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Deutsch-Pop: Joris hätte gern beim #wirsindmehr-Konzert mitgespielt und hat seine zweite Platte mit Freunden produziert

„Chemnitz war ein sehr wichtiges Signal“

Archivartikel

Joris’ steiler Aufstieg begann im Frühjahr 2015 mit dem Hit „Herz über Kopf“ und verstetigte sich durch den musikalisch anspruchsvollen Deutschpop seines Debütalbums „Hoffnungslos hoffnungsvoll“. Die Folge: Gold, Platin, ausverkaufte Tourneen und stolze drei Echos im Jahr 2016. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die Nachfolgeplatte „Schrei es raus“, die der Vorzeigestudent der Mannheimer Popakademie am 5. Oktober veröffentlicht. Die Tournee dazu startet am 19. Oktober in Stuttgart. Im Telefon-Interview spricht der 28-jährige Ostwestfale über Druck, Abgrenzung vom Deutschpop-Boom und erklärt, warum ein #wirsindmehr-Konzert wie in Chemnitz nicht genug ist.

Joris, haben Sie noch Ihr WG-Zimmer in Mannheim, mit den drei Echos romantisch auf dem Fensterbrett drapiert?

Joris: (lacht) Die Wohngemeinschaft gibt es noch. Auch wenn sie nicht mehr so aktiv ist. Aber ich kann mich einfach nicht von dem Ort trennen, an dem alles losging. Deshalb bin ich immer noch sehr, sehr gerne da. Ich bin ja quasi immer unterwegs, da ist es gut, dort noch einen kleinen Bezugspunkt zu haben.

Ist Mannheim so eine Art Ruhepol, weil sich Popstars hier vielleicht noch etwas unbehelligter bewegen können als zum Beispiel in Berlin?

Joris: Um ehrlich zu sein, ist Mannheim für mich noch nie ein Ruhepol gewesen. Im Jungbusch ist immer was los, auch spät nachts trifft man noch immer überall Leute, es wird viel gefeiert. Insofern ist Mannheim vielleicht ein Rückzugsort, aber sehr lebendig.

Sind die deutschen Schallplattenpreise von 2016 für Sie eigentlich weniger Wert, nachdem der Kollegah/Farid-Bang-Skandal den Echo an die Wand gefahren hat?

Joris: Ich sehe meine Echos ja nicht mehr allzu oft. Aber wenn ich sie sehe, erinnern sie mich an einen sehr schönen Abend. Und weil es die drei Auszeichnungen für mein Debütalbum gab, ist der Echo für mich nach wie vor ein toller Preis. Zumal der Kritikerpreis auf einem Jury-Entscheid basierte, und der Radio-Echo vom Publikum bestimmt wurde. Bei mir ging es also nur in der Kategorie Newcomer rein um Verkaufszahlen – was ja lange eine der Hauptkritikpunkte am Echo war. Das ist in diesem Jahr eskaliert, was ich gut nachvollziehen kann. Ihn in der bisherigen Form abzuschaffen, war da nur die logische Konsequenz.

Campino hat ja als Einziger auf der Bühne der Echo-Gala den antisemitischen Text der beiden Rapper kritisiert. Im Interview mit dieser Zeitung hat er vor kurzem gesagt, er hätte sich gewünscht, dass statt ihm jüngere Künstler das Wort dazu ergriffen hätten. Sie auch?

„Wenn die Demokratie in Gefahr ist, muss man Haltung zeigen“

Joris: Ich würde es gern positiver formulieren, konstruktiver. Ich war wie viele andere Kollegen beim #wirsindmehr-Festival in Chemnitz. Vor, nicht auf der Bühne, weil das den organisatorischen Rahmen gesprengt hätte. Was da gerade passiert, empfinde ich als sehr wichtiges Signal. Natürlich gibt es die großen Vorreiter wie Campino oder BAP. Viele engagierte Menschen sind etwas älter. Aber die junge Generation ist gerade schon auch auf den Beinen. Und wir sind uns schon alle einig: Wenn die großen Eckpfeiler unserer Demokratie in Gefahr geraten, reicht es nicht mehr, seine eigene Meinung zu haben. Dann muss man Haltung zeigen. Ich finde, das passiert gerade auch.

Sie könnten sich also weitere #wirsindmehr-Konzerte vorstellen, mit Zugpferden wie Silbermond, Mark Forster oder Joris? Das hätte den Vorteil, dass das mehr nach der Mitte der Gesellschaft klingen würde und von der Gegenseite nicht automatisch in eine linke Ecke gestellt werden könnte wie die Hosen, Feine Sahne Fischfilet oder Kraftklub.

Joris: Wie gesagt, einige andere Künstler und ich haben angefragt, ob wir in Chemnitz dabei sein können. Ansonsten gestaltet es sich schwierig, geeignete Lokalitäten zu finden. Es ist ein riesiger Aufwand. Aber ich glaube, dass es das in Zukunft geben wird. Und ich kenne sehr, sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die das gerne machen würden.

Was kann so etwas bewirken?

Joris: Ich sehe es wie Kraftklub-Sänger Felix Brummer. Der hat auf der Pressekonferenz vor #wirsindmehr gesagt: „Es kann nur um Symbolik gehen.“ Keiner von uns Musikern erwartet, mit so einem Festival auf einen Schlag die Welt zu heilen. Da reicht es auch nicht, alle drei Monate so ein Konzert zu spielen. Das müssen wir gesamtgesellschaftlich angehen. Denn es gibt immer auch Kritik und Gegenwind. Dafür sind Campino und sein für mich total lobenswertes Engagement das beste Beispiel. Da tun die Jungs alles, um in Chemnitz schnell etwas auf die Beine zu stellen. Da hat jeder angepackt, bis zum Geht-nicht-mehr. Und dann fragen Presseleute, wer dabei wie profitiert. Dass es selbst für positive Dinge schnell mal auf die Fresse gibt, ist leider inzwischen in unserer Gesellschaft verankert.

Campino hat in Chemnitz von einem „Fünf zu null“-Sieg gesprochen. Allerdings scheint es heute nicht mehr so leicht zu sein, auch mit einem derart starken Signal die Deutungshoheit zu bekommen.

Joris: Die Kommunikationswege sind viel, viel kürzer geworden. So kann es Präsenz für jeden Einzelnen geben. Ich habe das Gefühl, dass so auch Scheinwirklichkeiten entstehen können. Da tauchen Mehrheiten und gefühlte Massen auf, die gar nicht so groß sind. Dazu kommt die AfD im Bundestag und das Problem, dass der Bundesinnenminister solche Positionen quasi salonfähig macht. Das alles trägt dazu bei, dass es plötzlich möglich ist, Dinge zu sagen, wo man früher ruhig geblieben wäre. Aber ich bin sicher, dass es nicht mehr Intoleranz gibt, die entsprechenden Meinungen sind nur viel sichtbarer.

Auf dem Cover Ihres zweiten Albums „Schrei es raus“ sind Sie mit einem weißen Tuch vermummt. Wird Joris militant?

„Auch auf ,Schrei es raus’ geht es viel um Kontraste im Leben“

Joris: Nein, da muss man sich keine Sorgen machen (lacht). Wie auf meinem ersten Album geht es auch auf „Schrei es raus“ viel um Kontraste im Leben.

Deshalb also die Text-Bild-Schere zwischen offensivem Titel und quasi geknebeltem Mund?

Joris: Das ist bewusst gesetzt. Genau wie die weit aufgerissenen, blau gefärbten Augen, die quasi schreien. Es gibt immer viele Wege der Kommunikation. Und auch eine stille Geste kann laut wirken.

Beim letzten Interview nach dem Echo 2016 haben wir darüber gesprochen, dass Sie irgendwann politischere Texte schreiben könnten. Worin Sie auch die Gefahr gesehen haben, Hörer quasi zu bevormunden. Wäre es jetzt nicht an der Zeit? Oder ist Ihr Ansatz, weiter auf poetische Art das Leben zu beschreiben – in der Hoffnung, dass Kunst mit positiver Ausstrahlung die Welt automatisch ein wenig besser macht?

Joris: Ich glaube schon. In Poesie steckt viel Kraft. Wenn wir ganz weit zurückgehen, war politische Kritik oft in Märchen oder Fabeln verpackt. Heute kann das mehr denn je funktionieren. In Liedern wie „Schrei es raus“ oder „Signal“ kann man schon sehr viel Politik rauslesen, wenn man möchte. Man kann auch ganz andere Dinge darin finden. Aber generell wird meine Musik eher poetisch bleiben.

Ich versuche die unvermeidliche Frage nach dem Druck vor dem zweiten Album nach einem erfolgreichen Erstling einmal anders zu formulieren …

Joris: Bitte!

Können Sie den Satz „Man hat ein Leben lang für das erste Album und nur zwei, drei Jahre für das danach“ noch hören?

Joris: Eigentlich absurd, denn jeder Mensch tickt anders. Trotzdem steckt da viel Wahres drin. Wenn man, wie ich, quasi schon immer Musik macht, dann ist Erfolg zwar wichtig, aber letztlich sekundär. Für mich war es wichtig, eine Pause zu machen, um zu realisieren, dass es nicht immer so ist, dass ich eine Nummer herausbringe und dann genau das passiert wie bei „Herz über Kopf“. Das ist nämlich im Kopf so abgespeichert, nicht zuletzt, weil das meine erste Single war. Danach war die Welt für mich plötzlich eine andere. Wenn man das nicht vernünftig bewältigt, kann man das als selbstverständlich nehmen – was natürlich fatal wäre.

„Erfolg selbstverständlich zu finden, wäre fatal“

Wie verhindert man das?

Joris: Ich musste für mich herausfinden: „Was möchte ich eigentlich? Will ich genau daran anknüpfen, oder ist es mir wichtig, diesen Erfolg zu erhalten?“ Hinzu kommen die Gespräche, die ich in meinem Umfeld geführt habe, von der Familie bis zur Plattenfirma – und jeder hat seine Erwartungshaltung an mich, natürlich auch ich selber. Da gab es dann eine Zeit, in der nichts Gutes herausgekommen ist. Zum Glück gab es aber auch viele Freunde, mit denen ich viel gequatscht habe, und dann noch die vielen musikalischen Freunde, durch die ich gelernt habe zu sehen, was es noch alles gibt. Es war einfach eine sehr intensive Zeit, die dann dazu geführt hat, dass ich wieder eine etwas lockerere Haltung bekommen konnte.

Sie haben weitgehend auf die handelsüblichen Produzenten- und Songwriter-Pools verzichtet. Das hebt Sie musikalisch vom etwas unüberschaubar gewordenen Deutschpop-Boom ab. Die zweite Platte entstand quasi im Freundes- und Kommilitonenkreis. Oder?

Joris: Beim Schreiben ist mein Produzent und Keyboarder Constantin Krieg immer mit im Boot. Das meiste entstand in entspannter Arbeitsatmosphäre auf einer spanischen Finca. Da kamen Freunde zu Besuch, wir haben eine Bühne aufgebaut und gespielt. Auch bei der Studioarbeit in Berlin, Rothenburg an der Fulda oder München habe ich vom Popakademie-Netzwerk und der Mannheimer Szene profitiert. Nicht nur, weil meine Musiker dort auch studiert haben. Zum Beispiel beim Song „Glück auf“ haben Produzenten wie Jens Schneider und Jules Kalmbacher mitgewirkt. Mein guter Freund Jonathan Kluth oder Intersphere-Schlagzeuger Moritz Müller, aber auch die Co-Produzenten Willy Löster und Ingo Politz waren für mich sehr wichtig. Und die Bläser Garrelt Sieben, Johannes Reinhuber und Janis Hug kenne ich von der Mannheimer Musikhochschule.

Waren Sie trotzdem erstaunt, dass die sechs vorab veröffentlichten Songs nicht so abgehoben sind wie Ihr Radiohit „Herz über Kopf“ 2015?

Joris: Das sind ja keine Singles wie früher, die dann unbedingt laufen müssen. Solche Veröffentlichungen sollen heute vor allem auf die Platte neugierig machen.

Sie sind vermutlich ohnehin eher ein Album-Thema als ein One-Hit-Wonder, das in 30 Jahren bei irgendwelchen Galas nur „Herz über Kopf“ singen darf. Ihre Debütplatte war ja satte 53 Wochen in den Charts. Beruhigt das?

Joris: Schon ein wenig. Ich bin vor allem sehr, sehr dankbar, dass ich mit der ersten Platte so erfolgreich war und tolle Konzerte spielen konnte.

Sie waren im August als Hauptattraktion beim Odenwälder Festival Sound Of The Forest vorgesehen, das wegen Waldbrandgefahr nicht stattfand. Wie sind Sie mit der Ab-sage umgegangen?

Joris: Das war extrem schade. Ich hatte mich wahnsinnig auf den Auftritt dort gefreut. Denn Clueso, mit dem ich gesprochen habe, war restlos begeistert von dem Festival. Vor allem tat es mir für die Organisatoren leid, die da einen Superjob machen. Ich habe denen auch sofort eine Mail geschrieben, wie wohl fast alle anderen Künstler auch. Aber die Absage hat sich fast angekündigt: Wir hatten ein Feuerwerk geplant, das war bei der Trockenheit ganz schnell kein Thema mehr.

„Die Absage von Sound Of The Forest war doppelt schade“

Veranstalter Fritz Krings sagte, Sie hätten bei dem Festival Live-Material aufnehmen wollen. Nur einen Song wie etwa vom Mannheimer Zeltfestival auf der Bonus-CD?

Joris: Ja, einen Song. Deshalb war es doppelt schade.

Im Lied „Rom“ gibt es den interessanten Satz „In der Freiheit gefangen, alles zu tun“. Ist das ein Dilemma der Nach-kriegsgenerationen?

Joris: Durch die Digitalisierung und das Aneinanderrücken von Kontinenten gibt es natürlich immer größere Möglichkeiten, was man machen kann. Ich habe das besonders nach dem Abitur so empfunden, dass ich mir ganz viele Dinge hätte vorstellen können. Es gab so ein paar Mitschüler um mich herum, die wussten schon immer ganz genau, was sie werden wollten.

Und Sie?

Joris: Ich habe das immer bewundert, aber ich hatte auch immer Sorge davor, mich wirklich festzulegen. Gleichzeitig ist in unserer Gesellschaft ein gewisser Erwartungsdruck da, dass man zur Schule geht, dass man danach etwas studiert und dann auch bis ans Lebensende einen guten Job hat. Diese Strukturen lockern sich ja immer mehr, es wird immer offener. Wenn ich vor 30 Jahren Musiker geworden wäre, wären meine Eltern wahrscheinlich auf die Barrikaden gegangen. Jetzt aber war es so, dass sie damit gut klar kommen und mich darin unterstützen. Diese große Freiheit hat mir aber gleichzeitig auch ein bisschen Angst gemacht, weil ich unter dem Druck stand, die Freiheit auch auszunutzen. Das Dilemma kennen bestimmt viele aus dieser Generation.

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