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Auf dem Sprung zu Höherem

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Pop: Gespräch mit Martin Alexander Bechler, der mit seinem Projekt Fortuna Ehrenfeld am 22. Oktober im Capitol spielt

Sein Debüt-Album „Das Ende der Coolness“ verkaufte sich im ersten Jahr stolze 47 Mal. Für andere wäre das ein Desaster, für Martin Alexander Bechler ist es heute fast schon eine Bestätigung. Denn dass er sich mit Ende 40 an Stoffe wagte, die die Umzäunungen musikalischer Genres lustvoll umtanzten, mag für ihn ein organischer Prozess gewesen sein. Die Industrie, die neue Künstler gerne in verkaufsfähige Kategorien sortiert, reagierte wenig amüsiert. Die Situation war verfahren – und spräche man hier nicht über eine Persönlichkeit, die ihre Vision klar vor Augen hatte („Ich muss gar nichts“): Es wäre wohl das Ende einer Band-Karriere gewesen, die nie richtig begonnen hatte.

Dass für den Kölner und sein Projekt Fortuna Ehrenfeld dann doch so vieles anders kam, hat viele Gründe. Denn zwischen Beethoven, den Beatles und Kurt Weill wuchs mit Bechler ein junger Kerl in einem Haushalt auf, in dem nicht nur die musikalische Früherziehung wie selbstverständlich zur Biografie gehörte, sondern in dem auch klar war: „Wenn ich ein Instrument spielen wollte, dann habe ich das gekriegt.“ Ein Stück weit verwöhnt, ein Stück weit Avantgarde, zieht Bechler erste künstlerische Kreise, sucht endlos nach „der verfickten Wahrheit“ und bekommt während seines Studiums der Musikwissenschaft „wöchentlich aufs Maul“. Hochmut trifft Anspruch, Realität zerschmettert Traumlandschaften.

Das stählt. Denn obwohl der junge Mann und Musiker ahnt, dass das Bürgertum nur darauf wartet, ihn mit seiner Sicherheit einzulullen: Die behütete Festanstellung ist ihm der Verlust an Freiheit nicht wert. Stattdessen schält sich ein Workaholic aus den Jahren der Orientierungslosigkeit, der sein eigenes Studio gründet, um fortan ein schizophrenes Dasein im besten Sinne zu führen. Denn auf der einen Seite vertritt Bechler Prinzipien, die in den Kreisen alternativer Lockerheit nicht unbedingt populär sind. Eine saubere Buchhaltung gehört schon damals dazu, genau wie Wirtschaftlichkeit und ein absolutes Tabu in Bezug auf Drogen.

„Sonst könnte ich ebenso gut im Künstler-Café sitzen und sagen: ‚Mama, ich schreibe Gedichte!’“ Es sind Sätze von brutaler Konsequenz, die Bechler im persönlichen Gespräch fallen lässt.

Womit man auf der anderen Seite angekommen wäre, auf der sich zwischen Tontechniker-Jobs und ersten Manuskripten plötzlich Türen auftun. Denn während der Kölner früh beginnt, für Kleinkunst-Größen wie Rainald Grebe und Bülent Ceylan zu produzieren und seine erste Auftragsarbeit für die Kölner Philharmonie zu komponieren, schreibt der Multiinstrumentalist auch immer wieder an eigenen Stoffen. Notizzettel füllen Kladden, Ordner reihen sich in Aktenschränken oder mit anderen Worten: „Ich verachte diesen intellektuellen Ansatz des Poeten, der nachts mit seinem Federkiel im mondbeschienenen Zimmer sitzt und sich jede Silbe aus dem Hirn pressen muss. Bei mir ist das Schreiben nicht notorisch – ich muss es mir eher verbieten, so viel Freude habe ich dabei.“

Und die spürt man hier tatsächlich in jeder Zeile. Zum einen, weil man Bechler abnehmen darf, dass Fortuna Ehrenfeld mit Paul Leonhard Weißert und Jenny Thiele „weit mehr als eine Zweckgemeinschaft“ verkörpert. Zwischen AnnenMayKantereit und Kettcar schweben die Melodien des Kölner Trios melodiös von Indie und Folk zu Country und Pop, ohne sich pädagogisch zu überfrachten. Die Stimme von Martin Bechler muss da nur noch – mal tief berührend („Salzblusenkreuz“), mal tief lakonisch („Hör’ endlich auf zu jammern“) – aufsetzen.

Zum anderen ist mit Star-Produzent René Tinner aber auch ein Mann für den Ehrenfeld-Sound verantwortlich, der zwischen Lou Reed und Westernhagen Generationen des Klangs prägte, um es nun mit neuen Aufgaben noch einmal wissen zu wollen.

Die Vorzeichen dafür stehen freilich nicht schlecht. Denn wer Bechler beim Gespräch vor dem intimen Konzertabend auf dem Weingut Bernhardt im pfälzischen Ellerstadt kennenlernt, trifft auf einen Mann, der der Hektik des Pop-Betriebs mit Worten wie diesen begegnet: „Erstmal Kaffee!“ Die verschleißarme Ruhe dahinter mag nach Fassade anmuten, aber nur solange, bis das Gespräch in die Tiefe geht und zeigt: Dieser 49-Jährige ist kein kühler Stein, sondern vielmehr ein Musiker, dem es gelungen ist, sich von eitlen Befindlichkeiten zu befreien.

„Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich freue mich über jedes Samenkorn, das ich mit meinem Zeug in jemanden pflanzen kann, damit etwas wächst. Aber ich weiß, dass ich Popmusik mache. Ich schleppe hier niemanden in den Tempel des Dionysos. Es geht um Unterhaltung, und dazu stehe ich“, sagt der Kölner.

Der Plattenvertrag mit dem Hamburger Spezialisten-Label Grand Hotel van Cleef ist ein entscheidendes Puzzleteil dieser Geschichte. Zwischen „Tequila“ und „Bad Hair Day“ sind die lyrischen Ergüsse des Martin Bechler streng genommen eine Frechheit. Literarisch kokett, harmonisch innovativ, vokal radikal und trotzdem nicht zu verorten. Man muss Musik solcher Art noch nicht einmal mögen, um anzuerkennen, dass es sie so noch nicht gab. Wer auf der neuen EP „Die Lieder vom Regenradar und den Mandelviolinen“ den wilden Anekdoten über „Die ewige Sabine“ lauscht, hört in den prägnanten Zeilen fast schon einen Charles Bukowski.

Und so redet man einem melodischen Weltenfänger das Wort, der erst auf dem Sprung zu höheren Aufgaben ist. Der schalkhaften Finsternis zugeneigt und „in der Sache unbestechlich“, weiß der künstlerische Kopf aus Köln, dass „von der Melancholie bis zur Ironie nur ein kleiner Schritt“ ist. Auch und gerade deshalb passen Bechler und Fortuna Ehrenfeld zu jener neuen Serie, mit der das Mannheimer Capitol das Konzertleben in der Region bereichern will. „Cin Cin“ haben die Organisatoren jene Reihe getauft, die – bewusst und ohne Berührungsängste – Indie-Projekte vorstellen will, denen die große Bühne bislang vorenthalten blieb.

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