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Freitod und Apokalypse

Oper: Theater Heidelberg führt „Benjamin“ von Peter Ruzicka auf – Premiere an diesem Samstag

Heidelberg.Derzeit sind auf vielen Kanälen Quiz-Sendungen „in“. Deshalb auch an dieser Stelle eine Wissensfrage: Was haben die „Neue Theorie der progressiven funktionalen Abhängigkeit der Konsonanten-Schwingungsproportionen aufgrund binauraler Hörversuche“ und die Oper „Benjamin“ gemeinsam?

Ganz einfach: Peter Ruzicka, als Dirigent, Komponist und Intendant, eine der prägenden Figuren des Musiklebens, ist ihr gemeinsamer Urheber. Als junger Kerl reüssierte er bei „Jugend forscht“, 1968 als Bundessieger im Fach Physik, 50 Jahre später legt er seine Oper „Benjamin“ vor. Letztes Jahr hatte das Werk, welches sich mit dem tragischen Schicksal des Kulturphilosophen und Übersetzers Walter Benjamin beschäftigt, in Hamburg Uraufführung, jetzt kommt sie in Heidelberg als Zweitinszenierung – eine Spezialität des Theaters in der Neckarstadt – auf die Bühne. Premiere ist am Samstag, 9. Februar, 19.30, im Marguerre-Saal, Werkeinführung um 18.45 Uhr.

Peter Ruzicka, auch promovierter Kenner des Urheberrechts, wendet sich nach „Celan“ (2001) und „Hölderlin“ (2008) wieder einer schicksalsträchtigen Figur zu. Walter Benjamin suchte 1940 auf der Flucht vor dem Faschismus im spanischen Portbou den Freitod. Sein Visum in die USA konnte er nicht mehr nutzen.

Flucht mit Aktentasche

Das Libretto hat Yona Kim verfasst, die zuletzt beim Winter in Schwetzingen Mozarts „La verità in cimento“ sehr erfolgreich inszenierte und bei der Uraufführung von „Benjamin“ in Hamburg Regie führte. Sie verfasste ein siebenteiliges Stationendrama, das schlaglichtartig Lebensstationen beleuchtet. Von der Berliner Kindheit, als Benjamin in der Familie assimilierter Juden aufwuchs, bis zum Pariser Exil und der Flucht über die Pyrenäen. Der jüdisch-deutsche Philosoph trägt nichts weiter bei sich als eine Aktentasche mit seinen Manuskripten.

Begegnungen mit Freunden und Weggefährten wie Hannah Arendt oder Bertolt Brecht, Gedankenwelten und historische Ereignisse kreisen auf dem Weg durch das Gebirge in seinem Kopf wie im Fiebertraum. Eine gedankliche Apokalypse wird in diesen Szenen entworfen, die mit dem Freitod Walter Benjamins in der spanischen Grenzstadt Portbou endet.

Der Besucher erlebt die Figur, die in Heidelberg von Miljenko Turk verkörpert wird, beim Schachspiel mit Bertolt Brecht oder im Gespräch mit Hannah Arendt. Diskussionen über Kapitalismus und Kommunismus, historischen Materialismus und Proletariat wechseln zu Wehrmachtsberichten oder Kinderauftritten.

Die Szenenfolge, oft filmschnittartig angelegt, beleuchtet den immer mehr ins Irrationale triftenden Zustand einer Welt vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und misst die äußeren Ereignisse an der gedanklich-philosophischen Werdung und Weltsicht von Walter Benjamin, den Yona Kim in der Oper auch aus seinem Hauptwerk, dem „Passagen-Werk“, lesen lässt. Peter Ruzicka möchte weniger einen biografischen Abriss vertonen, sondern den Versuch eines Musiktheaters wagen, das „in seiner Dramaturgie die magische Gangart seines radikal grenzgängerischen Denkens aufnehmen will“, so Peter Ruzicka.

In Heidelberg führt jetzt Ingo Kerkhof im Bühnenraum von Anne Neuser mit den Kostümen von Inge Medert Regie, und die Zweit-Sicht einer neuen Oper hat gerade in Heidelberg immer wieder zu überraschenden, oft publikumswirksamen Ergebnissen geführt. Ingo Kerkhof erzielte 2013 am Theater Heidelberg mit der Zweitinszenierung von Wolfgang Rihms „Dionysos“ einen von Publikum und Kritik gleichermaßen hoch gelobten Erfolg, in Mannheim zeigte er 2016 Mozarts „Idomeneo“.

Elias Grandy dirigiert

Peter Ruzicka hat eine vielschichtige Musik komponiert. Unter anderem zitiert er aus seiner Oper „Celan“ oder auch Griffiges aus Orffs „Carmina burana“. Kinderlieder wechseln mit Jahrhundertwende-Anklängen, die Protagonisten haben meist Sprechgesang in der Partitur und die Chöre viel zu tun. Ines Kaun studiert Theaterchor, Extrachor und Kinderchor ein. Besonderen Wert legt der Komponist auf ein umfangreich besetztes Schlagwerk. Am Pult steht Generalmusikdirektor Elias Grandy, es spielt das Philharmonische Orchester des Theaters Heidelberg.

Neben der Titelfigur Walter B. – der aus Kroatien stammende Bariton Miljenko Turk ist bei vielen relevanten Festivals wie den Bayreuther Festspielen verpflichtet – vervollständigen Yasmin Özkan (Asja L.), Shahar Lavi (Hannah A.), Denise Seyhan (Dora K.), James Homann (Gershom S.) und Kammersänger Winfrid Mikus (Bertolt B.) das Tableau der zeitgeschichtlich relevanten Figuren.

Zu den Aufführungen im Heidelberger Theater wird ein umfangreiches und hoch interessantes Begleitprogramm angeboten. Am 13. März, 20 Uhr, findet im Zwinger 1 ein Podiumsgespräch zu Ruzickas „Benjamin“ mit Nikolaus Müller-Schöll (Goethe-Universität Frankfurt) statt. Am 17. März, 11.30 Uhr, zeigt das Gloria-Kino den Film über die Pariser Benjamin-Weggefährtin und Kennerin „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta. Und am 24. März bietet das Theater ein Einführungsgespräch mit Peter Ruzicka an (Alter Saal, 18.45 Uhr).

Info: Premiere: Samstag, 9. Februar, 19.30 Uhr, Marguerre-Saal. Werkeinführung 18.45 Uhr. Weitere Vorstellungen: 17. Februar, 7., 12., 22. und 24. März sowie am 8. April. Karten: 06221/58 20 000.