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„Fehler haben etwas Befreiendes“

Archivartikel

Chanson: Interview mit der Liedermacherin Anna Depenbusch vor ihrem Konzert am 11. Mai im Capitol

„Das Alphabet der Anna Depenbusch in schwarz-weiß“: So hat die gleichnamige Künstlerin ihr neues Album genannt. Darauf hat sie die Songs ihrer vorherigen Platte „Das Alphabet der Anna Depenbusch“ einfach noch einmal aufgenommen, mit einer Besonderheit: Jetzt sind nur ihre Stimme und das Klavier, das sie selbst spielt, zu hören. Im Interview spricht die Hamburgerin über Fehler, deutschsprachige Musik und die diesjährige Echo-Verleihung.

Frau Depenbusch, sie haben vor wenigen Wochen Ihr sechstes Album herausgebracht. Sind sie vor einer Tour überhaupt noch aufgeregt?

Anna Depenbusch: Ja, sehr. Ich kann auch nicht einschätzen, wo und wann ich aufgeregt sein werde. Dann zittert meine Hand oder manchmal auch das Knie. Nach spätestens drei Liedern geht das aber auch weg und ich sage mir: Dann zittert mein Knie eben. Viele Kollegen aus der klassischen Musik haben diese Gelassenheit nicht, dort herrscht noch einmal ein ganz anderer Leistungsdruck. Ich habe noch kein einziges fehlerfreies Konzert auf dem Klavier gespielt, aber das erwarten die Leute auch nicht von mir. Sie wollen Menschlichkeit sehen, Lebendigkeit und Emotion.

Sollten Musiker mehr Fehler machen dürfen?

Depenbusch: Wenn ein Musiker etwas falsch spielt, darf ihm das natürlich nicht egal sein. Das gebietet die Professionalität. Aber Fehler nicht zu verteufeln, hat etwas Befreiendes. Man gibt so viel auf, wenn man ängstlich am Klavier sitzt. Was mir Sicherheit gibt, ist meine Stimme. Die ist immer da, wo ich sie komplett abrufen kann.

Sie sagten einmal, das Klavier schüchtert Sie ein. Warum haben sie dann bereits zum zweiten Mal ein Album nur mit Klavier aufgenommen?

Depenbusch: Ich bekomme dadurch große Freiheiten im Gesang, kann eigenständig das Tempo und die Dynamik variieren. Ich mag auch den Kontrast zu Auftritten und Proben, die mit der Band stattfinden. Der Aufnahmeprozess bei einem Schwarz-Weiß-Album ist sehr einsam, sonst sind Orchester und Techniker dabei. Das ist natürlich alles ein bisschen lebhafter. Auch Konzerte sind anders: Der Blickkontakt zum Publikum ist mir bei Soloauftritten sehr wichtig. Wenn wir mit der Band auf Tour spielen, passiert ganz viel nur auf der Bühne.

Für Ihre Art von Musik gibt es viele Bezeichnungen, welche davon hören Sie gar nicht gern?

Depenbusch: (lacht) Selbst mit den Begriffen „Pop“ oder „Schlager“ kann man mich eigentlich nicht verletzen. Ich persönlich mag den Begriff Liedermacher sehr gern, weil er so etwas Handwerkliches hat. Ich mag auch gerne das Wort Chanson, wobei ich finde, dass nur die Franzosen richtige Chansons machen. Ich singe schließlich nur deutsch.

Vor einem Jahr hat Jan Böhmermann die deutschsprachige Musik unmittelbar vor dem Echo scharf kritisiert. Können Sie seine Kritikpunkte, mangelnde Vielfalt, Texte ohne Botschaft, verstehen?

Depenbusch: Ja, denn wenn man sich die Charts anschaut, sieht man, dass wenige Textdichter für die Texte fast aller deutschen Chartsstürmer verantwortlich sind. Was ich aber noch mehr feststelle, ist, dass manche Musiker ihr Publikum unterschätzen. Häufig heißt es dann: Man darf den Leuten nicht zu viel zumuten. Ich sehe das anders: Ich halte mein Publikum für aufmerksam, interessiert und neugierig. Die Zuhörer haben auch Lust auf Sachen, die mal ein bisschen komplexer sind.

Finden Sie deutsche Texte zu simpel?

Depenbusch: Nein, aber die Haltung, die häufig dahinter steckt. Wenn jemand darüber singen möchte, dass die Sonne scheint, dann ist das gut so. Wer das aber nur deshalb tut, weil er oder sie glaubt, ein Publikum verstehe keine komplexeren Texte, der irrt gewaltig.

Ihre Lieder sind meist emotional. Möchten Sie irgendwann auch Texte mit einer politischen Botschaft schreiben?

Depenbusch: Ich sehe darin nicht meine Stärke. Was ich allerdings beobachte, ist, dass, je nachdem, was in der Welt gerade los ist, das Publikum die Lieder mit anderen Ohren hört. Das finde ich interessant. Ich möchte bei emotionalen Texten bleiben, die vielleicht Deutungsrichtungen in politische Ebenen ermöglichen, wie zum Beispiel mein Lied „Heimat“, das sich auf sehr persönliche Weise mit so einem schweren Thema auseinandersetzt.

Gibt es eine politische Entwicklung, die Ihnen besonders viele Gedanken macht oder sie besonders bewegt?

Depenbusch: Was mich sehr beunruhigt, ist der rechte Wind im Land. Ich frage mich immer wieder, wie es sein kann, dass bestimmte Parteien unmögliche Dinge sagen. Ich finde es aber toll, dass es Festivals gibt, die so etwas thematisieren und dafür sorgen, dass man sich musikalisch zusammentut.

Was halten Sie von den als antisemitisch kritisierten Texten der Rapper Kollegah und Farid Bang, die mit dem Echo ausgezeichnet wurden?

Depenbusch: Ich finde, solche Textzeilen gehen gar nicht. Eine Echoauszeichnung ist das komplett falsche Signal! Für eine Neuausrichtung des Preises, weg von den Verkaufszahlen, hin zu kreativen Kriterien, ist es höchste Zeit. Es gibt so viele außergewöhnliche, großartige Künstler, hier tut ein Perspektivenwechsel gut.