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„Das Album ist eine Art Selbsttherapie“

Archivartikel

Folk: Interview mit Songwriter Luka Bloom zum Mannheimer Konzert am 3. Mai

Musik in ihrer pursten Form bietet der irische Folkrock-Songwriter Luka Bloom nicht nur auf seinem jüngsten Album „Refuge“, sondern auch live: Ganz allein, nur mit Mikrofon und Gitarre ausgestattet, wird der 62-Jährige am Donnerstag, 3. Mai, um 20 Uhr auf der Bühne der Alten Feuerwache stehen. Warum das so sein muss, erklärt der Sänger in diesem Interview.

Mister Bloom, Sie haben ihr insgesamt 19. Album „Refuge“ genannt, also Zuflucht. Warum brauchen wir in Ihren Augen Schutz vor dem Sturm – um den Song-Klassiker „Shelter From The Storm“ ihres Idols Bob Dylan zu zitieren.

Luka Bloom: Ich kann nur für mich sprechen, nicht für irgendjemanden sonst. Ich habe das Album so genannt, weil ich selbst „Shelter From The Storm“ gebraucht habe. Ende 2016 wurde ich sehr traurig. Manchmal traurig, manchmal aber auch sehr, sehr wütend.

Wegen der Entwicklung in Großbritannien und den USA mit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps?

Bloom: Ja. Ich konnte nicht fassen, was 2016 alles in der Welt passiert ist. Unglaublich, dass die Briten so dumm sein werden, aus dieser wunderbaren Gruppe europäischer Nationen auszutreten, die 70 Jahre lang in Frieden zusammen gelebt hat. Dann haben die Menschen jenseits des Großen Teichs einen Faschisten gewählt, um ihr Land zu führen. Es war ein trauriges Jahr. Dazu kamen all diese Verluste: der Tod von David Bowie, Prince und vor allem Leonard Cohen. Deshalb brauchte ich selbst Zuflucht und Schutz. Und als ich diese Songs schrieb und einübte, wurde mir klar, dass sich diese Schaffensperiode für mich um Heilung drehte. Das Album ist eine Art Selbsttherapie.

Ist die Platte deshalb so puristisch und auf das Allerwesentlichste reduziert?

Bloom: Genau. In der Hoffnung, dass Menschen, die auch mit der Situation zu kämpfen haben, Zuflucht in diesen Songs finden.

Deutsche Hörer könnten das Wort „Refuge“ leicht mit „Refugee“, also Flüchtling verwechseln. Spielte dieses Thema auch eine Rolle, als Sie Ihr Album betitelt haben? Im Lied „City Of Chicago“ erzählen Sie die Geschichte irischer Flüchtlinge, die Ende der 1840er Jahre vor dem Hungertod in Donegal County in die USA geflohen sind. Heute würden diese Menschen wohl als Wirtschaftsflüchtlinge abqualifiziert ...

Bloom: Sicher. Speziell wir Iren müssen im Kopf haben, wie großzügig und freundlich die Welt zu uns gewesen ist. Weil in verschiedenen Phasen unserer Geschichte immer wieder massenhaft Menschen gezwungen waren, auszuwandern. Der Grund: Irland hatte keine Industrie, selten gute Regierungen und in der Folge nichts zu essen. Speziell in der momentanen Weltlage sollten wir uns und andere immer wieder an diese Geschichten erinnern und unsere eigene Menschenfreundlichkeit entwickeln. Gerade, weil wir inzwischen ein erfolgreiches Land und Mitglied der EU sind. Mir ist klar, dass nicht jeder in Deutschland Bundeskanzlerin Merkel unterstützt hat, als sie vor zwei Jahren quasi die Grenzen geöffnet hat. Aber mich hat das umgehauen. Das war ein großes Vorbild für die gesamte westliche Welt. Natürlich darf man mit so etwas nicht unverantwortlich und blauäugig umgehen. Aber es war richtig und wichtig, gegenüber akut notleidenden Menschen Humanität zu zeigen.

Wobei Merkel spätestens im Wahlkampf in dem Punkt massiv zurückgerudert ist.

Bloom: Das mag sein, ich kenne mich in der deutschen Politik nicht im Detail aus. Aber in diesem Moment hat sie große Führungsstärke gezeigt. Das war vorbildlich. Vergleichen Sie Ihr Verhalten einfach nur mit dem der Regierungschefs in Großbritannien oder den USA ...

Auf „Refuge“ fällt auf, dass Sie die uralte Folk-Tradition der „Topical Songs“ aufleben lassen – also Lieder, die quasi Nachrichten erzählen, die sonst in den Medien nicht vorkommen. Was ja schon die Aufgabe der fahrenden Sänger war, bevor es Medien gab.

Bloom: Es geht mir nicht um Information. Wir sehen ja am Internet, dass alles Wissen der Welt nicht dabei hilft, Menschen besser, weiser oder mitfühlender zu machen. Information, das sind nur Fakten oder heute Algorithmen. Die Intention von Songs ist es, eine Verbindung zu den Herzen der Menschen zu schaffen. So, dass sie sich fragen, ob die erzählte Geschichte ihnen etwas bedeutet – oder scheißegal ist.

Ihren Künstlernamen haben Sie aus Suzanne Vegas Lied „Luka“ und Leopold Bloom aus James Joyces Roman „Ulysses“ kombiniert. Soll das letzten Endes die Verbindung der Kunstformen Musik und Literatur signalisieren?

Bloom: Meine Güte, ich kann nicht glauben, dass ich daran noch nie gedacht habe. Da erzähle ich seit 30 Jahren die Geschichte, wie ich in Amerika einen Namen, also eine Identität für meine Musik gesucht und gefunden habe. Und da liefert mir ein deutscher Journalist die perfekte Antwort auf die ständigen Fragen nach meinem Künstlernamen: Ich wollte die Gaben Songwriting und Literatur verheiraten. Ich danke Ihnen vielmals.

Gern geschehen. In der Alten Feuerwache wird es nur Sie und Ihre Gitarre auf der Bühne geben, oder?

Bloom: Ja. Und es gibt keine Setlist. Nicht mal fünf Minuten vor der Show. Ich habe so viele Songs und will frei entscheiden. Ich spiele also, was mir in den Sinn kommt.