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Schauspiel: Am Nationaltheater Mannheim feiert „Judas“ von Lot Vekemans Premiere

Auferstehung des Schuldigen

Mannheim.Sein Name ist mit Schuld beladen wie kaum ein anderer, gleichsam ein Synonym für den Verräter und Denunzianten. Es ist ein Name, den deutsche Standesämter ablehnen können, weil er das Kindeswohl verletzt. Ein Name, der sich auf einen der Stammväter Israels bezieht, weshalb jahrhundertelang ein gesamtes Volk in Sippenhaft genommen wurde, als Sündenbock für den Tod Jesu Christi. Weil er, Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, den Messias für dreißig Silberlinge verriet.

2007 ließ die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans Judas auferstehen. Am Donnerstag, 11. Oktober, um 19.30 Uhr feiert der Monolog „Judas“ (deutsche Erstaufführung: 2012 in München) unter der Regie von Philipp Rosendahl am NTM Premiere. Judas erscheint hier nicht mehr nur als Verräter: Im Mittelpunkt steht auch seine Rolle im göttlichen Plan, für den der Kreuzestod Jesu eine unabdingbare Notwendigkeit zur Erlösung der Menschheit darstellt.

Evangelium nach Judas

Das Stück macht damit Fragen zum Thema, die eine neue Brisanz erfahren haben, als im Jahr 2006 die Erstübersetzung des „Judasevangeliums“ erschien, einer in einer gnostischen Sekte verfassten apokryphen, also der Bibel nur ähnliche Schrift. Auch wenn die Verlässlichkeit dieser Übersetzung von Rodolphe Kasser, die Judas als engsten Vertrauten Jesu darstellt, umstritten ist: Die Ambivalenz der Judasfigur beschäftigt die christliche Theologie schon lange.

Vekemans’ Judas schwankt zwischen Schuldbekenntnis und Rechtfertigung. Die Zerrissenheit der Figur wird auch auf der Bühne sichtbar (Bühne und Kostüme: Marina Schutte): „All diese Stimmen, die auf ihn von außen einprasseln, und seine eigenen, das haben wir versucht zu duplizieren, indem auch mein Kopf dupliziert wurde – und zehnmal auf der Bühne hängt“, sagt Samuel Koch. Der 31-Jährige verkörpert den Judas in der Produktion des NTM und feiert damit zugleich seinen Einstand.

Religionskenntnis braucht man nach Kochs Ansicht nicht, um aus dem Abend etwas mitzunehmen. Das Stück richte sich an alle Menschen: „Es gibt unzählige Themen, die immer aktuell bleiben. Zum Beispiel: Was ist Schuld? Warum brauchen wir jemand Schuldigen?“ Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen sei sehr zeitgemäß und wichtig.

„Eine Kernfrage, die sich Judas stellt, ist: Hat er, Jesus, mir vergeben, oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“, so Koch. Das Thema sei vor allem in der heutigen Zeit aktuell, da viele Menschen auf Barmherzigkeit angewiesen seien. „Damit bekommt das Stück so eine riesige Dimension, die ich selbst noch kaum einzuordnen weiß.“