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„Die Fiktion wird fast Realität“

Pop: Comedy-Pionier Thomas Hermanns über das Konzept seiner Show „Boybands Forever“

Thomas Hermanns ist nicht nur Comedy-Pionier und einer der Motoren des anhaltenden Stand-up-Booms in Deutschland. Als Autor und Regisseur lebt der 54-Jährige auch seine Leidenschaft für Popmusik aus. Seit 4. Oktober ist seine Musical-Show „Boybands Forever“ auf Tour, die den Kult um „Jungsbands“ und Mädchenschwärme wie Take That, Backstreet Boys, N’Sync bis hin zu One Direction aufleben lässt. Musikalisch und tänzerisch – unter anderem am 26. Februar im Mannheimer Rosengarten. Wir sprachen mit dem glühenden ABBA-Fan über die durchaus ambitionierte Pop-Revue, in der er als Autor und Regisseur das Zeitlose an dem für viele eher flüchtigen Pop-Phänomen Boygroups herauszuarbeiten versucht.

Herr Hermanns, Ihre neue Popshow heißt auf Deutsch „Boybands für immer“. Nun gibt es nicht wenige, die es ganz gut finden, dass sich das Thema mit Ausnahme von One Direction ein Stück weit erledigt hat. Warum finden Sie es wichtig, da den Staub der Popgeschichte von dem Thema wegzupusten?

Thomas Hermanns: Ach, das Frohsein darüber, dass das Kapitel vorbei ist, ist selbst bei den schlimmsten Kritikern längst etwas aufgeweicht. Und die rund 20 Jahre nach dem Höhepunkt der Boygroup-Ära sind ein ganz guter Abstand, um mal wieder hinzugucken. Es tut nicht mehr weh, auch wenn man dabei war – aber das Phänomen ist noch präsent. Das war die Idee hinter der Show. Und ich bin ja bekanntlich ein Pop-Nerd, der den ganzen Kram im Kopf hat.

Fand sich in Ihrem Kopf etwas Spezielles, dass die Idee forciert hat?

Hermanns: Als mir auf dem iPod mal wieder „Breathe Easy“ von Blue begegnete, dachte ich: „Woah, das ist ja wirklich gut!“ Klar, gibt es die bekannten Vorurteile: Boygroups sind nur bunt, oberflächlich, gecastet, können nicht singen, sehen nur gut aus, Blablablabla … Aber bei dem Song ist ja klar, wie wahnsinnig schwer er zu singen ist. Und dann entstand vor etwa vier Jahren die Idee, mal zu schauen, was passiert, wenn man so etwas wieder auf eine Bühne stellt. Und da öffnete sich eine Tür und der ganze Staub flog weg. Danach haben wir das ganze Œuvre noch mal angeschaut, die Latex–Shorts und die peinlichen Videos außen vorgelassen, und uns auf die Musik und die Performances konzentriert. Einfach popanalytisch hingeschaut: Was haben die eigentlich gemacht in den 90ern beziehungsweise vorgestern bei One Direction? Was ist das Rezept für den Erfolg?

Wie läuft nun die Live-Umsetzung im Rosengarten?

Hermanns: Alles wird von den fünf Sängern live gesungen und getanzt. Dazu gibt es eine vierköpfige Band.

Wie haben Sie die Sänger gefunden?

Hermanns: Dieser Respekt für Boybands, den ich inzwischen einfordere, fing beim ersten Casting in London an. Da sagte unser Choreograph Marvin, der auch mit den Originalen gearbeitet hat: „Jetzt tanzen wir mal eine N’Sync-Choreographie und singen dazu.“ Da fiel einigen schnell das Lachen aus dem Gesicht, die sich gedacht haben, es reicht, da mal hinzugehen, gut auszusehen, gut singen und ’nen Sidestep tanzen zu können. Die Melodie kriegt ja fast jeder hin. Aber es geht halt oft um enge Stimmführung, mehrstimmige Gesangssätze – das ist alles nicht so leicht. Zumal, wenn die hohen Töne quasi im Spagat oder beim Tanzen gegeben werden müssen… Nach den ersten Castings in London und Hamburg wurden wir etwas nervös, und haben noch die Amerikaner angerufen…

Wie ordnen Sie die musikalische Qualität von Boygroups inzwischen ein?

Hermanns: Nur, weil es leicht aussieht, ist es das nicht. Auch bei unserer Show sind zweieinhalb Stunden gesangliche und körperliche Höchstleistung gefragt. Bei Motown ist inzwischen klar, dass die Supremes um Diana Ross nicht nur drei schöne Frauen waren, die nebeneinander standen und gut sangen. Da weiß jeder inzwischen, was die Band dahinter gespielt hat, wer die Songs geschrieben hat. Bei Boygroups ist das noch nicht so ganz bewusst. Das arbeiten wir in der Show heraus – und den Rest feiern wir einfach ab.

Waren die Lizenzen für all die Hits leicht zu haben?

Hermanns: Ja, weil es im Prinzip eine Revue ist, bei der die Songs nicht substanziell verändert werden. Wir haben auch einen Moderator, der das Publikum an die Hand nimmt – in Mannheim wird das Ole Lehmann sein. So kannst Du das problemlos machen.

Weniger leicht wird Ihnen die Auswahl aus der großen Boyband-Hitparade gefallen sein.

Hermanns: Ja! Einmal, weil es so viel ist. Und dann haben mich Fragen gequält wie: Braucht man die Hamburger Bed & Breakfast? Gab es etwas wirklich Wesentliches von Dieter Bohlens Touché? Natürlich brauchst du die großen Hits. Die sind ja auch toll. Aber ich wollte auch so etwas wie Jean Jacques Goldmans „Je Te Donne“ in der Version von Worlds Apart dabei haben. Auch wenn es etwas abseitig ist. Oder das dritte East-17-Stück, weil dann doch sehr viel produziert wurde. Wenn auch in unterschiedlicher Qualität.

Beatles-Fans sehen bei der These regelmäßig Rot. Aber letztlich sind die Fab Four eine Art Blaupause für die Typen in Boybands: der rebellische John Lennon, Schwiegermamas Sonnenschein Paul McCartney, der scheue George Harrison, der lustige Ringo Starr, oder?

Hermanns: Ha, ich bin sehr froh, dass Sie das anführen! Immer, wenn ich sage „die Beatles waren eine Boyband“, heult die Fanfraktion auf. Dabei ist am Pop doch die Mischung aus Kunst und dem Industriellen so interessant. Auch die frühen Beatles folgten einem Marketing-Konzept. Warum das bei den einen funktioniert und bei anderen nicht, liegt an vielen Faktoren. Vor allem aber am Songwriting. Und das von Gary Barlow geschriebene „Back For Good“ muss sich vor Lennon/McCartney-Klassikern nicht verstecken. Das funktioniert auf jeder Wandergitarre, auch ohne dass man wie Take That im Video unter der Wassermaschine stehen muss. Irgendwann wurden für Boybands auch die besten schwedischen Songschreiber engagiert, die ihnen brillante Popperlen geliefert haben.

Jetzt haben Sie die wichtigste Frage halb vorweggenommnen: Gibt es eine Wassermaschine bei „Back For Good“?

Hermanns: Natürlich! Auch, wenn das eine Schnapsidee war. Aber mein Credo ist: Es gab nie ein Boyband-Video in der Wüste, also Wasser Marsch! Aber das auf die Bühne zu bringen, ist ganz schön kompliziert. Denn Wasser auf der Bühne ist der Feind der Band, denn dahinter stehen teure Gitarren…

Und manchen Sänger trifft am Mikrofon buchstäblich der Schlag, wie 2017 den Wanda-Frontmann in Mannheim…

Hermanns: Ganz genau. Und das möchten wir nicht. Deshalb spielen wir zum Ende des ersten Teils die Videodrehs zu „Back For Good“, „Quit Playin’ Games“ von den Backstreet Boys und East 17s Mördernummer „It’s Alright“ quasi nach. Natürlich ironisieren und veralbern wir das Ganze dabei ein wenig. Die Sänger stehen da quasi unter der Dusche in nicht sehr attraktiven schwarzen Wannen – aber über die Kameras tritt auf den Videoleinwänden derselbe Effekt ein wie etwa beim Take-That-Clip von 1995. Hier kommen Kernelemente der Show zusammen: Ironie und Liebe zum Detail.

Wie reagieren die Fans?

Hermanns: Wir erleben da fast schon einen Warhol-Effekt mit den 15 Minuten Ruhm für alle: Am Schluss der Show behandelt das Publikum unsere Jungs wie eine echte Band. Inzwischen gibt es selbstgemalte Bleistift-Porträts unserer Sänger auf Pappschildern – ich wusste gar nicht, dass es noch Bleistifte gibt. Das heißt, die Fiktion wird fast Realität. Und die Jungs dürfen eine Boyband spielen, ohne eine sein zu müssen. Das nur darzustellen, ist meiner Einschätzung nach viel netter, als wirklich so leben zu müssen.

Auf der Comeback-Tour etwa von den Backstreet Boys wurden die Hits erstaunlich laut und rockig durch die SAP Arenen der Republik geknüppelt. Sie halten sich vermutlich an die Originalversionen, oder?

Hermanns: Ich habe zumindest über die BSB-Single „Incomplete“ von 2005 nachgedacht. Mit dem Sound wollten sie wahrscheinlich beweisen, dass sie Testosteron haben und ihre Musik nicht so fluffig ist, wie sie viele in Erinnerung haben. Aber diese Beweisnot – wenn dadurch der Zucker rausgeht, das finde ich dann auch langweiliger. Den Fehler hat Motown nie gemacht. Die Songfabrik hat da einfach gut gearbeitet, wie auch bei vielen Boybands.

In der Postmoderne ist ja alles möglich: Millionen bekennen sich zu Schlagern, deren Topact Helene Fischer baut härtesten Politrock von Rage Against The Machine in ihre Shows ein – macht es das leichter für solche Shows?

Hermanns: Vermutlich. Aber ich habe ja auch über die 70er und 80er gearbeitet. Mich interessiert, Pop abzufeiern – mit dem nötigen Abstand, mit Mitgefühl, Wärme und Humor. Das macht mir Spaß. Die aktuellen Sachen kann man noch nicht richtig eintüten, das ist komplexer. Ich würde jetzt eher mal langsam Annie Lennox anschreiben, ob ich ihr Musical machen darf.

Ihr „Quatsch Comedy Club“ läuft live an mehreren Standorten erfolgreich – und seit Herbst wieder im Fernsehen, bei Sky 1. Wie witzig ist es hinter der Bezahlschranke?

Hermanns: Gut. Es schließt sich da auch ein Kreis: Vor den Jahren bei ProSieben hatten wir ja 25 Jahre zuvor beim Vorgänger-Abosender Premiere angefangen. So konnten wir das Jubiläum in der alten Heimat feiern.

Dass es inzwischen sehr, sehr viel Humor im Fernsehen gibt, hat nichts behindert?

Hermanns: Nein, da sind wir selbstbewusst genug – auch, wenn inzwischen jedes dritte Programm irgendwas mit Stand-up macht. Aber da ist das Abo-Format auch hilfreich: Dass man nicht auf die Quote schielen muss und sich so netflixig/HBO-mäßig fühlen kann, das ist schon sehr angenehm. In so einem geschlossenen Rahmen zu arbeiten, macht mir mehr Spaß, als etwas fürs Privatfernsehen zu produzieren. Denn da ist inzwischen schon sehr viel Nervosität und Unruhe im Raum.

Die jungen Comedians, denen sie einst Starthilfe gaben, sind heute teilweise Superstars mit riesigem Publikum. War es schwierig, die wieder in Ihre Sendung zu bekommen?

Hermanns: Nein, für Medienverhältnisse war es einfach. Mit dem Jubiläum hatten wir auch einen schönen Anlass.

Auch der Mannheimer Bülent Ceylan hat durch einen Auftritt im „Quatsch Comedy Club“ bundesweit einen enormen Schub bekommen. Am Anfang war er abseits der Bühne fast ein wenig scheu – eine enorme Diskrepanz zur hochenergetischen Rampensau, die er spielt…

Hermanns: Ja, aber das erlebt man doch sehr oft. Gerade, wenn ein Künstler sehr intelligent ist und viel darüber reflektiert, was er tut. Bülent hat sich schon immer einen riesigen Kopf gemacht – und das finde ich auch gut. Bei ihm kam das alles ja auch nicht über Nacht. Das hat niemand aus dem Hut geschüttelt oder sich ausgedacht. Er hat über Jahre hart gearbeitet und sich den Erfolg Mann um Mann, Club um Club erspielt.

Haben Sie das enorme kommerzielle Potenzial in ihm schon von Anfang an gesehen?

Hermanns: Ich gehe da nicht mit der Wünschelrute rum. Aber mir war schon klar, dass da etwas zusammenkommt. Er ist ja nun mal sehr attraktiv. Und Attraktivität und Fernsehen – das passt einfach. Auch wenn es im Comedy-Bereich an und für sich nicht hilft. Aber Kaya Yanar hat das gute Aussehen auch nicht geschadet. Fast könnte man meinen, die türkischstämmigen Komiker durften hübscher sein als die deutschen.

Aber es war bei ihm ja nicht nur die Optik, oder?

Hermanns: Nein. Bülents Durchbruch im „Quatsch Comedy Club“ war eine reine Energiesache. Er war damals in Füssen kurzfristig eingesprungen – und hat so gerockt. Das war noch mal eine Schippe drauf, ich weiß nicht, woher das kam. Auf jeden Fall war auf einmal diese Rockstar-Energie da. Das war auch das erste Mal, dass er vor so vielen Leuten gespielt hat. Und da hat er wohl gemerkt: „Ich mag das vor so großem Publikum.“ Das geht ja nicht jedem so. Bülent hat das aufgesogen, der Moment hat irgendwas bei ihm ausgelöst. Ich glaube, er hat vorher selber nicht gewusst, dass das sein Element ist – gerade, weil er ein eher ruhiger Typ ist.

Haben Sie vor 25 Jahren im Traum daran gedacht, dass Komiker verlässlich 10 000er-Arenen und sogar Fußballstadien füllen?

Hermanns: Nein. Mein Vorbild war der US-Club in New York oder der Londoner „Comedy Store“. Der Arena-Boom kam ja weltweit erst in den Nuller Jahren. Der Brite Eddie Izzard war, glaube ich, der Erste. Zumindest habe ich ihn in Manchester als Ersten live in einer Arena gesehen. Das fanden die Engländer damals auch neu, dass ein Stand-up-Comedian mit Videoleinwänden und Kameras in einer großen Halle auftritt. Wobei ich Stand-up im Club schöner finde, wenn ich die Wahl habe.

Die alte Frage nach der Grenze zwischen meist politischem Kabarett und Comedy als reiner Spaßmacherei hat sich spätestens durch Grenzgänger wie Dieter Nuhr erledigt. Muss Comedy aber in bewegten Zeiten wie diesen nicht automatisch politischer werden?

Hermanns: Die Frage ist immer, wie man politische Comedy definiert. Für mich heißt das nicht: Ich rede über Angela Merkel. Gute Comedy heißt: Ich rede über etwas, das ich kenne. Also am Besten über mich. Und wenn man über die AfD sprechen möchte, dann vielleicht über den Comedian, der bei der Weihnachtsfeier mit der Familie feststellt, dass beide Elternteile AfD wählen. Das wäre der klassische Comedy-Zugang. Die Grenzen haben sich zwar schon sehr verwaschen, trotzdem sind die Grenzpunkte, wo man mit der Arbeit anfängt, verschieden. Aber letztlich ist jeder Künstler Individualist – und die Schubladenfrage finde ich überschätzt. Ich weiß nicht, warum wir immer alles einsortieren müssen.