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„Das Internet ist wie ein Messer“

Pop: Interview mit James Blunt über sein neues Album „Once Upon A Mind“, soziale Medien, Familie, Altern und den Brexit

James Blunts Erfolg kommt nicht von ungefähr. Er hat stets hart gearbeitet, allein in Deutschland gibt er 2020 mehr als zehn Konzerte. Jetzt sitzt der britische Musiker ganz unprätentiös in Jeans und schwarzem Pullover in einer Suite im feinen Hotel Waldorf Astoria in Berlin, um über sein neues Album „Once Upon A Mind“ zu sprechen. Der Elektronik des Vorgängers „The Afterlove“ hat sich der 45-Jährige weitestgehend entledigt. Übrig geblieben ist der eingängige Pop, für den ihn seine Fans lieben. Blunts Musik lässt vermuten, dass ihn eher die Melancholie anzieht. Seine selbstironischen Tweets beweisen dagegen: Der Mann hat durchaus Humor. Am 16. März 2020 gastiert der Sänger wie auf fast jeder seiner Deutschland-Tourneen in der Mannheimer SAP Arena.

Mr. Blunt, Sie gelten als großer Twitter-Fan. Lieben Sie die sozialen Medien?

James Blunt: Nein. Ich finde Social Media schrecklich. Eine Plattform wie Instagram spiegelt doch nicht das echte Leben wider. Da zeigen die Menschen nur das Schöne, nicht ihren wirklichen Alltag. Damit verunsichern sie andere User, so entstehen Neid und Hass. Im Netz verlieren die Leute ihre Hemmungen, nein, besser: Sie werfen ihre Menschlichkeit über Bord. All die furchtbaren Dinge, die sie über eine Person schreiben, würden sie ihr niemals direkt ins Gesicht sagen.

Heißt das, Sie würden die ganzen Online-Plattformen gern abschaffen?

Blunt: Das Internet ist für mich wie ein Messer, mit dem Sie entweder jemanden töten oder wundervolle Kunstwerke schnitzen können. Ich denke, die Leute müssten einfach lernen, Social Media sinnvoller zu nutzen. Vor allem sollten sie wieder mehr miteinander reden. Auch ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich mich frage: Wieso ruft mich jetzt jemand an? Ich bin gerade so beschäftigt. Wir haben uns zu sehr an Textnachrichten gewöhnt, dadurch ist der direkte Kontakt auf der Strecke geblieben.

Wenigstens bringen Sie mit Ihren Tweets die Leser zum Lachen.

Blunt: Ich veralbere mich bei Twitter selbst. Auf diese Weise nehme ich meinen Hassern den Wind aus den Segeln. Dennoch trifft mich ein böses Feedback natürlich – selbst wenn hundert positive Kommentare daneben stehen. Vermutlich liegt es im menschlichen Naturell, sich hauptsächlich auf das Negative zu konzentrieren. Offline sind die Leute jedenfalls viel netter. Wenn mich Leute auf der Straße erkennen, reagieren sie freundlich. Sie bitten um ein Foto oder loben meine Musik. Um in meine Konzerte gehen zu können, geben einige richtig viel Geld für Hotels und Flüge aus. Ich trete dann vor Tausenden auf, die sich wahnsinnig über meine Songs freuen. Mit ihnen habe ich eine gute Zeit. Das ist das, was wirklich zählt.

Für Ihre Anhänger sind Sie ein Idol.

Blunt: Dabei stehe ich nur auf einer Bühne, weil ich so klein bin, haha. Im Ernst: Nicht Musiker sollten auf ein Podest gestellt werden, sondern Ärzte, Krankenschwestern oder Lehrer. Sie sind die wahren Helden. Mir persönlich ist nicht daran gelegen, über allem zu stehen, im Gegenteil. Bei meinen Shows möchte ich mich emotional mit dem Publikum verbinden. Ich kehre in meinen Liedern meine Unsicherheit nach außen, meine Ängste, meine Hoffnungen, meine Gefühle. Das ermöglicht es meinen Fans, sich mit mir zu identifizieren. Sie merken, dass ich nichts anderes empfinde als sie selbst.

War es Ihnen deshalb so wichtig, für Ihr Album „Once Upon A Mind“ sehr persönliche Texte zu verfassen?

Blunt: Diese Platte ist den Menschen gewidmet, die mir am meisten am Herzen liegen: meiner Familie. Mich hat der Kreislauf des Lebens beschäftigt. Auf der einen Seite ist mit meinen beiden Kindern eine neue Generation nachgewachsen, andererseits bin ich mir der Sterblichkeit der älteren Familienmitglieder bewusst geworden. Leider ist mein Vater sehr krank, er braucht dringend eine Spenderniere.

Haben Sie ihm das Stück „Monsters“ gewidmet?

Blunt: Ja. Solange ich jung war, habe ich meine Eltern für selbstverständlich genommen. Sie waren meine Helden, ich schaute zu ihnen auf. Als ich dann selber Kinder hatte, merkte ich: Vater zu sein, ist eine ziemlich große Herausforderung. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, was meine Eltern alles für mich getan haben.

Inwiefern hat sich dadurch Ihre Beziehung zu Ihrem Vater und Ihrer Mutter verändert?

Blunt: Interessanterweise hörte ich auf, sie bedingungslos zu vergöttern. Wir begegneten uns fortan auf Augenhöhe. Ich hielt meine Eltern nicht mehr für unantastbar, sondern erkannte: Sie haben durchaus Fehler, sie sind zerbrechlich. Das führt dazu, dass man irgendwann die Rollen tauscht. Heute bin ich derjenige, der für meine Eltern verantwortlich ist. Es kann passieren, dass ich meinen Vater genauso ins Bett bringe wie meine beiden Söhne.

Für sie haben Sie „I Told You“ geschrieben.

Blunt: Mit diesem Song drücke ich aus, wie sehr ich damit hadere, als Musiker so oft nicht zuhause zu sein. Für mich ist jeder Moment kostbar, den ich mit meinen Liebsten verbringe.

Wieso haben Sie sich dann mit der Eröffnung Ihres Pubs „Fox And Pheasant“ im Londoner Stadtteil Chelsea 2018 eine weitere Verpflichtung auferlegt?

Blunt: Die Rettung meiner mehr als hundert Jahre alten Stammkneipe war für mich Ehrensache. Sie sollte abgerissen werden, ein Investor wollte dort Wohnungen bauen. Also beschloss ich, sie zu kaufen und zu renovieren. Ich ließ die Holzverkleidung erneuern, neue Toiletten wurden eingebaut, es gibt ein Esszimmer für private Feiern.

Stehen Sie manchmal selber hinter der Bar?

Blunt: Ja. Ich habe zwar ein großartiges Management-Team, trotzdem bringe ich mich intensiv ein. Mir ist es wichtig, mich über alles auf dem Laufenden zu halten. Ich weiß genau, wie viele Special-Steaks an einem Abend verkauft wurden.

Können Sie die eigenhändig braten?

Blunt: Ich kann nicht kochen. Aber wir haben einen fantastische Koch. Darum esse ich gern in meinem Pub.

Treten Sie dort gelegentlich auf?

Blunt: Das geht nicht. Wir haben ja keine Lizenz für Musik.

Dafür füllen Sie große Konzerthallen. Stimmt es, dass Sie in London bisweilen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Ihren Auftritten anreisen?

Blunt: Ich bin tatsächlich mal mit der U-Bahn zu einem Konzert in die O2 Arena gefahren. Einfach weil ich so am schnellsten ans Ziel kam.

Wie haben die Leute reagiert?

Blunt: Für gewöhnlich beachten sich Briten in den Fahrzeugen des Nahverkehrs nicht. Insofern gab es keine Probleme. Als ich neulich in der U-Bahn saß, sprach mich allerdings jemand an. „Sie sehen aus wie James Blunt – nur sind Sie kleiner“, meinte er. Ich antwortete: „Ich bin mir sicher, dass James Blunt nicht U-Bahn fahren würde. Das wäre irgendwie komisch – so als würde er die Situation seines ersten Hits nachstellen wollen.“ Der Mann sagte: „Sehr witzig“. Dann ging er.

Sie haben auf das Lied „You’re Beautiful“ von Ihrem Debütalbum „Back To Bedlam“ angespielt. Knüpfen Sie jetzt mit „Once Upon A Mind“ wieder an diesen Sound an, weil die elektronischen Elemente Ihrer Platte „The Afterlove“ nicht so erfolgreich waren?

Blunt: Die Frage ist: Wie definiert man Erfolg? Für mich misst er sich nicht unbedingt an Verkaufszahlen. Erfolg ist das, was mich glücklich macht. Als ich an „The Afterlove“ arbeitete, hatte ich viel Spaß. Mich inspirierten nicht etwa die emotionalen Momente in meinem Leben, die Ausgangssituation war wesentlich entspannter: Ich weilte in meinem Haus auf Ibiza, saß auf einer Liege am Pool, trank Bier und hatte eine gute Zeit. Das brachte mich auf die Idee, mit unterschiedlichen Musikstilen zu experimentieren – ohne Rücksicht auf die Erwartungen meiner Plattenfirma oder meiner Fans. Ich beschloss, mit verschiedenen Leuten zu kooperieren. Der Plan ging auf, ich habe jede Sekunde genossen.

Aber im Nachhinein haben Sie sich bestimmt geärgert, dass das Stück „Ok“ nicht auf Ihrem Langspieler war, oder?

Blunt: Nachdem ich entschieden hatte, „Ok“ nicht für mein Album aufzunehmen, erhielt ich einen Anruf von Robin Schulz. Er fragte, ob er seinen Sound über diese Nummer legen könnte. Ich stimmte zu. So entstand ein Welthit. Ich habe ihn bei meinen Konzerten stets im Repertoire, weil die Leute ihn hören wollen.

Dieser Dance-Track kontrastiert mit „Once Upon A Mind“-Titeln wie „Youngsters“, die sich dem Pop verschreiben. Hadern Sie in dieser Nummer mit dem Älterwerden?

Blunt: Wir atmen, wir werden älter – das gehört halt zum Leben dazu. Wenn ich allerdings in den Spiegel gucke, sehe ich eine Person, die nicht unbedingt dem entspricht, was ich in meinem Inneren fühle. Ich halte mich nach wie vor für unreif.

Weil Sie als Musiker nie erwachsen werden mussten?

Blunt: Meiner Ansicht nach sind die meisten Politiker ebenso kindisch wie Musiker. Sie wollen sich gar nicht auf die Argumente der Gegenseite einlassen, sondern beharren auf ihrem Standpunkt - sei es beim Brexit oder bei anderen Streitfragen.

Wie stehen Sie persönlich zum Brexit?

Blunt: Für mich ist er eine Farce. Schauen Sie, ich bin Brite. Ich wohne auf Ibiza, den Winter verbringe ich in der Regel in der Schweiz, die meisten Konzerte gebe ich in Deutschland. Meinen kosmopolitischen Lebensstil werde ich weiterhin beibehalten. Meine Philosophie ist: Wir dürfen uns vom Brexit nicht trennen lassen.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, als Politiker für mehr Einheit zu kämpfen?

Blunt: Ich bleibe lieber Musiker. Meine Auftritte fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl mehr als jeder machtgierige Politiker. Zum Glück interessiert sich bei meinen Konzerten keiner dafür, ob die Person neben ihm homo- oder heterosexuell ist, ob sie sich dem Christentum oder dem Islam verschreibt. Im Publikum sind alle nur Menschen, die etwas Ähnliches empfinden.

Dennoch waren Sie als Soldat im Kosovo-Krieg im Einsatz. Wie stehen Sie heute dazu?

Blunt: Es war gut, dass Soldaten ins Krisengebiet geschickt wurden, keine aggressiven Politiker. Die Soldaten waren empathischer. Sie hörten den Kosovo-Albanern zu, sie ließen sich von den Serben deren Sichtweise schildern. Sie versuchten, beide Seiten zu verstehen. Letztlich wollten sie den Menschen Frieden und Stabilität bringen.

Einige Konfliktherde kochen aber wieder hoch. Es gibt immer irgendwo Krieg, wir steuern auf eine Klimakatastrophe zu. Fürchten Sie manchmal um die Zukunft Ihrer Kinder?

Blunt: Natürlich. Wie fast jeder in meiner Generation bin ich aber ein Heuchler. Weil ich als Musiker viel um die Welt reise, ist mein ökologischer Fußabdruck katastrophal. Im Gegenzug pflanze ich für jede Konzertkarte, die ich online verkaufe, einen Baum. Ich nutze Solarenergie und Meerwasser. Doch gleiche ich damit den Schaden, den ich verursache, wieder aus? Sicher nicht. Vermutlich wäre dieser Planet mit weniger Menschen besser bedient.

Sie könnten Ihren Nachhaltigkeitsindikator verbessern, indem Sie Ihre Auftritte auf ein Minimum beschränken.

Blunt: Ich bin nicht der Typ, der sich irgendwo richtig niederlässt. Es bringt mir Spaß, mit meiner Band und meiner Crew im Tourbus zu sitzen. Unser Fahrzeug ist wie eine mobile Bar, es trocknet nie aus.

Ihren Hauptwohnsitz haben Sie aber auf Ibiza. Was reizt Sie an dieser Party-Insel?

Blunt: Bevor mein Vater als Soldat in Deutschland stationiert wurde, waren wir auf Zypern. Ich verliebte mich also schon als kleiner Junge in das Mediterrane. An Ibiza schätze ich besonders diese Offenheit, diese Vielseitigkeit. Man findet ruhige Ecken oder Partymeilen. Die tollen Nachtclubs waren einer der Gründe, warum es mich auf diese Insel gezogen hat. Ich gehe nämlich wahnsinnig gern aus.

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