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„Die Welt wird nicht wieder wie früher“

Pop: Stargitarrist Mark Knopfler über seine Vorliebe für Langsamkeit in schnellen Zeiten und ein Höchstalter für Rockstars

Wer sich Mark Knopfler als einen entspannten Menschen vorstellt, der liegt genau richtig. In seinen British Grove Studios im Londoner Stadtteil Chiswick, wo nebenan gerade ein „großer Filmsoundtrack“ aufgenommen wird, sitzt er gemütlich beim Tee. Er schließt die Studiotür nicht etwa, indem er aufsteht, sondern mit einem kleinen Knopf am Schreibtisch – was ihm eine fast kindliche Freude bereitet. Auch auf seinem jüngsten Album „Down The Road Whereever“ bleibt der 69-jährige Gitarrist, Komponist und Sänger ganz gepflegt in der Komfortzone. Mit langgedienten Weggefährten wie Guy Fletcher und Ian Thomas hat der Ex-Frontmann der Dire Straits („Money For Nothing“, „Sultans Of Swing“) 14 herrlich detailverliebte Songs eingespielt, die melancholisch und nach Heißgetränk am Kaminfeuer klingen. Eine ähnliche Konzertatmosphäre dürfte Mark Knopfler am 6. Juli in der Mannheimer SAP Arena herbeizaubern.

Mister Knopfler, Ihr Studio sieht topmodern aus. Was ist das Besondere an diesen Räumen?

Mark Knopfler: Machen wir uns nichts vor: So ein Studio zu betreiben, ist eine idiotische Idee, wenn du Geld verdienen willst. Ich verdiene jedenfalls keins damit. Mir geht es vielmehr darum, wirklich die bestmöglichen Aufnahmen zu machen. Die Menschen, die hier arbeiten, sagen, sie spüren die Energie der Räume. Vielleicht, weil ich viel Geld für die Klimaanlange ausgegeben und dafür gesorgt habe, dass die Luft immer schön feucht ist. Auch die Instrumente wissen gute Luft zu schätzen.

Schreiben Sie Ihre Songs auch hier?

Knopfler: Nein, nie. Das mache ich zu Hause in meinem Studienzimmer. Und auf Tournee. Wenn du mich im Hotel den Flur entlanglaufen siehst, mit einem Hocker im Arm, dann deshalb, weil da fast nie Stühle im Zimmer sind, auf denen ich Gitarre spielen kann.

Haben Sie ständig Songideen in Ihrem Kopf?

Knopfler: Jederzeit lauern musikalische Ideen und Gedanken darauf, mir den Tag durcheinanderzubringen. Meistens auf angenehme Weise. Aber ich spüre nie Stress oder den Zwang, irgendetwas zu schreiben. Entweder ich habe eine Idee, und wenn ich keine habe, ist es auch in Ordnung. Alles in allem ist es eine wunderbare Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ein traumhaftes Dasein, oder?

Knopfler: Ja, ich bin ein glücklicher Junge. Da gibt es überhaupt keine Diskussion. Ich freue mich jeden Tag darauf, in meinem Studio aufzunehmen oder auch einfach bloß hier zu sitzen, den anderen Bands zuzuhören und ein Tässchen Tee zu trinken.

Eines der neuen Lieder heißt „Slow Learner“ – zu Deutsch: langsamer Lerner ...

Knopfler: Oh ja. Ich bin in allem so schrecklich langsam. Und so bedächtig. Ich gucke mir erst alles an, bevor ich es ausprobiere. Ich brauche zum Beispiel ewig, um herauszufinden, wie genau der Reißverschluss an einer neuen Jacke funktioniert. Ich bin einfach langsamer als die meisten anderen Menschen. Ich gehe auch total langsam. Viele Leute überholen mich beim Gehen, das passiert ständig.

Stört Sie das nicht?

Knopfler: Nein, überhaupt nicht. Ich war aber immer schon der Letzte, und sei es in der Umkleidekabine beim Schulsport. Auch hier im Studio mache ich immer als Letzter das Licht aus, krame ewig in meiner Tasche rum, mühe mich in die Jacke und trotte zur Tür. Die anderen sind dann längst schon weg. Ich bin damals schon ein verträumter Junge gewesen, und heute bin ich ein verträumter älterer Herr.

Ist das Verträumtsein eine Gabe, die Ihrer Musik zugutekommt?

Knopfler: Ja, ich würde dem zustimmen. Ich denke, selbst wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber langsam als schnell.

Die Welt um uns herum ist ja schnell genug.

Knopfler: Gott, ja. Speziell in den großen Städten. Deshalb verlasse ich die Stadt gern, um runterzukommen. Ich hasse die Ungeduld der Städter, ich finde den Straßenverkehr besonders furchtbar. Meistens bin ich auf zwei Rädern unterwegs und kann den Staus ein bisschen ausweichen.

Ist Ihr Motorrad der eine Ort, an dem Sie Ihre Langsamkeit vergessen?

Knopfler: Oh nein, ich bin kein Hasardeur. Und seit ich vor zehn Jahren einen üblen Unfall mit meinem Motorrad hatte, bin ich noch vorsichtiger und zurückhaltender geworden. Ich würde behaupten, ich fahre meinem Alter angemessen.

Sie werden am 12. August 70 Jahre alt. Denken Sie schon an Ihren Geburtstag?

Knopfler: Überhaupt nicht. Ich neige dazu, meine Geburtstage schlicht zu vergessen. Meine Frau wird mich vermutlich rechtzeitig erinnern und sieben Kerzen besorgen. Mal schauen, ob ich sie alle gleichzeitig auspusten kann (lacht).

Ihre Lieder sind ja immer schon sehr zeitlos gewesen, und „Down The Road Whereever“ macht da keine Ausnahme. Schreiben Sie Songs, mit denen man als Künstler gut älter werden kann?

Knopfler: Das ist mir auf jeden Fall lieber, als wenn meine Songs fünf Minuten cool und dann für immer peinlich wären. Ich versuche schon, sie handwerklich immer so liebevoll zu gestalten, dass sie nicht schnell kaputtgehen, dass sie haltbar sind. Und ich finde, ich singe heute besser als früher, denn ich hatte seit 21 Jahren keine Zigarette mehr.

Haben Sie je überlegt, Ihre großen Dire-Straits-Hits neu aufzunehmen?

Knopfler: Ehrlich gesagt nicht, aber jetzt, da Sie es ansprechen: Wäre eine Idee. Ich habe nur immer so wenig Zeit und mehr Interesse daran, komplett neue Musik zu machen, als das Vergangene wieder aufzuwärmen.

„Back On The Dancefloor“ ist ein richtig schwungvolles und fröhliches Lied. Worum geht es darin?

Knopfler: Der Song ist ein wenig frech und amüsant. Ich spreche darin ein bisschen über die Kollegen, die auch schon sehr lange dabei sind, über die richtig alten Knacker. Wenn ich manche so sehe, frage ich mich, ob es für uns Rock-’n’-Roll-Opas ein Haltbarkeitsdatum gibt. Oder ein Höchstalter, an dem man dann bitte mal langsam die Bühne verlässt.

Denken Sie, dass es so ein Höchstalter gibt?

Knopfler: Schon. Mit 100 noch zu touren, das stelle ich mir sehr problematisch vor. Irgendwo wird ein Limit sein.

Die Stones oder Bob Dylan sind Mitte 70, gegen die Kollegen sind Sie noch ein Frischling. Denken Sie über den Zeitpunkt nach, an dem Sie Schluss machen?

Knopfler: Ja, ziemlich intensiv sogar. Und meine Livekonzerte werden das erste Opfer dieser Überlegungen sein. Ich kann mir vorstellen, weiter zu schreiben und aufzunehmen, aber touren? Ich werde in absehbarer Zeit damit aufhören und vielleicht noch gelegentliche Auftritte spielen, so wie Paul Simon. Tourneen machen dich wirklich platt, früher spielte ich sechs Abende am Stück, heute schaffe ich allerhöchstens noch drei, bevor ich einen freien Tag brauche. Als ich jung war, war mir das alles egal, da fühlte ich mich unzerstörbar. Aber du kannst diese Energie mit Ende 60, Anfang 70 nicht mehr aufrechterhalten.

Was machen Sie denn, um Ihre Energiereserven wieder zu füllen?

Knopfler: Du musst auf dich aufpassen. Früher bin ich einfach saufen gegangen. Heute suche ich im Zweifelsfall den nächsten Fitnessraum auf. Oder bleibe einfach noch ein bisschen liegen.

An wen dachten Sie, als Sie den Song „Nobody Does That“ mit der Zeile „Niemand macht es so wie du“ schrieben. An Ihre Frau?

Knopfler: Natürlich! (lacht) Aber der Song soll allen gehören, der ist dazu da, um die Menschen fröhlich zu machen und sie anzuregen, zu was auch immer. Das ist ein Stück, das sehr schnell ging, und dem die Band einfach ganz hinreißend die Sau rauslässt. Ich nehme mich da regelrecht zurück und lasse die Jungs scheinen.

Sie blicken auf einigen Songs, etwa „Just A Boy Away From Home“ oder „Matchstick Man“ auf Ihre Kindheit und Jugend zurück. Sind Sie alt genug für Nostalgie?

Knopfler: Ja, das Zurückschauen hat hundertprozentig was mit dem Alter zu tun. Man fängt an, die Welt aus dem umgedrehten Teleskop heraus zu betrachten. Je älter du wirst, desto wichtiger wird die Vergangenheit, zumindest geht es mir so. Aber ich bin nicht nostalgisch, ich verkläre die Vergangenheit nicht, ich sehe sie realistisch.

Was wäre nostalgisch?

Knopfler: Der Brexit. Oder wenn du nach 50 Jahren wieder in deine alte Schule gehst, die ich übrigens nie mochte. Viel schöner fand ich meine Grundschule, da bin ich auch mal wieder gewesen.

Welche Geschichte erzählen Sie in „Matchstick Man? (zu Deutsch: Streichholz-Mann)“

Knopfler: Am Weihnachtstag versuchte ich, durch den Schnee nach einem Konzert per Anhalter heimzufahren. Ich war jung und verrückt und beschloss an genau diesem Tag, mit der Musik mein Geld verdienen zu wollen.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens, sich von Ihrem ursprünglichen Beruf Journalist zu verabschieden und Musiker zu werden?

Knopfler: Anfangs sah es wie eine sehr dumme Idee aus. Aber dann lief’s doch ganz gut.

Sie nannten den Brexit vorhin „nostalgisch“. Wie meinen Sie das?

Knopfler: Die Leute, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben, träumen vom guten, alten, aber längst vergangenen Großbritannien. Sie glauben, wenn wir unabhängig sind, bekommen sie die Kontrolle über ihr Leben zurück. Sie wollen, dass alles irgendwie simpler wird. Aber das ist ein großer Fehler. Die Welt wird nicht wieder wie früher. Und viele Menschen haben eben das Gefühl, dass sie aus der Zeit gefallen sind. Dinosaurier, die sich nicht mehr zurechtfinden in der modernen Welt. „My Bacon Roll“ handelt von so jemandem, einem typischen Brexit-Mann. Er will mit der Moderne nichts zu tun haben. Ich kann diese Haltung ein Stück weit nachfühlen, halte sie aber für falsch.

Bringt Sie der Brexit um den Schlaf?

Knopfler: Nein, das nicht. Zumal es ja so aussieht, als würde sich gar nicht extrem viel ändern. Wenn die Diskussionen und Debatten durch sind, werden sich die Leute schnell mit der Situation arrangieren. Bei uns wird es dann etwa so sein wie in Norwegen. Seien Sie versichert, die Welt wird auch durch den Brexit nicht untergehen.