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Blick zurück in die Zukunft

Klassik: Die Deutsche Staatsphilharmonie wurde vor 100 Jahren gegründet und feiert mit einem Jubiläumsprogramm

Ludwigshafen/Landau.Die Zeiten sind hart. Irgendwie jedenfalls. Gemeinschaftsstiftende Rituale scheinen seltener zu werden, der Mensch denkt und daddelt in einer fein verästelten Gesellschaft individuell und oft allein vor sich hin, es dudelt aus allen Ecken in fremden Zungen – ein babylonisches Sprachgewirr. Gestreamt. Designed. Omnipräsent.

In diesen Zeiten schicken diese Männer Männer und Frauen in Frack, Schärpe, Vatermörder und langem Kleid auf die Bühne. Schwarz. Weiß. Die Männer heißen Beat Fehlmann und Michael Francis. Der eine, Fehlmann, ist Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Der andere, Francis, ist ihr Chefdirigent.

Die Ausgangslage im Jahr 2020 scheint also schlecht, um den 100. Geburtstag eines altgedienten Orchesters mit einem prallen Programm samt Festkonzert an der Geburtsstätte in Landau zu feiern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Klassikbranche boomt live, die Häuser sind trotz üppiger Angebote voll. Die Situation ist viel besser, als man denkt.

Fehlmann lächelt. Er weiß das. Seit vergangener Saison ist er der eher stille, aber emsige Netzwerker des Orchesters, und seit September 2019 hat er mit Francis als Chefdirigenten einen Sympathieträger und Wunschkandidaten. Dessen erfrischende Art ist ansteckend. Er kommt auf einen zu. Lächelt. Gibt einem offenherzig die Hand und sucht direkten Augenkontakt. „How are you? Nice to meet you!“, sagt er dann in elegantem Englisch.

Der dritte Glücksfall: Geld

Das Duo Fehlmann-Francis könnte auch für die Jubiläumsspielzeit zum Glücksfall werden. Fehlmann hat in Francis einen dirigierenden Überflieger: Von Haus aus ist er Kontrabassist. Dass der 1976 geborene Brite das nach Schriftsteller Patrick Süskind „mit Abstand wichtigste Orchesterinstrument schlechthin“ gegen den Taktstock eintauschte, ist ein Kuriosum. In Francis’ Zeit als Kontrabassist beim London Symphony Orchestra sollte 2007 Maestro Valery Gergiev Dmitri Schostakowitschs „Vierte“ dirigieren, erkrankte aber. Auf der Suche nach einem Ersatzmann hat man ins Orchester hineingefragt, ob jemand die Leitung übernehmen wolle, so die Mär. Einer streckte den Finger: Michael Francis.

Der Rest ist Legende: Er kam. Er dirigierte. Er siegte.

Auf der anderen Seite hat Francis in Fehlmann einen ausgewiesenen Musikfachmann. Der 1974 in Aarau geborene Schweizer ist nicht nur Kulturmanager. Er war Profi-Musiker: Komponist und Dirigent.

Der dritte Glücksfall ist, dass kürzlich nun die Landesregierung in Mainz endlich die Zuwendungen der laut einer Studie zuletzt chronisch unterfinanzierten Staatsphilharmonie um eine Viertel Million Euro auf 9,78 Millionen aufgestockt hat. So kann Fehlmann mit rund elf Millionen Euro Etat arbeiten, knapp 1,1 Millionen Euro erwirtschaftet das Orchester selbst. Das Geld dürfte erst mal einige Sorgen vertreiben. Zudem herrscht das Gefühl: Dieses Orchester wird vom Land Rheinland-Pfalz derzeit nicht in Frage gestellt.

Mehr als 100 Konzerte spielt es in der laufenden Spielzeit. Höhepunkt: das Festkonzert am Samstag, 15. Februar, in der Jugendstilfesthalle Landau. Genau 100 Jahre zuvor war das damalige Landes-Sinfonieorchester für Pfalz und Saarland von dort aus zur ersten Konzertreise durch die Pfalz und das Saarland aufgebrochen.

Bindungskraft der Musik

Auf dem Programm mit dem Motto „Der ganzen Pfalz zum Stolze“ stehen Klassiker: Beethovens fünfte Sinfonie, „Tod und Verklärung“ von Strauss und auch ein Werk mit moderner Anmutung: Olivier Messiaens „Zion Park et la cité céleste“ aus „Des Canyons aux étoiles“. Francis wird dirigieren.

Fehlmann betont: Musik ist nicht nur allein große Kunst. Sie hat, sagt er, „auch eine ganz konkrete soziale Bindungskraft“. Deswegen sei Kunst das wichtigste Medium, „das wir heute haben, um zu zeigen, wo unser Platz in der Welt ist“.

Die Geschichte der Gründung ist erstaunlich. Im Schatten des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) beschließen Landauer Bürger im September 1919, also einen Monat nach Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 14. August, die Gründung eines reisenden Landes-Sinfonieorchesters. „Das muss man sich mal vorstellen: Daraus spricht ein großer Optimismus in einer unsicheren Zeit des Umbruchs“, befindet Fehlmann, für den der Geburtstag auch die Botschaft transportiert, „bewusst für ein friedliches Miteinander einzutreten“.

Und dieser Umbruch 1919 zwischen Krieg, Novemberrevolution und Reichsgründung lässt sich seiner Ansicht nach auch in die Gegenwart hinüber spannen. „Auch heute leben wir mit den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in einer Zeit großer Veränderungen“, sagt er.

Ein Blick zurück lohnt. Schon in den ersten Jahren erregte das Orchester unter Leitern wie Richard Strauss und Hermann Abendroth überregionale Aufmerksamkeit. Später sorgten Chefdirigenten wie Christoph Eschenbach und Leif Segerstam für internationale Beachtung. Doch das Orchester hat ein Problem: Es hat keinen festen Konzertsaal und ist überall Gast.

Optimistisches Szenario

So steht nach wie vor die Versorgung des Bundeslandes im Zentrum. Zu den Reisen durch die Pfalz, wo die „Musik zu den Menschen gebracht wird“, kommen traditionell Gastspiele im In- und Ausland sowie die Zusammenarbeit mit international bedeutenden Dirigenten und Solisten. In der aktuellen Spielzeit sind und waren das Anna Netrebko, Elina Garanca, Juan Diego Flórez. Pädagogisch ist man in der Ludwigshafener Heinigstraße ebenso aktiv. Mit Vermittlungs- und Familienformaten, mit Probenbesuchen und Krabbelkonzerten. Und für seine Konzertmitschnitte und CDs gab es in den vergangenen fünf Jahren zwei Echos, einen Verlagspreis fürs „beste Konzertprogramm“ und einen Opus Klassik.

Doch das Kommende ist wichtiger als alle Meriten. „Das Jubiläum führt uns noch einmal deutlich vor Augen, warum das Festival ,Modern Times’ mit Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts so wichtig für unser Orchester ist“, so Fehlmann. Die gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit hätten ihre Spuren in der Musik hinterlassen. Nicht nur die Weltordnung, sondern auch die tradierten Harmonien gerieten ins Wanken. Für ihn lautet die spannende Frage: „Wie reagieren Künstler, wie reagiert man künstlerisch auf eine Zeit des Umbruchs, auf Zeiten von revolutionären Veränderungskräften?“ Und wie lasse sich daraus dann ein optimistisches Szenario der Zukunft schaffen, so etwas wie Zukunftsglaube?

Wenn man so will, kann man das Jubiläumsprogramm in drei Teile fassen: Konzerte, die sich gewissermaßen mit dem Gründungsmythos beschäftigen, solche, die die Themen dieser Zeit ins Heute herüberziehen, und dann die Beschäftigung mit der Zukunft.

In den Mannheimer Abonnement-Konzerten etwa sind vier Instrumentalkonzerte aus dem 20. Jahrhundert dabei. Andrew Norman, Magnus Lindberg, Bob Mintzer oder Fazil Say. Überhaupt ist auffällig, wie viele gemäßigt moderne Werke auch in den anderen Programmen zu finden sind –zumindest hierzulande selten zu Hörendes, was sicher der Amerikaerfahrung von Francis zu verdanken ist. So erklingen neben den bereits erwähnten mitteleuropäischen Klassikern auch die „Metropolis Symphony“ Michael Daughertys, laut Fehlmann eine Art Hommage an die Welt des Comics, oder „Switch“ des 39-jährigen US-Amerikaners Andrew Norman.

Neu ist nicht nur die freche Corporate Identity. Vor allem das grelle Pink auf grauem Grund drückt aus: Wir sind jung, knackig und längst nicht am Ende. Neu sind auch die auffälligen Mottos der Programme. Sie heißen Hirngespinst, Paradies, Obsession, Superman oder Verbrüderung. Sie locken als Ping Pong, Mut, Unsterblich, Fata Morgana oder Aufbruch. Sie mäandern durch das Jubiläumsprogrammheft genauso wie die Streetart-Impressionen des Künstlers Cédric Pintarelli, die, mit dem Smartphone gescannt, in einer neuen Smartphoneanwendung (Applikation) zu Filmtrailern führen.

Digitale Revolution

Überhaupt das Digitale. Statt, wie die meisten, einen umfangreichen Band zum Jubiläum herauszubringen, setzt Fehlmann auf eine digitale Chronik auf 100 Kacheln, die ab Mitte März an den Start gehen soll. Die Reise durch die Geschichte beginnt bei der Gründung 1919. „Welche Rolle hat die Musik in einer Gesellschaft gespielt, als Dächer noch nicht dicht und Teller noch nicht gefüllt waren?“, fragt Fehlmann.

Gleichzeitig treibe das Orchester die Frage um, „wie man Musik in Zukunft präsentiert. Wie können wir in Kontakt treten und Nähe herstellen? Mit der digitalen Chronik wollen wir einen einfachen, spielerischen Zugang zu unserer Kunst ermöglichen, um Menschen vieler Generationen teilhaben zu lassen.“ Die Seite (www.staatsphilharmonie100.de) entsteht, unterstützt von der BASF SE, in Kooperation mit dem Landeszentrum für Musikjournalismus und Musikinformatik der Hochschule für Musik Karlsruhe. Mit Video-, Audio-, Fotoslide-, Text- oder Animationselementen soll die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Orchesters interaktiv erlebbar werden. Eine spielerische Herangehensweise.

Beim Programm liebt es auch Francis spielerisch. Er will, wie er sagt, „die ganze Bandbreite der Musik“ dirigieren. Besonders freut er sich auf die Werke aus seiner Heimat. „Ich freue mich natürlich besonders“, sagt der Engländer mit irisch-walisischem Blut, „Werke britischer Komponisten in den Vordergrund zu stellen – zumal sie leider nur selten außerhalb Großbritanniens gespielt werden.“ Francis nennt Namen: Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams, Benjamin Britten, William Turner Walton und viele weitere. Francis findet: „Sie alle haben wunderbare Musik geschrieben.“

Und dafür, dass das in der Region auch gut ankommt, arbeiten Fehlmann und Francis Hand in Hand an einem Konzept für Gesprächskonzerte, denn: „Wir wollen in Ludwigshafen neue Zugänge fürs Publikum schaffen“, so Fehlmann. In rund 50-minütigen Gesprächskonzerten sollen „Bezüge geschaffen, Themen erklärt und Schichten freigelegt“ werden, mit anderen Worten: Musik für Laien verständlicher gemacht werden.

Francis selbst soll das alles erklären – mit dem Orchester auf der Bühne. Es soll die Dinge, die von Francis angesprochen werden, auch direkt live auf der Bühne anspielen – ein Konzept, das ein Weltstar wie Helmut Rilling mit seiner Stuttgarter Bachakademie schon in den 1980ern höchst erfolgreich praktizierte. Das geht nur auf Deutsch. Denkt man. Francis paukt gerade zwar intensiv die Sprache seines Gastlandes. Die erste Ausgabe des Formats fand aber doch zusammen mit Fehlmann statt – und Francis sprach Englisch. Also: Man ist da dran, aber noch nicht so weit.

„Alte Musik gibt es nicht“

Beim Gesamtprogramm lässt das Orchester aktuell seine eigene hundertjährige Geschichte Revue passieren. Die meisten Werke sind dann auch noch in diesen 100 Jahren entstanden. Doch wer nun denkt, die großen Klassiker von Bach, Beethoven, Schumann, Mahler oder Tschaikowsky würden ausgespart, irrt.

Natürlich spielen die Philharmoniker auch Stammrepertoire aus dem 18. und 19. Jahrhundert, wobei ein Konzerttitel in dieser Saison besonders ins Auge fiel: „Alte Musik gibt es nicht“, was nicht weniger ist als die Behauptung, dass Musik, wenn sie im Präsens gespielt wird, immer neu und aktuell ist. Dass die Musiker für so einen Abend die Kulisse wechselten und ins eher für Popkultur und Jugend stehende Kulturzentrum „Das Haus“ gezogen sind, ist da nur konsequent.

Mit echten Menschen

In den 100 Jahren, die die Staatsphilharmonie nun alt wird, wurde der heute mit 87 Musikern und insgesamt 124 Mitarbeitern aus 16 Nationen spielende Klangkörper von 17 Chefdirigenten dirigiert und musste bereits achtmal den Namen ändern (siehe Kasten).

Die letzte Namensänderung hat unter Fehlmanns Vor-Vorgänger Rainer Neumann stattgefunden. Der Chefdirigent hieß damals Ari Rasilainen. Der am längsten amtierende Chefdirigent war Christoph Stepp, der von 1960 bis 1979 blieb, den Minimalrekord hält Heinz Bongarz, der, seit 1941 NSDAP-Mitglied, lediglich im Kriegssommer 1944 da war. Danach spielte das Orchester kriegsbedingt vorerst nicht mehr.

Aber in Zukunft doch hoffentlich noch sehr lang. Fehlmann ist optimistisch. Er ist keiner, der zweifelt. Zusammen mit Francis ist er sicher, die Qualität und den Publikumszuspruch steigern zu können und gleichzeitig das Repertoire zu erweitern. „Klar, wir schaffen das“, sagt er – trotz der harten Zeiten, trotz der fein verästelten Gesellschaft, trotz des babylonischen Sprachgewirrs. Nicht gestreamt. Live!. Und mit echten Menschen auf der Bühne!

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