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Festliche Parade für alle Sinne

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Show: Ein Blick auf die neue Cirque-du-Soleil-Produktion „Corteo“ in Boston / Ab 25. Dezember sieben Mal in der SAP Arena

Die Akrobatik des Cirque du Soleil ist wie immer überwältigend. Aber der besondere Clou der Tourneeproduktion „Corteo“ ist die optische Opulenz. Drei kleine Mädchen, ungefähr acht Jahre alt, sitzen ganz weit vorne und schaufeln Popcorn in die Münder, das sie in bemerkenswert großen Eimern jeweils auf dem Schoß platziert haben. Es ist ein Rascheln, ein Knistern.

Plötzlich halten sie ein, man sieht, wie eine Hand auf halbem Wege zwischen Eimer und Mund erstarrt, und verantwortlich dafür ist Santé Fortunato aus Vancouver, die gleich zu Beginn der Show zusammen mit zwei weiteren Artistinnen auf der Bühne ein Kunststück vollführt, das man so noch nie gesehen hat: Sie schwingt an einem gigantischen gläsernen Kronleuchter, teilweise hält sie sich scheinbar nur mit den Zehenspitzen in atemberaubender Höhe an dem Lüster fest.

„Dabei hatte ich früher Höhenangst“, erzählt die Kanadierin am nächsten Tag während des nachmittäglichen Aufwärmens. „Anfangs habe ich die Tricks nur knapp über dem Boden geübt, dann den Leuchter langsam immer höher gezogen. Irgendwann ging es wie von selbst.“

Die akrobatischen Anforderungen am Kronleuchter seien vergleichbar mit denen am Trapez, es sieht halt nur toller aus. „Beim Cirque du Soleil“, sagt sie, „machst du nicht einfach nur deine Nummer, sondern du ordnest dich mit deinem Können ein ins große Ganze.“ Santé lebte mehrere Jahre in Münster und war in Deutschland in verschiedenen Varietés zu sehen (und einmal auch bei „Das Supertalent“). Als sie 2017 jene Zirkusschule in Montreal besuchte, auf die das 1984 von zwei Straßenkünstlern gegründete und heute mit rund 5000 Mitarbeitern und mehr als 20 parallelen Produktionen an unterschiedlichsten Standorten weltweit erfolgreichste Zirkusunternehmen seine Neuverpflichtungen schickt, „kam ich mir vor, als müsste ich wieder ganz von vorne anfangen. Doch ich habe hier wirklich wahnsinnig viel gelernt“.

Neben Santé, die auch eine Nummer mit Hula-Hoop-Reifen aufführt, agieren 51 weitere Artisten und Clowns aus 18 Ländern in „Corteo“, dazu kommen acht Live-Musiker. Was sie gemeinsam in den knapp zwei Stunden in der „Agganis Arena“ in Boston, wo die Show Ende Juni zwei Wochen lang gastierte, auftischen, ist ein Festschmaus für alle Sinne, grandios, überwältigend, berührend und auf jeden Fall dazu geeignet, sämtliche parallelen Ess- und Trink-Tätigkeiten einzustellen.

„Corteo“, was auf Italienisch Parade, Festzug oder Prozession bedeutet, basiert auf den Lebenserinnerungen des dahingeschiedenen Clowns Mauro (gespielt von Lolo Fernandez), der noch in einer Welt zwischen Erde und Himmel steckt, dort auf Engelchen trifft, die ihm Flügel anhängen und der sich in einer Art Trance zu früheren Erlebnissen träumt. Jene Chandelier-Swingerinnen aus besagter Eingangsszene sind seine einstigen Geliebten.

Die Bühne, auf der das von Daniele Finzi Pasca erdachte, 2005 uraufgeführte und dafür, dass man es mit einer Beerdigung zu tun hat, sehr lustige Stück spielt, steht in der Mitte der Arena, ein Novum für „Cirque“-Produktionen. Als Zuschauer ist man mittendrin im wilden Treiben.

Akrobatisch bewegt sich das Ganze auf einem Top-Niveau. Zwei Männer auf einer Wippe hüpfen sich buchstäblich um Kopf und Kragen, andere Artisten springen auf Betten herum, was besonders bei den zahlreichen Kindern im Publikum gut ankommt. Wieder andere Künstler tanzen an Stangen, werfen sich durch die Luft, jonglieren oder balancieren sich eine fünf Meter hohe Leiter hinauf.

Doch die vielleicht noch größere Stärke dieser Produktion ist die traumhafte Bildsprache. Es ist einfach schön anzuschauen, wie Mauro am Ende etwa in den Himmel radelt, die Kostüme und das ganze Szenenbild sind grob im mediterranen Raum gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt, wie immer ist jedes Details perfekt und liebevoll bis verspielt umgesetzt.

Cineasten denken an die Filme eines Federico Fellini, Musikliebhaber entdecken Flamenco, Chanson, irische Weisen, schottischen Dudelsack, traditionelles italienisches Liedgut. Immer wieder wird die Hochleistungsartistik durch hübsche Geplänkel aufgelockert. Als Mauro eine kleinwüchsige Clownin, hängend an Heliumballons – deren Füllmenge täglich nach Einwiegen der Artistin optimiert wird – weit ins Auditorium stupst und die Leute sie langsam wieder zurück zur Bühne schieben, dauert das zwar seine Zeit. Aber es wird nie fad.

„Wir spielen in ‚Corteo’ keine Wesen oder Objekte“, schwärmt Alexandr Yudintsev, Trampolin-Weltmeisterschaftsteilnehmer aus Kasachstan, der seit zwölf Jahren dabei ist, erst im Zelt, jetzt in der 2018 gestarteten Arena-Version von „Corteo“, „sondern Menschen. Richtige Menschen mit Gesichtern, Ausstrahlung und Gefühlen.“

Mit Letzteren kennt sich Alexandr Yudintsev sowieso bestens aus. Im August wird er seine Freundin, die Kronleuchter-Tänzerin Santé Fortunato, heiraten. Kennengelernt hat man sich selbstverständlich bei „Corteo“, die permanente Klassenfahrtatmosphäre dieses reisenden Zirkus begünstige das Verlieben. „So ist das Leben“, sagt er grinsend. Nach den Flitterwochen in Griechenland reisen die beiden fortan als Ehepaar durch das magische Zwischenreich.