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„Durchtherapierte“ Figuren

Schauspiel: Christian Weise inszeniert „Die Möwe“ am Mannheimer Nationaltheater

Mannheim.Sie werde seines Erachtens oft missverstanden, die Sache mit den „Tschechow-Pausen“, meint Christian Weise, Hausregisseur am Mannheimer Nationaltheater (NTM): „Da sitzen gelangweilte Menschen irgendwo auf einem Gut rum, blasen Trübsal und finden das Leben schwer und tragisch. Das heißt aber nicht, dass die Pausen lang und betroffen sein müssen.“ Die Komik liege darin, dass Anton Tschechows Figuren „auf eine Art durchtherapiert“ sind, wie Weise sagt. „Die wissen, dass es ihnen schlecht geht. Und deswegen können sie drüber reden.“ So auch der Fall in Tschechows Komödie „Die Möwe“, die Weise am Nationaltheater inszeniert – nach „Die Räuber“ und „Endstation Sehnsucht“ ist es seine dritte Produktion als NTM-Hausregisseur, Premiere ist am Freitag, 29. November, um 19.30 Uhr.

Der junge angehende Schriftsteller Konstantin will darin sein erstes Theaterstück uraufführen, und zwar auf dem Landgut seiner Familie, vor Freunden und Verwandten als Publikum. Die Hauptrolle soll seine Geliebte Nina spielen, die sich aber in den Schriftsteller Trigorin verliebt, der wiederum der Liebhaber von Arkadina ist – Schauspielerin und Mutter von Konstantin.

Nichts gestrichen

Geschrieben hat Tschechow das Stück 1895. Die bevorstehende Russische Revolution sei zwar hintergründig vorhanden, aber „nicht das Thema“. Genauso wenig wie die neuen versus die alten Formen des Theaters, erklärt Weise. Das sei nur – wie bei Alfred Hitchcock – ein „MacGuffin“: ein Handlung-motivierendes Objekt, um das es nur scheinbar geht. Tatsächlich gehe es in der Komödie „um die Beziehung zwischen den Menschen“.

„Ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas streichen zu müssen oder zu wollen“, sagt der Theatermacher über den virtuosen Stückaufbau Tschechows. „Man kann die Geschichte nicht anders erzählen. Sie ist eine Komposition, die genau abgestimmt ist.“ Deswegen habe er auch Paula Wellmann gebeten, keinen „konkreten Raum“ zu bauen, sondern vielmehr eine Bühne zu entwerfen, „die die Schauspieler wie ein Tablett trägt und die einen Zustand erzwingt“. Denn: „Die Schauspieler müssen die Texte zuständlich sprechen. Das Zuständliche entsteht, wenn der Körper des Schauspielers auf unsicherem Grund steht.“ Die Darsteller werden hier auf zwei große Wellen gesetzt, „wo man sozusagen nirgendwo gerade steht. Und das überträgt sich automatisch ins Spiel“, erläutert Weise. Dadurch seien die Menschen, die Konflikte und die Situation extrem aus- und in den Fokus gestellt. „Und das macht Spaß.“

Auch eine Orgel ist mit auf der Bühne, die von Musiker Jens Dohle gespielt wird, der auch die Musik für „Die Möwe“ komponiert hat und den Arbeiter Jarkow mimt. „Für mich ist die Musik ganz wichtig: Sie muss nicht dramaturgisch das Stück bedienen, sondern für sich stehen und mit dem Ganzen in Zusammenklang kommen“, führt Weise aus.

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