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„Er ist einer unserer großen Helden“

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Folk: Interview mit Sänger Andrew Davie, der mit seiner Band Bear’s Den das Vorprogramm von Neil Young bestreitet

Mannheim.Die Vorfreude auf den 5. Juli ist Andrew Davie sogar am Telefon deutlich anzuhören. Als Sänger des Londoner Indie-Folk-Duos Bear’s Den ist er zwar selbst längst ein Star, aber wenn es im Interview um den Auftritt im Vorprogramm von Neil Young in der SAP Arena geht, klingt der 31-Jährige wie ein Fan.

Mister Davie, wenn man vor einem Folk- und Rock-Monument wie Neil Young spielen darf, ist das für Sie ein Auftritt wie jeder andere – oder etwas ganz Besonderes?

Andrew Davie: Das ist weit, weit mehr als nur besonders. Mit Monument beschreiben Sie Neil Young ganz treffend. Vor ihm zu spielen ist die größte Ehre, die wir uns vorstellen können. Er ist einer unserer großen Helden – wir sind enorm aufgeregt und können es kaum abwarten.

Das im April veröffentlichte dritte Bear’s-Den-Album „So That You Might Hear Me“ mischt mehr elektronische Klänge in Ihren Folkstil – was Neil Youngs puristische Fans womöglich irritiert. Beeinflussen solche Überlegungen Ihre Songauswahl für Freitag?

Davie: Daran basteln wir tatsächlich noch. Als wir anfangen, klangen wir tatsächlich folkiger und akustischer. Aber alle unsere Platten sind weniger vom Sound getragen als von den Liedern – ich hoffe, dass unsere Hörer in Mannheim das erkennen und mögen, auch wenn Manches etwas moderner klingt. Aber Neil Young ist ja immer offen und experimentierfreudig gewesen, da werden seine Fans hoffentlich auch aufgeschlossen für unsere Musik sein.

Speziell als Gitarrist kann Young ja laut wie ein Rock-Donnergott klingen. Bear’s-Den-Songs sind meist sehr empfindsam und ruhig... passt das besser, wenn er von Promise Of The Real begleitet wird und nicht von den lautstarken Crazy Horse?

Davie: Vielleicht. Ich konnte die Kombination noch nicht live sehen, habe aber Spektakuläres über Promise Of The Real gehört. Wir klingen live auch nicht ganz soo ruhig wie auf unseren Platten und werden alles geben. Aber ehrlich gesagt, sind wir im Moment noch hauptsächlich damit beschäftigt, uns zu kneifen – um sicherzustellen, dass wir nicht träumen.“

Wer ist für Ihre Generation von Folkmusikern relevanter: Die Dylans, Crosbys, Stills’, Nashs und Youngs oder Altersgenossen wie Bon Iver, Damien Rice, Mumford & Sons?

Davie: Die Musik, die man als Erstes intensiv hört, bleibt für immer ein Einfluss. Bei mir war das Bob Dylan, weil mein Vater regelrecht besessen von ihm war. Wir hörten ihn täglich auf dem Weg zur Schule. So wurde er meine Einführung in das Thema Songwriting. Von daher sind die Bob Dylans, Neil Youngs, Crosby, Stills & Nash absolut fundamental – dafür, wie wir Lieder schreiben und über Musik denken. Die modernen Sachen sind aber auch wirklich wichtig: Künstler wie Bon Iver machen Folk zeitgemäß und sorgen so dafür, dass die Musik relevant bleibt. Das ist für uns die Herausforderung: Folk so weiter zu entwickeln, dass er nicht von anderen Genres überrundet wird. Trotzdem sind Neil Young und Bob Dylan für uns auch heute noch musikalisch wichtiger als Bon Iver oder unsere Freunde von Mumford & Sons.

Folkmusik hat sehr politische Wurzeln und funktionierte bis in die 1960er Jahre in den USA fast wie ein Nachrichtendienst. Moderner Indie-Folk klingt oft sehr persönlich, introvertiert, gern melancholisch und setzt oft auf leise Töne. Was sagt das über unsere Zeit?

Davie: Gute Frage. Wenn man in den 1960ern wie Dylan „Blowin’ In The Wind“ oder „The Times They Are A-Changing“ geschrieben und nur mit der Gitarre gespielt hat, fühlte sich das neu an. Die Botschaften von Liedern wie „Masters Of War“ waren aufrüttelnd und klar. Heute ist es viel schwieriger, Themen nur in Schwarz und Weiß abzuhandeln. Die politische Lage ist viel komplexer. Außerdem kann für mich auch das Persönliche sehr politisch sein – etwa, wenn man als Künstler darüber schreibt, dass man sich von der Realität entfremdet und nicht als Teil von etwas fühlt. Also unverstanden oder einfach nicht gehört. Lieder darüber, dass man sich nicht damit identifizieren kann, wofür Dein Land auf einmal steht oder dass Entscheidungen wie der Brexit getroffen werden, die du nicht mittragen kannst. Das mag introvertierter klingen, kann aber auch Fenster zu weiteren Feldern öffnen, finde ich. Ich hoffe, das ist eine gute Antwort.

Ich denke schon. Natürlich ist die Lage nicht mehr so klar, wie zu Zeiten, als Woody Guthrie auf seine Gitarre "Diese Maschine tötet Faschisten" geschrieben hat. Ihr neues Album handelt ja von Kommunikationproblemen. Ist es heute leichter, sich über Kunst, Musik oder soziale Medien zu verständigen als von Angesicht zu Angesicht über die Zahnpastareste im Waschbecken?

Davie (lacht): Ja. Unser Album dreht sich inhaltlich tatsächlich vor allem um das Gefühl, dass die Kommunikation gerade nicht besonders gut funktioniert. Wir scheinen da etwas verlernt zu haben. Manche Leute werden nicht mehr erreicht und verlieren die Verbindung. Auch darum geht es auf auf der Platte. Generell scheint dieses Gefühl von Verbindungsverlust gerade recht verbreitet zu sein, auch unter Freunden und Bekannten von mir. Wir werden immer schlechter darin, über etwas zu reden - und noch schlechter, wenn es um Themen geht, die wirklich etwas bedeuten. Das gehört zur Welt, wie sie heute ist und ja - die sozialen Medien haben einen großen Anteil daran. Wenn wir zurückgehen auf die politische Ebene ist klar, dass wir in sehr verwirrenden Zeiten leben. Nehmen wir den Brexit: Die Hälfte der britischen Bevölkerung hat nicht dafür gestimmt, trotzdem wird es passieren. Oder könnte passieren. Wir leben in einer extrem polarisierten Zeit. Ich finde es nicht einfach, sich darin zurechtzufinden.

Hat der Künstler Andrew Davie Lösungen anzubieten?

Davie: Wow, lassen Sie mich nachdenken... Allgemein gesehen, ist in Großbritannien oder den USA die Kommunikation zwischen der Linken und der Rechten schon lange abgebrochen. Da gibt es keinen gemeinsamen Nenner mehr, es wird nicht mal mehr versucht, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Alles rast in unterschiedliche Richtungen _ und hinterlässt ein großes Loch in der Mitte, zumindest in Großbritannien. Das ist sehr traurig, man fühlt sich in die Zeit von Stammeskulturen zurückversetzt. Dabei glaube ich fest daran, dass die Leute mehr gemeinsam haben, als sie denken. Aber es ist zurzeit schwer, Ihnen das zu erklären (lacht).

Zurück zum Konzert am Freitag: Sehen Sie eine Chance, dass Neil Young Sie in seiner Show mit auf die Bühne holt? Er mag so etwas ja...

Davie: Das wäre ein Traum.Aber ich weiß nicht mal genau, wie unsere Auftritte bei seinen Deutschland-Konzerten genau zustandekamen. Unsere Konzertagentin hat gefragt, ob wir interessiert wären, ein paar Konzerte vor ihm zu spielen. Das war keine Frage. Als dann - wie auch immer - die Zusage kam, war das eine wirklich gigantische Sache für uns. Unser Live-Gitarrist Harry, sein größter Fan, hat geweint, als er es gehört hat. Für uns ist Neil Young eine absolute Legende, wir drehen wahrscheinlich schon durch, wenn wir ihn kurz treffen könnten. Das wäre unglaublich. Ihm persönlich für seine Songs danken zu können, wäre eine riesige Ehre. Von mehr wagen wir gar nicht zu träumen.

Ist es für einen Popstar aus London uncool, nach Autogrammen zu fragen?

Davie (lacht): Und wenn es noch so uncool wäre, ich würde trotzdem definitiv einen Versuch wagen. jpk

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