Veranstaltungen

„Die Songs sagen: Du bist nicht allein“

Das Interview: Joey Burns über die gemeinsame Tour von Calexico und Iron & Wine, die auch nach Mannheim kommt

All-Star-Projekte taugen oft nicht viel. „Years To Burn“, das zweite gemeinsame Album der Folk-Rock-Country-Liedermacher-Americana-Bands von Calexico und Iron & Wine, ist hingegen große Klasse. Zusammen geht man jetzt auch auf Konzertreise.

Joey Burns, wie viele Musiker werden denn dieses Mal insgesamt auf der Bühne stehen, wenn Calexico zusammen mit Iron & Wine auf Tournee sind?

Joey Burns: Sechs. Drei von jeder Band. Als wir damals vor fast 15 Jahren zum ersten Mal unterwegs waren, sind wir doppelt so viele gewesen. Wir mussten mit zwei Bussen reisen. Und in fast jeder Stadt hatten wir noch Gäste dazu eingeladen, das war unsere Version von Bob Dylans „Rolling Thunder Revue“. Aber auch in der kleineren Besetzung werden die Konzerte großartig, da bin ich mir sicher. Ich verspreche, dass wir sehr viel Spaß haben werden auf der Bühne.

Ist Spaß auch der Grund, warum Sie wieder mit Iron & Wine ein Album eingespielt haben?

Burns: Ja, der Spaß spielt auf jeden Fall eine große Rolle bei uns. Wir haben Sam Beam, den Frontmann von Iron & Wine, vor 15 Jahren kennengelernt und uns gleich prächtig mit ihm verstanden. Kurz darauf nahmen wir ja schon unsere EP „In The Reins“ zusammen auf. Sam hatte damals schon vier, fünf Töchter, und er begann seine Karriere gerade erst. Ich hatte noch keine Kinder, meine Zwillingsmädchen sind jetzt acht, aber wir waren schon seit einer ganzen Weile als Musiker etabliert. Inzwischen ähneln sich unsere jeweiligen Leben noch mehr, wir alle lieben unsere Arbeit und unser Familienleben gleichermaßen.

„In The Reins“ kam 2005 und war bei Fans wie Kritikern sehr beliebt. Warum haben Sie sich so lange Zeit mit dem Nachfolger gelassen?

Burns: Wir hatten ursprünglich schon 2015 beschlossen, wieder etwas aufzunehmen, zum zehnjährigen Jubiläum. Aber dann kam schlicht so viel dazwischen, wir alle hatten eine Menge zu tun und mussten einen Zeitraum finden, an dem es passte. Schließlich verabredeten wir uns im Dezember 2018 in einem Studio in Nashville. Wir hatten nur fünf Tage Zeit, um die ganze Platte aufzunehmen.

Hatten Sie die Songs denn schon beisammen?

Burns: Die Lieder stammen dieses Mal alle, mit einer Ausnahme, von Sam. Sam ist einer der begabtesten Singer/ Songwriter und Texter, die ich kenne, insofern konnten wir uns getrost auf ihn verlassen. Er schickte uns seine Ideen, sie waren natürlich großartig, und doch haben wir die Arbeitsweise im Studio bewusst locker und vage und spontan gehalten. Wir wollten uns treffen und gucken, was passiert. In der Nacht, bevor wir anfingen, schrieb ich dann schnell auch einen eigenen Song, „Midnight Sun“.

Geht das so auf Knopfdruck?

Burns: Ehrlich gesagt: ja. Am liebsten komponiere ich mitten in der Nacht und mache morgens den Feinschliff. Sam hatte viele satte Akkorde und Melodien geschrieben, daher wollte ich einen Song aufnehmen, der etwas schlichter und nackter klingt und viel Platz zum späteren Improvisieren lässt.

Das Stück „The Bitter Suite“ besteht praktisch aus drei verschiedenen Songs. Ist das Leben denn gerade eher bitter oder eher süß?

Burns: Es ist beides. Ich habe nicht den Nerv, mich jeden Tag über die Welt, die Politik, die Umweltzerstörung oder unseren unsäglichen Präsidenten aufzuregen. Man muss auch mal Abstand nehmen und durchatmen. Gerade waren meine Frau und ich mit den Töchtern zum ersten Mal für eine Woche in New York, vorher ein paar Tage am Meer. Aber man kann die Realität auch nicht grundlegend ausblenden. Ich lebe in Tuscon/ Arizona, John Convertino direkt in El Paso. Neulich erst waren wir mit den Kindern an der Grenze und haben Kleidung an die Immigranten verschenkt.

Ist es wahr, dass Sam Beam den wirklich sehr schönen Song „In Your Own Time“ schon vor 20 Jahren geschrieben hat?

Burns: Das stimmt. Der Song handelt vom Kreislauf des Lebens, um Vergänglichkeit und Erneuerung. Und darum, dass jeder Mensch auf einem einzigartigen Weg durchs Leben geht, wir aber trotzdem alle demselben Universum angehören. Sam war schon mit Anfang, Mitte 20 eine alte Seele (lacht).

Die Aussage des Songs ist jedenfalls zeitlos.

Burns: Absolut. Wir alle sind Bürger dieses Planeten, wir atmen dieselbe Luft, leben unter demselben Himmel. Darüber sollte man hin und wieder nachdenken in Zeiten, in denen sich die Menschen scheinbar immer tiefer in ihre Gräben verschanzen. Gerade auch diese Kollaboration zwischen Sam und uns ist ein Zeichen der tiefen Verbundenheit. Wir erinnern uns immer wieder gegenseitig daran, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein.

Demnach geht es nicht nur um die Freude am gemeinsamen Spiel, sondern auch um eine tiefere Erkenntnis?

Burns: Durchaus. „Years To Burn“ hat so eine wunderbare Botschaft. Eine Botschaft, die in schreiend lauten Zeiten wie diesen vielleicht eine besondere Bedeutung hat, aber im Grunde, schon seit Anbeginn der Menschheit maßgeblich ist. Ganz gleich, wer du bist und was du durchmachst – jemand wird dich auffangen, wenn du fällst. Manche dieser Songs sind fröhlich, manche traurig, einige irgendwo dazwischen. Aber alle streicheln dir über den Kopf und sagen dir: Du bist nicht allein.

Zum Thema