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Angst ist noch gegenwärtiger

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Gropper: Ja, das ist im Prinzip wie auf dem Studioalbum arrangiert, nur heruntergebrochen, weil die Besetzung etwas kleiner ist. Mit der „Nightmare No.3 Variation“ ist ein bislang unveröffentlichtes Stück dabei, das Band-Saxofonist Andreas Pompe komponiert hat. Es war eine Auftragsarbeit zum Reeperbahnfestival 2019, wo wir im „Michel“ drei Variationen der Alptraumstücke uraufgeführt haben. Die anderen beiden stammten von meinem Vater an der Orgel und von der tunesischen Sängerin Gahlia Benali. Die Bläser-Variation ist seitdem Bestandteil der Tour-Konzerte.

Wie ist die Besetzung am Samstag in Ludwigshafen?

Gropper: Die Kern-Band plus Streich- und Bläserquartett.

Wie wichtig sind Ihnen immer wieder neue musikalische Kontexte?

Gropper: Sehr wichtig! Mit großem Ensemble macht es einfach wahnsinnig großen Spaß. Zumal das Album ja dafür geschrieben ist. Ich hatte auch riesiges Glück, dass die Leute musikalisch und menschlich extrem gut passen. Das ist richtig zusammengewachsen.

Wo stammen die zusätzlichen Musiker her?

Gropper: Die Bläser waren schon auf diesem sowie dem vorigen Studioalben von mir zu hören und sind in der Jazz-Szene hier im Rhein-Main-Neckar-Gebiet sehr aktiv. Die Streicher gehören zu den Berlin Strings, die auf Popmusik spezialisiert sind. Die erste Geige spielt allerdings mein guter Freund Sam Vance-Law, der auf dem Album und live auch Gesangsgast ist.

Ihre Konzerte haben ähnlich wie die Alben oft den Charakter von Gesamtkunstwerken. Was sich aus Hörersicht festzuhalten lohnt, wie die neue EP zeigt. Oder auch die Umsetzung von „Vexations“ mit dem Orchester des Nationaltheaters. Warum hat es nicht für eine ausgewachsene Live-Platte gereicht?

Gropper: Die EP wurde mir vorgeschlagen und ist eine Art Kompromiss. Denn: Ich mag Live-Alben überhaupt nicht. Ich höre mir auch keine von anderen Bands an. Nicht mal legendäre Mitschnitte von The Who oder „MTV Unplugged“.

Warum?

Gropper: Da bin ich vermutlich zu sehr Produzent. Mich interessiert, wie Kollegen ihre Studioplatten aufnehmen. Trotzdem fand ich die Idee von der Live-EP schön. Einfach, weil das Ensemble so harmoniert und die Gastmusiker mehr geworden sind als „nur“ Gastmusiker. Ein physisches Live-Album werde ich wahrscheinlich nie machen – weil es mich nicht interessiert.

Zuletzt haben Sie die Musik zur zunächst sechsteiligen Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“geschrieben. Wie kam es dazu und wie erfolgreich läuft das? Netflix gibt ja nie Zahlen bekannt.

Gropper: Mit der Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik von Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann bin ich schon eine Weile befreundet. Die machen meine Videos, ich schreibe viel Musik für sie. Die Serie ist tatsächlich extrem erfolgreich, auch im Ausland.

Wie geht es da nach der ersten Staffel weiter?

Gropper: Es geht weiter. Die zweite Staffel ist fast abgedreht, gerade geht es mit der Musik los. Inzwischen hat Netflix auch eine Europa-Dependance. Damals haben wir noch direkt mit den Amerikanern gesprochen. Das war eine krasse Erfahrung.

Inwiefern?

Gropper: Weil die extrem genau wissen, was sie wollen. Dahinter steckt vermutlich dieses Algorithmus-Ding. Ich denke, bevor die ein Projekt beginnen, gibt es eine sehr genaue Zielgruppenanalyse. Und auf dieses Segment schneiden sie dann diese Serie exakt zu.

Was hat das für Sie als Komponist bedeutet. Ihrer nahezu akademischen Arbeitsweise, systematisch etwa ein Thema wie Angst anzugehen, kommt das ja entgegen, oder?

Gropper: Da kam sicher ein Kompromiss heraus, mit dem wir aber alle leben können. Die Vorgaben kommen zum Beispiel nach Probevorführungen. Dann heißt es zum Beispiel: Hier muss die Grundstimmung trauriger werden. Oder jugendlicher. Danach kommt eine Liste, die arbeite ich ab, dann gibt es mehrere Abgaberunden. Das gilt etwa auch für den Schnitt.

Haben Sie vor dem Komponieren nur Drehbücher gesehen oder schon bewegte Bilder?

Gropper: Zunächst Ersteres, das war nicht ganz leicht. Es wurde einfacher, je mehr bildliches Material vorlag. Bei der zweiten Staffel wird es einfacher, weil der Rahmen steht, die Grundstimmung vor allem. Ideal wäre es, man könnte die fertige Serie komplett sehen und hat dann noch genug Zeit. Aber das ist eigentlich undenkbar. Im Prinzip arbeite ich parallel zum Schnitt. Die erste Staffel habe ich komplett allein gearbeitet, für die zweite Staffel steigt Ziggy Hasardeur mit ein, mit dem ich vor kurzem in der Neckarstadt ein Studio eingerichtet habe.

Mit ihm haben Sie im Sommer im Herzogenriedpark die Klangmöglichkeiten der Multihalle ausgetestet. Wie ist Ihr Fazit dieses Projekts?

Gropper: Ich fand es sehr, sehr schön, weil es total frei war. Nach dem Motto: „Hier habt ihr den Raum, macht mal was damit.“ Das kannte ich vorher nicht. Auch zu zweit spontan etwas zu erarbeiten – das war super. Die Multihalle ist einfach ein toller Ort. Wir haben uns vorher auch mit dem Drumherum, Frei Otto, utopischer Architektur und dem philosophischen Konzept dahinter beschäftigt.

Apropos Musik und Architektur: Wie war denn „Le Grand Horrorshow“ in der ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie für Sie?

Gropper: Der Raum ist natürlich beeindruckend ... vor allem weil er so hoch ist. Und teilweise seltsam, denn überall um dich herum und über dir scheinen Leute zu sitzen. Das erschlägt einen ein bisschen. Wie der Klang ist, bekommt man als verstärkte Band selbst gar nicht so mit. Das war bei einem früheren Gastspiel mit Jazzpianist Michael Wollny interessanter, weil das Konzert akustischer war. Aber auf der Bühne kann man den Klang immer ganz schlecht beurteilen. Ich bin vor allem froh, dass bei uns kaum Leute gegangen sind. In den ersten drei Jahren haben viele Leute ja Karten für die Elbphilharmonie gekauft, um den Saal zu erleben – egal, wer da spielt. Und nach der Pause war das halbe Publikum weg.

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