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Rhythm & Blues Interview mit Keyboarder und Kultmoderator Jools Holland vor seinem Mannheimer Konzert am 13. März

„Du musst lieben, was du spielst“

Seine Pressebilder stammen von Paul McCartneys ältester Tochter Mary. An solchen Details kann man ermessen, welchen Stellenwert der Pianist und BBC-Moderator Sir Jools Holland in der britischen Popkultur hat. Seine Kult-TV-Show „Later... with Jools Holland“ vereint seit über einem Vierteljahrhundert Superstars wie The Who, Johnny Cash, Lou Reed, U2 oder Depeche Mode mit hochspannenden Newcomern. Am 13. März ist der 61-Jährige bereits zum dritten Mal in Mannheim live zu hören. Weil die Quadratestadt für Musiker eine besondere Energie verströmt, wie der Londoner im Telefoninterview mit dieser Zeitung verrät.

Mister Holland, Sie treten in Mannheim mit Ex-Soft-Cell-Sänger Marc Almond auf. Der kommt eigentlich von der etwas dunkleren Seite des New-Wave-Pop der 1980er, singt aber auf ihrem gemeinsamen Album sogar Bluesnummern. Spielen die neuen Songs beim Konzert eine zentrale Rolle?

Jools Holland: Marc ist unser Stargast, aber wir haben wie immer auch große Sängerinnen wie Ruby Turner oder Beth Rowley dabei, die auch zum Zug kommen. Dazu kommt Schlagzeuger George Latham als einziger Instrumentalist. Das Rhythm & Blues Orchestra besteht auf dieser Tournee also zum größten Teil aus meinen Fingern und dem Piano. Wir spielen deshalb nur zwei, drei der selbst geschriebenen Nummern von der neuen Platte sowie einige von Marcs alten Hits.

Wir hören also Soft Cells Evergreen „Tainted Love“ in einer Piano-Version?

Holland: Ja, genau! Und „Say Hello, Wave Goodbye“. Ich versuche, die Show nicht ganz so düster zu halten, wie Marc es vielleicht gern hätte.

Seit 2011 spielen Sie jetzt zum dritten Mal in Mannheim, obwohl die erste Show in der Alten Feuerwache gar nicht mal extrem gut besucht war. Was zieht Sie an?

Holland: Generell mag ich es sehr, in Deutschland auf Tournee zu sein. Schon, weil ich dort gerne durch die Gegend fahre.

Viele Ihrer Kollegen loben das deutsche Publikum.

Holland: Da kann ich nur zustimmen. Ich erinnere mich gut an ein Konzert, bei dem es nach dem zweiten Lied überhaupt keinen Beifall gab. Das hat mich etwas erschreckt. Aber dann bemerkte ich, dass das rechte Pedal meines Klaviers festhing, so dass die Töne nachklangen. Die Zuschauer haben auch da intensiv zugehört. Das bewundere ich sehr. Ich mag außerdem den Saal im Mannheimer Capitol. Und die Stadt verströmt musikalisch eine besondere Energie.

Ich wette, das sagen Sie zu allen Städten ...

Holland: Ja (lacht). Aber Sie wohnen wirklich an einem besonders schönen Fleckchen.

2011 hatten Sie deutsche Stargäste wie Herbert Grönemeyer dabei. In Mannheim sang Roger Cicero. Konnten Sie es fassen, als er 2016 mit nur 45 Jahren starb?

Holland: Nein. Mir ging das sehr nahe. Nicht nur, weil er ein so großartiger Sänger und toller Mensch war. Auf unserer Tournee hat Roger sich immer wieder ein kurzes Video angeschaut, wie er mit seinem kleinen Sohn zu einem Lied von Ruby Turner tanzt. Das war sehr süß.

Damals waren sehr viele bekannte Musiker im Publikum, etwa der Mannheimer Grönemeyer-Keyboarder Alfred Kritzer. Stehen Sie vorher in Kontakt mit den Kollegen?

Holland: Vorher? Nein! Wenn ich vor dem Konzert wüsste, dass da viele hochtalentierte Musiker sitzen, würde mich das sehr, sehr nervös machen.

Der Brexit beherrscht die Schlagzeilen. Könnte Ihre nächste Deutschland-Tour sehr viel komplizierter werden?

Holland: Ich fürchte ja. Ich weiß ja noch, wie es früher war. Man musste endlos Formulare ausfüllen und auf alles Mögliche Zoll bezahlen. Aber im Moment weiß niemand mehr, was er tut. Das Referendum war keine gute Idee. Wenn man eine Volksabstimmung machen würde, ob öffentliche Hinrichtungen wieder eingeführt werden sollen, würden die Leute wohl auch Ja sagen.

Ich bin Fan Ihrer Show „Later... with Jools Holland“. Weil Sie klar macht, dass Genregrenzen keine Rolle spielen und es immer wieder neue Talente gibt, die mit Weltstars mithalten können. Was waren die größten Karrieren, die Sie mit angeschoben haben?

Holland: Amy Winehouse fällt einem da wohl ein. Adele, Blur, Oasis und einige andere – wobei deren Durchbruch nicht allein mit der Show zu tun hat. Die hilft nur. Wir haben ja das Glück, schon eine Weile auf Sendung zu sein. Das, was Ihnen gefällt, ist genau unser Programmauftrag. Die BBC ist ja ein öffentlich-rechtlicher Sender. Deswegen hatten wir schon viele Newcomer, die große Stars wurden, direkt neben aktuell sehr gefragten Künstlern und Legenden aus der Vergangenheit. Auch Stile wie Weltmusik, Reggae, Folk, Blues oder Jazz. Das alles braucht eine Heimat, die es im Fernsehen ansonsten kaum findet.

Gibt es nach all den Jahren noch Wunschkünstler?

Holland: Natürlich: Stevie Wonder. Aber wir machen ja maximal zwölf Shows, da kann es sein, dass jemand wie er immer zur falschen Zeit in England ist. Aber die meisten, die ich mir wirklich wünschen würde, sind leider tot – etwa Bluessängerin Dinah Washington.

ZDF Kultur hat Ihre Show bedauerlicherweise nicht mehr im Programm. Woran liegt’s?

Holland: Das ist schade, denn wir haben viele deutsche Fans. Die BBC konzentriert sich wohl mehr darauf, ihre teuren Kostümdramen in alle Welt zu verkaufen. Aber Sie finden viele der Auftritte auf YouTube. So hören die Leute ja heute – hauptsächlich einzelne Songs.

Wobei das Einzigartige Ihrer Sendung so verloren geht – dass der Weltstar in einem Saal mit dem Geheimtipp spielt und sie sich zuschauen.

Holland: Ja, das ist schon besonders. Und am besten finde ich, wenn der Geheimtipp kurz danach größer ist als der Star.

Sie sind seit mehr als 40 Jahren im Show- und Musikgeschäft. Hatten Sie es je satt?

Holland: Die Musik nie, das Geschäft schon (lacht). Musik zeigt dir jeden Tag ein neues Gesicht. Konzerte sind sowieso einzigartig. Meine philosophische Maxime diesbezüglich stammt von der US-Jazz-Pianistin Mary Lou Williams aus den 40er Jahren: „Du musst lieben, was du spielst, und spielen, was du liebst.“