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„Ein Lebensgefühl der Sorglosigkeit“

Pop: Alex Christensen über sein Live-Projekt „Classical 90s Dance“, Apache 207 und die Arbeit mit den Söhnen Mannheims

Mannheim.Zuletzt hat der Dance-Sound der 1990er Jahre 12 000 Besucher zu einer Party-Revue in die Mannheimer Maimarkthalle gezogen. Da steht der nächste Protagonist dieser Erfolgsphase quasi schon vor der Tür: Produzent, DJ und Komponist Alex Christensen. Seit 2017 inszeniert der Hamburger seine großen Hits wie „Das Boot“ (U96, 1992) und andere Eurodance-Klassiker von „Rhythm Is A Dancer“ und „What Is Love“ über „Barbie Girl“ bis „Everytime We Touch“ im sinfonischen Gewand mit neuen Stimmen. So erfolgreich, dass Anfang November der dritte Teil von „Classical 90s Dance“ erschienen ist, auf dem prominente Stimmen wie Natasha Bedingflied, Yass, Thomas Anders oder Maite Kelly zu hören sind. Am 6. Mai spielt Christensen mit dem 30-köpfigen Berlin Orchestra und Gastsängern im Mannheimer Rosengarten. Bei der Tourvorstellung in der Mannheimer Whistle Sportsbar sprach der 52-Jährige über die anstehende Tour, Ängste, nicht dazuzugehören, Apache 207, sowie den von ihm 2017 mitproduzierten Skandalsong „Marionetten“ von Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims.

Herr Christensen, die elektronische Musik der 1990er Jahre scheint gerade so angesagt wie lange nicht. Was macht sie so zeitlos?

Alex Christensen: Sie transportiert das Lebensgefühl einer gewissen Sorglosigkeit. Das war die Zeit nach der Wiedervereinigung, der Aufbruchstimmung, der Zusammengehörigkeit, auch der Love Parade. Da ist man einfach hingegangen, ohne Lkw-Sperren, die Wagen sind durch die Menschenmenge Gefahren, ohne dass da jemand Angst hatte. Man war im Kopf freier. Das sieht man schon an Mottos wie „Friede, Freude, Eierkuchen“. Das war alles sehr naiv. Gerade in der heutigen Zeit, die ein bisschen desorientiert ist, sucht man einen Punkt, wo man sich geborgener gefühlt hat. Das sind die 1990er, jedenfalls bei Leuten, die sie miterlebt haben. Und vielleicht bei ihren Kindern, denen das Gefühl quasi injiziert wurde.

Wie kamen sie auf die nicht unbedingt naheliegende Idee, diese elektronische, fast technoide Musik mit klassischen Elementen zu orchestrieren? Spielte dabei die Zusammenarbeit mit den Söhnen Mannheims 2017 eine Rolle, die ja oft mit dem Babelsberger Orchester gearbeitet haben?

Christensen: Ja, schon. Da hat sich das konkretisiert. Ich wollte ursprünglich nur den U96-Titel „Das Boot“ als Orchesterversion umsetzen. Davon habe ich schon 1991 geträumt, vor der Veröffentlichung mit U96. Damals hatte ich nicht die Mittel. 2016, also 25 Jahre nachdem ich „Das Boot“ aufgenommen hatte, bin ich es dann angegangen. Ich habe mich also nicht hingesetzt und das Projekt am Reißbrett geplant, sondern es hat sich einfach entwickelt. Das finde ich so eigentlich ganz schön. Es ist wichtig, etwas zu präsentieren, das nicht aus der Retorte kommt.

War die Live-Umsetzung des Orchesterprojekts nicht von Anfang an vorgesehen?

Christensen: Auch dass ich damit auf Tour gehen würde, kam ganz organisch. Nachdem das erste Album so erfolgreich war, kam man natürlich auf mich zu, wie es mit einer Tournee aussähe. Da sagte ich zuerst: „Das sehe ich noch nicht.“ Denn wenn man ein Album hat mit zwölf oder 14 Titeln, ist das einfach zu wenig Repertoire. Man braucht eine große Auswahl, damit man Programme variieren kann.

Aber bei ganz großen Shows erlebt man es ja kaum noch, dass spontan Lieder ausgetauscht werden. Es ist ja oft gar nicht möglich, weil die Musik ganz exakt auf die Effekte der Bühnenshow abgestimmt sein muss.

Christensen: Genau. Aber es ist trotzdem mein Ansinnen, dass man von Stadt zu Stadt Punkte setzen kann, die etwas anders sind. Als DJ war ich ja auch frei. Jetzt habe ich 45 Titel zur Auswahl, so bekommt das Programm ein ganz anderes Niveau.

Wie läuft denn die Live-Umsetzung konkret? Wer hat arrangiert, was für Gastsänger sind am Start?

Christensen: Für die Live-Auftritte schreiben wir die Arrangements um. Schon allein, weil das Ensemble ein Anderes ist als im Studio. Auch meine Beats sind etwas anders, das musste angepasst werden. Voraussichtlich sind wie auf den Alben auch Sängerinnen wie Yass, Asja oder Linda Teodosiu auf der Bühne zu hören. Vielleicht gibt es auch den einen oder anderen prominenten Überraschungsgast. Wobei ich mir da noch nicht ganz sicher bin. Am Ende des Tages bin ja ich der Künstler und habe selbst auch ein paar Platten verkauft. Also sollte ich auch mich präsentieren und nicht so sehr die Bühne teilen. Es muss immer zur Musik passen. Das ist das Wichtigste. Deshalb überlege ich noch.

Dieter Bohlen hatte auf Tour auch nur einen Background-Sänger dabei und den Mut, ohne all zu viele Effekte fast alles selbst zu singen.

Christensen: War das so?

Ja. Das klang nicht alles megaschön, aber seinen Fans hat’s gefallen.

Christensen: Jeder hat da seinen eigenen Ansatz. Die Nummern sind auf meinen Platten alle so unglaublich gut gesungen, dass es live mindestens genau so gut sein muss. Auch, wenn es vielleicht eine andere Stimme ist als auf dem Album. Bei mir gilt: Wo mein Name drauf steht, da muss Qualität drin sein, und ich muss mich damit identifizieren können.

Apropos: Sie waren ja zuletzt sehr präsent in Talkshows, haben jetzt in Mannheim ihre Tourpläne selbst präsentiert. Wenn ich sie beobachte, habe ich aber den Eindruck, dass Sie bei solchen Auftritten immer so ein wenig innerlich schmunzeln müssen. Als ob Sie diesen Zirkus Musikgeschäft und Öffentlichkeit nicht so extrem ernstnehmen. Ist das gesunde Distanz aus langjähriger Erfahrung heraus – oder täuscht der Eindruck einfach? Und Sie sind einfach eine Frohnatur.

Christensen (lacht): Vielleicht ist das ein Schutzmechanismus? Ich nehme den „Zirkus“ sehr ernst und liebe ihn ja auch. Aber ich denke immer, dass ich nicht wirklich dazugehöre und mir irgendwann jemand sagt „Also, der Christensen hat hier wirklich nichts zu suchen, auch wenn er hier 30 Jahre rumturnt. Wir sind eine geschlossene Gesellschaft. Das möchten wir nicht.“ Deswegen habe ich immer so ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Weil ich denke, dass ich mich über jeden Tag freuen kann, an dem ich das machen darf, was ich mache. Das ist ein Geschenk. Und so lange ich erfolgreich bin, ist das auch großartig.

Gab es auch andere Zeiten?

Christensen: Ich weiß auch, wie es ist, wenn man mal keinen Erfolg hat. Es gibt nun mal Ups und Downs. Wenn ich also etwas empfehlen darf: Am Besten, den Menschen, der in den Medien steht, vom Menschen zuhause trennen. Es ist ganz wichtig, dass man einen Rückzugsort hat, wo man ganz normal ist, einkaufen gehen kann und so weiter.

Im Südhessischen lebt Nosie Katzmann, der in den 1990ern wohl noch mehr Hits geschrieben hat als Sie. Die hat er mal sehr schön in seinem eigentlichen Sound, im Songwriter-Stil à la Tom Petty veröffentlicht. Könnten Sie sich vorstellen, dass aus Ihrem Live-Projekt mal eine Art Dance-Night-Of-The-Proms wird, bei der mehrere Köpfe des Genres ihre Songs neu präsentieren? Und zwar mit Konzertcharakter, nicht als Partyformat wie zuletzt die Radio-Sunshine-Show mit Blümchen und Co. in der Maimarkthalle?

Christensen: So etwas reizt mich immer, das wäre ja eine lustige Klassenfahrt. Nosie ist ja einer der großartigsten Komponisten, die es hierzulande gibt – und leider sehr unterschätzt. Er hat so viele Hits wie „Mr. Vain“ geschrieben, dass ich immer in Ehrfurcht erstarre, wenn wir telefonieren. Er fand die Idee zu meiner Tournee jedenfalls sehr, sehr gut und wäre bei so etwas bestimmt dabei. Die Night Of The Proms fand ich auch sehr beeindruckend. Das kann also passieren, man weiß es aber nicht.

Eigentlich erstaunlich, dass so eine Hitfabrik wie Nosie Katzmann fast nur Insider kennen.

Christensen: Das ist leider oft so. Deswegen finde ich immer, dass die Leute, die im Hintergrund etwas leisten, auch Aufmerksamkeit bekommen müssen. Schauen Sie sich allein Musiker an, die in einem Sinfonieorchester spielen: Da hat in seinem Leben jeder zwischen 12 000 und 18 000 Stunden geübt. Da muss man doch den Hut ziehen.

Sie arbeiten mit einem freien Orchester, also ohne Gewerkschaftspausen und an Theatern übliche Reglementierungen, die Popmusikern oft sehr fremd sind?

Christensen: Ich nehme immer freie Orchester. Ich muss es ja so besetzen können, dass es zu meiner Musik passt. Das müssen Leute sein, die meine Musik auch hören und verstehen. So kommt man dann auch in einen Dialog, und sie können ihre Ideen einbringen.

Ich habe mich 2017 sehr gewundert, dass Sie das Söhne-Mannheims-Album „MannHeim“ zu großen Teilen produziert haben. Sie auch? In der Band sind ja ein halbes Dutzend der Musiker selbst Produzenten, ein Soloalbum von Xavier Naidoo hätte da eigentlich nähergelegen. Zumal er fast alles geschrieben hat. Wie kam es dazu?

Christensen: Ursprünglich saß ich irgendwann mit Xavier zusammen, und wir haben gesagt: „Lass uns mal etwas zusammen machen. Vier, fünf Titel – das wäre doch super.“ Da er da gerade mit den Söhnen unterwegs war, hat sich das so ergeben. So passieren Dinge, zumal ich ja nie Berührungsängste habe – oder Angst (lacht). Wir machen zusammen Musik und da entsteht etwas. Das ist ja eine ganz, ganz tolle Truppe, wunderbare Chaoten, mit denen man wunderbare Geschichten erlebt. Auch Billy (Davis, ebenfalls Produzent des Albums „MannHeim“) ist ein großartiger Typ, der genau so golfverrückt ist wie ich. Wir haben einfach Gemeinsamkeiten und sind in einem weiseren, gesetzteren Alter raus, in dem das Testosteron keine so große Rolle mehr spielt.

Nicht ganz so wunderbar waren die Reaktionen auf Xavier Naidoos Text zum Lied „Marionetten“, über den sich schließlich sogar Bundesminister wie Peter Altmaier empört haben. Hatten Sie mit so einem Sturm der Entrüstung gerechnet?

Christensen: Ne, das hatte ich nicht gedacht. Das war vielleicht auch alles zu hysterisch. Das hat sich ja fast niemand in Ruhe angeschaut. So entstehen Dinge, die man dann nicht mehr stoppen kann. In einer viralen Welt wird ein Pickel zum Elefanten. Das muss man aussitzen. Oder Stellung beziehen.

Wobei Sie selbst gar nicht mit dem Lied in Verbindung gebracht wurden und auch keine verbalen Prügel abbekommen haben, oder?

Christensen: Nein, die Connection wurde nicht gezogen. Es wäre auch vermessen, wenn ich dazu etwas sagen würde. Ich bin ja nicht Urheber des Textes. Ich habe auch nicht alles mitbekommen, was da alles gelaufen ist, weil ich teilweise in Spanien lebe.

Aus Ludwigshafen kommt ein neues Phänomen: Apache 207 …

Christensen: Ja, großartig! Auch ein Supertexter. Und der ist aus Ludwigshafen? Ihr habt schon ein Nest hier irgendwo (lacht).

In Apache-Nummern wie „Kein Problem“ kommen die Beats der 1990er ja noch einmal ganz anders zu Ehren. Registrieren Sie das? Das könnten Sie glatt mit in Ihr Programm einbauen, oder?

Christensen: Jetzt, wo Sie’s sagen. Das ist so eine Mischung mit 90er-Zitaten. Ich versuche, auch den deutschen Hip-Hop zu beobachten. Nur, wenn das so stereotyp ist, wird mir das schnell zu langweilig – wenn jeder ein Gangster ist und ’ne Gucci-Tasche hat, dann habe ich das schnell verstanden. Aber so was wie Apache überrascht mich, so dass ich mir das auch anhöre und verstehe, warum das so erfolgreich ist und er so ein Alleinstellungsmerkmal hat. Gut, dass es nicht nur Einheitsbrei gibt.

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