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„Es ist viel arbeitsintensiver geworden“

Archivartikel

Urban Priol spricht mit uns über seinen Alltag als kabarettistischer Korrespondent in digital beschleunigten Zeiten

Alle Jahre wieder nimmt Kabarettist Urban Priol das abgelaufene Jahr in seinem Jahresrückblick „Tilt!“ satirisch auseinander – mit einer Energie, als würde er einen Flipperautomaten so lange bearbeiten, bis er tilt (also die Funktion einstellt). Am Donnerstag, 9. Januar, gastiert der 58-Jährige aus Aschaffenburg mit seinem Erfolgsprogramm im Mannheimer Rosengarten, das auch schon für 2021 terminiert ist (10. Januar). Vorab sprachen wir mit dem früheren Chef der ZDF-„Anstalt“ über seine Arbeitsweise in Zeiten digital beschleunigter Schlagzeilen.


Herr Priol, vor zehn Jahren hat man sich als Zuschauer vor allem beim Jahresrückblick im Rosengarten mitunter etwas Sorgen um Ihren Blutdruck gemacht. Zuletzt haben Sie live kontrollierter gespielt und gelassener gewirkt. Obwohl der Wahnsinn in der Welt eher zunimmt, „tillen“ Sie etwas weniger aus. Trifft es der Dauertitel „Tilt!“ aus dem Flipper-Jargon überhaupt noch?

Urban Priol: Auf jeden Fall. Ich versuche halt, immer auch auf die kleinen Themen abseits der großen Schlagzeilen zu schauen. Die kaut ja sowieso jeder durch. Und es gibt viele schöne kleine Puzzleteile, die gut ins Gesamtbild passen. Über die freue ich mich einerseits, andererseits regt es mich auf, dass sie zu wenig Beachtung finden.

Apropos „Tilt!“: Spielen Sie eigentlich selbst noch Flipper?

Priol: Wo immer ich einen finde. Es gibt ja leider kaum noch welche. Aber wenn ich einen sehe, gelingt es mir hin und wieder auch, ihn zum Tillen zu bringen.

Sie arbeiten ja selbst beim Jahresrückblick tagesaktuell – und bringen aus der Pause gern mal frische Schlagzeilen aus dem „heute journal“ mit auf die Bühne. Wie bestimmt das Ihren Tagesablauf?

Priol: Wenn ich einen Arbeitstag habe – ich nenne es mal Arbeitstag im positiven Sinne, wenn ich abends einen Auftritt habe –, dann bereite ich mich entsprechend vor. Am Morgen schaue ich „Morgen Magazin“ – da ist mein Adrenalinpegel meist schon immer gut dabei. Dann fräse ich mich quer durch die Printpresse, gucke noch im Netz, was los ist, habe nebenbei Phoenix laufen. Das dampfe ich meist zu vier, fünf aktuellen Minuten ein. Was bedeutet, dass entsprechend etwas aus dem Altbestand gekürzt werden muss. Das ist eigentlich immer die größte Herausforderung.

Wir Journalisten reden inzwischen von 24-stündiger Konferenz, dazu hat das Tempo in der Nachrichtenwelt durch die Digitalisierung rasant zugenommen. Ist dadurch Ihr Job als kabarettistischer Korrespondent anstrengender geworden?

Priol: Es ist viel arbeitsintensiver geworden, dadurch, dass man immer mehr verschiedene Medien heranziehen muss – und die „sozialen Medien“, bitte in Anführungszeichen, auch noch dazugekommen sind. Da muss man noch mal intensiver recherchieren, ob es auch tatsächlich stimmt. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Rezeption durch das Publikum. Die Zuschauer informieren sich ja genau so in einer immer irrer werdenden Geschwindigkeit. Die alte Faustregel nicht aus der Postkutschenzeit, aber der guten, alten analogen: Wenn du etwas in der Zeitung gelesen hattest, dauerte es ein, zwei Tage, bis es beim Publikum angekommen war. Heute schauen die Leute zehn Minuten vor der Vorstellung auch noch mal auf ihr Smartphone und lesen irgendeine „Breaking News“. Darauf musst du reagieren. Umso schneller ist das Thema heute aber auch wieder weg.

Zucken auch während der Vorstellung reihenweise Handylichter wie Laserschwerter auf, um nichts zu verpassen – oder Ihre Thesen sofort zu überprüfen?

Priol (lacht): Nein, das hält sich in Grenzen. Ich glaube, weil die Leute wissen, dass sie von mir ganz ordentlich mit Information versorgt werden. Auch Handball- oder Fußballzwischenstände – da kann man ja immer schön anknüpfen. Aber die Hemmschwelle ist beim Nutzen von Smartphones gesunken, obwohl es die anderen Zuschauer ja irritiert. Da sind manche so in ihrer Blase, dass Ihnen die Leute drumherum wurscht sind. Das ist ärgerlich, aber ich will am Eingang auch nicht kontrollieren lassen, dass jeder sein Handy ausschaltet. So viel Eigenverantwortung sollte man schon noch mitbringen.

Sie sagen an einer Stelle in „Tilt!“ sinngemäß, dass immer mehr Länder von Verrückten regiert werden. Verzweifelt man da als altgedienter Arbeiter auf dem Feld der Aufklärung nicht? Sie ackern seit mehr als 35 Jahren auf der Bühne, dass Ihnen die Haare zu Berge stehen – und die Deutschen wählen zunehmend die AfD, verbreiten Hass im Internet, lassen die Tabugrenzen fallen... macht Sie das womöglich amtsmüde?

Priol: Nein! Sie als Journalist, ich als Kabarettist – wir haben ja so eine Art Gemeinde, die uns treu bleibt. Dieser Gemeinde wollen wir auch treu bleiben. Für die machen wir das doch eigentlich. Aus meiner Warte ist auch klar: Ich arbeite schon immer in einer Nische, es heißt ja nicht umsonst Kleinkunst. Da kann man nicht das ganze Land umkrempeln. Die Illusion hatte man vielleicht mit 20, 21 Jahren. Nach dem Motto: „Hoppla, raus, und morgen haben wir eine andere Welt!“ Da stellt sich einem leider irgendwann mal die Realität in den Weg. Wir wollen informieren und „aufklären“, ja, aber vor allem ist unser beider Auftrag: interessante Sachen zu spielen oder zu schreiben, um damit zu unterhalten. Wenn wir eine kritische Unterhaltung beibehalten können, die das Publikum nicht unterfordert, bin ich damit zufrieden.

Klingt nicht ganz befriedigend.

Priol: Vielleicht, aber es ist ja schon seit ein paar Jahren zu beobachten, dass wir uns in eine Art neues Biedermeier-Zeitalter bewegen. Das ist aber nicht zum Verzweifeln – wenn wir die AfD mit ihren Schwachsinnsparolen mal außen vor lassen. Damit muss man sich halt auseinandersetzen. Aber zum Verzweifeln? Was sollte dann ein Michael Moore machen?

Ach ja, der mit „Bowling For Columbine“ weltbekannt gewordene US-Dokumentarfilmer. Ihr Lieblingsprügelknabe auf der Bühne war lange Jahre eine Bundeskanzlerin. Denken Sie im Zuge der Angela-Merkel-Dämmerung auch über einen Rückzug nach?

Priol: Nein, mir macht es noch zu viel Spaß. Ich habe zwar immer gesagt „Ich gehe nicht vor ihr“, aber das gilt nicht umgekehrt.

Haben Sie Angst davor, was nachkommt? Nicht zuletzt die Auswahl für die SPD-Spitze hat ja klar gemacht, dass Toppolitiker zurzeit nicht gerade inflationär auftauchen. Vielleicht trauern Sie Angela Merkel noch mal nach ...

Priol: Nö, wirklich nicht. Dafür hätte sie ja jemand sein müssen, der mit Leidenschaft für das Volk Politik macht. Sie war mal Frauen- und Familienministerin – und hat für Frauen und Familien nix gemacht. Sie war mal Umweltministerin – und hat für die Umwelt nix gemacht. Sie kommt aus dem Osten – und hat für den Osten nix gemacht. Das hat mich fasziniert: Wie man es über die Jahre schaffen kann, sich so einen Heiligenschein überzustülpen – dabei war sie ja eigentlich nur für die Wirtschaft gut. Weil sie sich mit denen nie angelegt hat. Es ging immer nur darum, die Groß- und Finanzindustrie zu schonen. Viel schlimmer kann das eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger auch nicht machen.

Immerhin ist Merkel keine unberechenbare Heißmacherin wie Trump, Englands Premier Boris Johnson oder Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro.

Priol: Das schätze ich auch durchaus. Aber mich stört wiederum, wenn man daraus ableitet, dass wir ganz zufrieden sein können mit dem, was wir haben – bloß, weil es im Rest der Welt völlig drunter und drüber geht. Aber ich habe auch keine Glaskugel, weiß also nicht, wie zum Beispiel die übernächste Bundestagswahl ausgeht. Wobei: Die SPD wird dann wohl nicht wie bisher üblich als Kanzlerpartei ausbaden dürfen, was die Union angerichtet hat. Davor ist sie jetzt geschützt. Aber irgendwer wird es ausbaden müssen, den Finanzstau, alles, was über Jahre angehalten worden ist. Da bin ich mal gespannt, wie dann damit umgegangen wird.

Machen Parteien eigentlich noch ihren Job? Zur Willensbildung beitragen, Heranführen politischer Eliten ...

Priol: Sie erfüllen ihren Auftrag eigentlich kaum noch. Das können wir aber gleich auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausweiten. Da wird auch nur auf Quoten geschielt. Das geht alles miteinander einher. Dabei scheint mir das Interesse an Politik generell eher zuzunehmen – nicht nur bei „Fridays For Future“, auch an den Kneipentischen wird wieder rege diskutiert. Was ja sehr erfreulich ist.

Und das politische Personal?

Priol: Wird immer schlechter und immer blasser. Was man früher mal Vollblutpolitiker nannte, das gibt’s nicht mehr. Heute sind es vor allem Abwäger, die nach vier oder acht Jahren in ihre Anwaltskanzlei zurückgehen.

Muss man Politiker besser bezahlen, damit Spitzenleute nicht gleich abwinken?

Priol: Ja, die sollten richtig gut verdienen, sich aber selbstständig machen müssen – quasi als Demokratie-Unternehmer, die ihr Umfeld selbst organisieren, Mitarbeiter selbst finanzieren und mit dem Steuerprüfer reden. Dann wären Sie voll in der Lebenswirklichkeit drin – statt bei der steuerfreien Kostenpauschale. Aber es ist natürlich einfach lächerlich, dass die Bundeskanzlerin rund 350 000 Euro brutto im Jahr bekommt. So gilt aber generell: Wer lange genug den Mund hält und nicht aneckt, kann irgendwann nebenher einiges abschöpfen und bleibt so lange da, bis die Pension stimmt. Leute, die mit der Einstellung in die Politik gehen, sind für mich der Hauptgrund, dass wir bei uns oft diese gelangweilten Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen haben. Das lähmt, weil keine Unsicherheit da ist, die antreibt wie bei einem Unternehmer.

In Frankreich hat Emmanuel Macron die Bewegung En Marche gegründet, um an die Regierungsspitze zu kommen. So eine Entwicklung um einen „charismatischen Führer“ ist 75 Jahre nach dem Dritten Reich hierzulande nicht vermittelbar, oder?

Priol: Nein. Bei uns in Deutschland schaffen es ja nicht einmal die linken und linksliberalen Kräfte, sich zusammenzutun – seit mehr als hundert Jahren! Auch da ist so eine Leidenschaftslosigkeit eingekehrt... Wenn Frankreichs Gelbwesten als Bewegung irgendwann durch Europa schwappen würden, wären wir bestimmt die Letzten, die das erfasst. Das lehrt uns ja auch die Geschichte. Gewalt ist immer abzulehnen, aber im Prinzip sind deren Ideen toll. Dass dieses revolutionäre Gen in Frankreich immer wieder aktiv wird, mag ich einfach. Genau wie das Selbstverständnis als Kulturnation, das eine gewisse Entspanntheit mit sich bringt.

Sind Politiker vorstellbar, an denen Sie auf der Bühne nichts auszusetzen haben?

Priol: Da werde ich ganz groß und pathetisch: So jemand müsste für den Erhalt des Planeten eintreten, also für eine rigorose ressourcenschonende Umweltpolitik in Verbindung mit einer Perspektive für die Menschen. Damit sie das mitgehen können, der soziale Aspekt. Wenn er dann noch intelligent und belesen ist, dazu noch intelligente Debatten führt, wäre das toll.

Da könnte doch Grünen-Co-Chef Robert Habeck Ihr Beuteschema sein.

Priol: Naaa... er ist zumindest einer, der sich ein wenig abhebt. Aber er muss seinen Tunnelblick ein wenig ausweiten – und auch mal in die Niederungen der Gesellschaft hinabsteigen. Die besteht nun mal nicht nur aus den ökologisch interessierten Mülltrennern, die im Bio-Laden einkaufen können. Das können nun mal nicht alle, und auch für die muss Politik da sein. Und das Gehaltsgefüge so anpassen, dass sich jeder vernünftiges Essen leisten kann. Das macht auch die Erzeuger glücklich, und so weiter. Aber ich bin skeptisch, ob wir das unter den Bedingungen des momentanen Kapitalismus jemals hinbekommen.

Also Kapitalismus abschaffen?

Priol: Nein, warum auch? Aber ein wenig zähmen.