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Die Alternativen des Schicksals

Archivartikel

Nibelungenfestspiele: Thomas Melles „Überwältigung“ mit Klaus Maria Brandauer

Worms.So gefragt waren die Nibelungen in ihrer 18-jährigen Geschichte noch nie. Wochen vor der Premiere gibt es nur noch Restkarten. „Es gibt immer mal Rückläufer“, sagt Sascha Kaiser, Geschäftsführer der Festspielgesellschaft. Diese Tickets würden dann sofort wieder eingestellt, weshalb Karteninteressenten immer wieder auf der Internetseite nachschauen sollten.

Möglicherweise liegt die steigende Beliebtheit auch am Konzept von Intendant Nico Hofmann. Der ist nämlich 2015 als Nachfolger von Dieter Wedel mit dem Anspruch angetreten, jedes Jahr ein neues, eigens für Worms geschriebenes Stück am Originalschauplatz der Nibelungensage vor dem Wormser Dom uraufzuführen.

Vom Ende her betrachtet

Dieses Mal hat sich der renommierte Autor Thomas Melle der Nibelungen angenommen. In seinem Werk „Überwältigung“ rollt er die Sage sozusagen von hinten auf. Der Zuschauer wird gleich zu Beginn mitten hineingeworfen in das Ende, in die mörderische Schlacht am Hofe des Hunnenkönigs Etzel. Doch dann erstehen die Sterbenden wieder auf, hinterfragen, ob der Untergang tatsächlich von den Göttern gewollt und unausweichlich vorherbestimmt war.

Oder ist der Fortgang der Handlung nicht doch eher abhängig von den einzelnen Entscheidungen der Handelnden? Und damit ganz und gar nicht schicksalhaft? Also experimentiert Melle mit alternativen Handlungssträngen, die zur Verfügung stehen.

Der Autor versteht seinen Beitrag zu den Wormser Festspielen denn auch als „große Meditation über den Begriff Schicksal“, wie er bei einer Pressekonferenz in Worms erläuterte. Ob die alternativen Enden freilich besser, gnädiger, unblutiger ausgehen, will Melle noch nicht verraten.

Bestritten wird Melles Meditation von einem hochkarätigen Personal. Das beginnt mit der Regisseurin: Lilja Rupprecht inszenierte bereits Stücke unter anderem am Schauspielhaus Wien, am Deutschen Theater in Berlin, Volkstheater München, Schauspiel Köln. Rupprecht ist zudem die zweite Frau nach Karin Beier, die überhaupt bei den Wormser Nibelungen Regie führt. Beiers Inszenierung des Hebbel’schen Klassikers gilt heute noch als eine der gelungensten Produktionen der Festspielgeschichte. Insofern darf das Publikum gespannt sein, wie eine weitere weibliche Handschrift in der Regie mit diesem blutrünstigen Sujet umgeht.

Auch die Schauspielerriege geizt weder mit Qualität noch mit Prominenz. Wobei es Intendant Hofmann weniger um Prominenz als vielmehr um die Qualität geht, wie er immer wieder in Gesprächen betont. Gleichwohl dürfte auch er zufrieden zur Kenntnis nehmen, dass mit Klaus Maria Brandauer einer der höchstdekorierten Schauspieler des deutschsprachigen Theaters der Wormser Festspielbühne zusätzlichen Glanz verleiht.

Schließlich ist er nicht nur Mitglied des Ensembles am Wiener Burgtheater, sondern auch erfolgreich im Film. Er spielte Hendrik Höfgen in der Verfilmung des Klaus-Mann-Klassikers „Mephisto“, war der düstere Gegenspieler Largo von James Bond in „Sag niemals nie“. In Worms übernimmt Brandauer die Rolle des Hagen, des taktierenden Staatspolitikers am Hof der Burgunden.

Hochkarätig ist auch das weitere Ensemble mit Alexander Simon (Siegfried), Kathleen Morgeneyer (Kriemhild), Inga Busch (Brünhild), die bereits 2009 bei den Festspielen in Worms auf der Bühne stand und in Gil Mehmerts Inszenierung von „Das Leben des Siegfried“ damals Brünhilds Amme Frigga spielte, Moritz Grove (Gunther), Boris Aljinovic (Gernot), Winfried Küppers (Frigga), Edgar Eckert (Spielmann), Andreas Leupold (Ute) und Lisa Hrdina (Ortlieb). Auffällig genug, dass Regisseurin Rupprecht gleich drei der zwölf Rollen gegen das Geschlecht der Darsteller besetzt hat.

Das Bühnenbild – so viel Einblick gewährte die Produktion bis jetzt – besteht vor allem aus einem mystischen Berg, der mit mehr als 600 Quadratmeter weißem Tuch überzogen ist und Gletscherkälte verbreiten soll. Doch unter diesem Berg brodelt es offensichtlich ganz gehörig. Wie bei den Wormser Nibelungen fast schon üblich, wird eine Videokamera das Geschehen auf der Bühne fokussieren und auf eine Großleinwand übertragen. Teile der Handlung, so verspricht Bühnenbildnerin Anne Ehrlich, werden sich im Dom abspielen, live für das Publikum übertragen von der Videokamera.

Effektvolle Pyrotechnik

Damit sich der Schauwert der Open-Air-Inszenierung noch steigert, gibt es wieder einige pyrotechnische Effekte. Und auch Videoprojektionen verspricht die Technische und Künstlerische Betriebsdirektorin Petra Simon. Im Vorjahr geriet der ganze Dom durch den Einsatz von Licht und Technik ins Wanken. Als Höhepunkt trat das schmerzverzerrte Gesicht von Siegfrieds Sohn (Jimi Blue Ochsenknecht) gleich dreimal überdimensional aus der Domfassade heraus. Es verstärkte den gewaltsamen Tod der Figur in der Flammenhölle des Burgunderhofs um ein Vielfaches. Ein heimlicher Star der Aufführung wird vermutlich einmal mehr der ausgesprochen stimmungsvoll illuminierte Heylspark sein, den schon viele Gäste als schönstes Theaterfoyer Deutschlands bezeichnet haben.

Schlendern ohne Karte

Im Park kann übrigens während der gesamten Festspiele geschlendert werden, auch wer nicht im Besitz einer Eintrittskarte ist. Es wird lediglich ein kleiner Obolus – eine „Flaniergebühr“ – von zwei Euro fällig, um das kulinarische Angebot und die täglich wechselnde musikalische Unterhaltung zu genießen.