multihalle ist einfach ein toller Ort. Wir haben uns vorher auch mit dem Drumherum, Frei Otto, utopischer Architektur und dem philosophischen Konzept dahinter beschäftigt.

Apropos Musik und Architektur: Wie war denn „Le Grand Horrorshow“ in der ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie für Sie?

Gropper: Der Raum ist natürlich beeindruckend ... vor allem weil er so hoch ist. Und teilweise seltsam, denn überall um dich herum und über dir scheinen Leute zu sitzen. Das erschlägt einen ein bisschen. Wie der Klang ist, bekommt man als verstärkte Band selbst gar nicht so mit. Das war bei einem früheren Gastspiel mit Jazzpianist Michael Wollny interessanter, weil das Konzert akustischer war. Aber auf der Bühne kann man den Klang immer ganz schlecht beurteilen. Ich bin vor allem froh, dass bei uns kaum Leute gegangen sind. In den ersten drei Jahren haben viele Leute ja Karten für die Elbphilharmonie gekauft, um den Saal zu erleben – egal, wer da spielt. Und nach der Pause war das halbe Publikum weg.

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