Veranstaltungen

Bühne als Ort der Rebellion

Archivartikel

Schauspiel: Christoph Bornmüller inszeniert „Hundeherz“ am Nationaltheater

Mannheim.Wenn Theater es schaffe, zu einer Art Punk-Konzert zu werden, bei dem man entweder mitspringt, oder geht, wird aus Kunst ein Erlebnis. So jedenfalls sieht es Christoph Bornmüller beim Gespräch im Café des Mannheimer Nationaltheaters. Und lächelt. Denn auch, wenn im Punk wirklich niemand sein Instrument beherrsche: „Die Wucht, mit der dir alles auf Anschlag um die Ohren fliegt, ist der Wahnsinn.“

Wer diesen Worten lauscht, könnte einen Vorgeschmack auf all das bekommen, was ihn bei der kommenden Premiere von im Studio Werkhaus erwartet. Denn mit „Hundeherz“ hat sich Bornmüller nicht eben ein Filetstück der deutschen Dramatik für sein Mannheimer Regie-Debüt erwählt. Vielmehr präsentiert sich hier der schräge Humor des ukrainischen Autors Michail Bulgakow, der schon im frühen 20. Jahrhundert mit seinem Stil für Brüche sorgte. Und das in jeder denkbaren Hinsicht.

Bulgakows Humor

Da mutet es fast schon normal an, dass ein Professor zum Priester wird, der einem Straßenköter in einer Art „schwarzen Messe“ Hirn und Hoden eines Kleinkriminellen einsetzt, um mit dem Menschen der Zukunft zu experimentieren. Doch wenn der Hund kaum „Wau“ kläfft, sondern zu philosophischen Monologen bittet, ist die Irritation perfekt. Und genau hier – wo die Grenzen zwischen Groteske und Schauspiel, Drama und Komödie – zerfließen, fängt es für Bornmüller an, interessant zu werden. Sicher könnte der 36-Jährige das Kammerspiel zu einem grell überzeichneten Fest der Skurrilität ausgestalten: „Doch das wäre für mich ohne Reiz.“ Ein Statement mit gelebtem Charakter.

Denn als Bornmüller sich noch volle sechs Jahre jünger nennt und ihm der politisch gewollte Spielplan die Brust zuschnürt, arbeitet er im Schweriner Werk3 nach Probenschluss mit ein paar Kollegen einfach weiter. Die Spielstätte gleicht einer alten Kneipe im Domwinkel, einem Paradies der Möglichkeiten, das für Bornmüller und sein verschworenes Team zu einem nächtlichen Domizil unerhörter Freiheiten wird. Und das nicht allein, weil aus Kafka, Tortenschlachten und Grindhouse-Versatzstücken mit der „Kirche des erotischen Elends“ der erste rebellische Keim einer ganz persönlichen Theater-Avantgarde heranwächst – sondern, „weil der Mut zum Experiment dich so vieles lehrt.“

Aus den guten Regiearbeiten, denen er als Mime diente, zieht Bornmüller dabei nicht weniger als aus den schlechten, „bei denen ich so vieles anders gemacht hätte.“ Die Sensibilität zwischen Regiebuch und Bühnensprache: Der gebürtige Würzburger kennt beide Sphären – und die schmalen Übergänge dazwischen.

Gepriesener Wagemut

Eine Kunst, die – gleichwohl verstörend – anzukommen versteht. In Schwerin darf der junge Schauspieler nach seinem ersten Coup „Romeo und Julia“ inszenieren, in Darmstadt kommen Schillers „Räuber“ hinzu. Die Aufmerksamkeit steigt, der Wagemut wird gepriesen. Und nun: Mannheim. Alles von Neuem. Dass das „Spielkind“, wie Bornmüller sich selbst nennt, die lakonische Häme von Tschechows „Möwe“ selbst verkörpert, um mit Bulgakow das Plädoyer zur hintersinnig-verlockenden Finte nun auf der Regiebank zu unterschreiben, ist vielleicht der Königsweg des „anderen“, weil sowjetischen Humors.

Wie spielt man den Hund?

Auf scheinbar triviale Fragen danach, wie man eigentlich einen Hund spielt, der sich nie als Tier versteht, gilt es ebenso zu antworten wie auf die Herausforderung, selbst den derbsten Spaß mit einem dramaturgischen Zaun sinnvoll zu begrenzen.

Erstaunlich, aber vielleicht auch befreiend könnte dabei wirken, dass Bornmüller die ganz großen Themen von Schönheit, der ewigen Lust und dem neuen Leben im alten mit Bulgakow schlicht und ergreifend zur Nebensache erklärt. „Natürlich muss die Welt bereinigt werden, aber wieso können wir die Frage, ob das alles ethisch und moralisch vertretbar ist, nicht einfach nebenbei aus dem Ruder laufen lassen?“ Doch vielleicht ist auch das nur konsequenter Punk auf der Bühne.

Info: Premiere: Freitag, 10. Januar, 20 Uhr, NTM-Studio. Karten: 0621/16 80 150.

Zum Thema