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Aus Wald wird Folterkammer

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Musiktheater: Barrie Kosky zeigt am Nationaltheater Mannheim Debussys „Pelléas et Mélisande“

Mannheim.Nach der ziemlich gelungenen Kammerversion in der vergangenen Spielzeit kommt Claude Debussys einziges vollendetes Werk für die Opernbühne nun ins große Haus am Goetheplatz. Und wie! Kein Geringerer als Barrie Kosky übernimmt die Regie von „Pelléas et Mélisande“. Kosky, seit 2012 Intendant und Chefregisseur an der Komischen Oper Berlin und mit seiner fantastischen und von Comic-Einspielungen gespickten „Zauberflöte“ zum Zauberer und hochdekorierten Regisseur des Jahres 2016 („Opernwelt“) gekürt, zeigt Debussys überaus lyrische Musiktheaterkunst als Co-Produktion mit der Komischen Oper.

Und da die Produktion bereits in Berlin gezeigt wurde, ist auch schon vieles bekannt: Kosky, so schrieb der „Tagesspiegel“ schon im Oktober 2017, habe sich von seinem Bühnenbildner Klaus Grünberg „ein klaustrophobisches Allemonde zimmern lassen“. Es handele sich dabei um „ein dunkles Theaterchen“, das niemand verlassen könne, mit Akteuren, die auf festen Bahnen bewegt würden, unfrei von Anfang an. Das scheint eine beklemmende Situation zu sein und könnte als Hinweis darauf gesehen werden, dass Debussy, wie ja in dieser Spielzeit bereits am Nationaltheater gezeigt, auch Edgar Allen Poes Erzählungen in Musiktheater zu verwandeln versuchte. Die Rede ist hier von „The House of Usher“. Kosky, so schreibt das Blatt weiter, entwickle eine absolut zwingende Mechanik des Grauens.

Die mysteriöse Schöne

Der mittlerweile naturalisierte Deutsche mit australischen Wurzeln, also Kosky, übersetzt Debussys Oper nach Maurice Maeterlinck also in ein psychologisches Kammerstück, das die erschütternde Zeitlosigkeit einer tragischen Beziehungskonstellation offenlegen möchte. Neben Bühnenbildner Grünberg hat er in Co-Bühnenbildnerin Anne Kuhn und Kostümbildnerin Dinah Ehm Unterstützerinnen im Inszenierungsteam.

Maeterlincks märchenhafte Geschichte um den Königsenkel Golaud, der in einem Wald auf die so mysteriöse wie schöne Mélisande trifft, sie mitnimmt in seine Heimat, heiratet und sie doch an seinen Bruder Pelléas verliert, endet, wie alle Liebesgeschichten auf dem Theater, unheilvoll.

Debussys Verklanglichung des symbolistischen Textes steht ganz im Dienst der märchenhaften Ereignisse und der vom Schicksal getriebenen Figuren. Das Werk ist aktweise durchkomponiert, also nicht in Nummern unterteilt. So sehr uns heute „Pelléas et Mélisande“ als geschlossenes Werk erscheint, so sehr hat der französische Impressionist aber daran gearbeitet wie an einem „Work in Progress“. Bis kurz vor seinem Tod unterzog er den Notentext immer wieder neuen Korrekturen und Revisionen. Die sogenannte „Fassung letzter Hand“ unterscheidet sich daher vor allem in der Art der Instrumentierung immens von der Uraufführungsversion an der Pariser Opéra-Comique.

Im Grunde hat das Werk einen starken Konversationscharakter, was dazu passt, was Debussy wollte, wie er es damals in der französischen Zeitung „Le Figaro“ beschrieben hat: „Die Gestalter dieses Dramas wollen natürlich singen – und nicht in einer willkürlichen Ausdrucksweise, die aus überlebten Traditionen stammt. Ich wollte, dass die Handlung nie stillsteht, sondern ununterbrochen weitergeht.“

Obwohl Debussys Musik – mit Pentatonik und Exotismen aus asiatischen, russischen, javanischen und arabischen Einsprengseln versehen – freilich in impressionistisch parfümierter Anmutung erklingt, gibt es tatsächlich sogar Parallelen zu Richard Wagners Erzählweisen in dessen Spätwerk: die totale Verschmelzung von Musik, Handlung und Wort.

Die Mannheimer Neueinstudierung der Berliner Version mit Raymond Ayers (Pelléas), Astrid Kessler (Mélisande) sowie Joachim Goltz (Golaud) und Patrick Zielke (Arkel) verspricht auf dem Papier sehr viel. Ab 25. Mai kann dieses Versprechen überprüfen.