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Grauen am Rande der Gräber

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Theater: Das Ensemble Rampig versetzt Franz Kafkas literarische Foltermaschine „Die Strafkolonie“ ins Heute

Mannheim.Es ist ein altes Abbruchhaus am Rande des Mannheimer Hauptfriedhofs (Am Friedhof 13), das ab Donnerstag, 26. Juli, für fünf Tage jeweils sechs Mal täglich zur performativ inszenierten „Strafkolonie“ mutiert – und sich besser für diesen Zweck kaum eignen könnte. Einige Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Denn was Jahrzehnte lang als Steinmetz-Werkstatt zum Hort wuchtiger Handwerkskunst für all jene diente, die diese Welt just verlassen hatten, vegetierte im düsteren Staub vor sich hin, um dem Theaterkollektiv Rampig das perfekte Milieu für ihr kafkaeskes Spiel des Grauens in tödlicher Abgeschiedenheit zu verschaffen.

Während sich ein gemischtes Autorenkollektiv daran machte, Franz Kafkas literarische Foltermaschine in ein zeitgenössisches Epos zwischen Flucht und Gewalt zu kleiden, nutzten Szenographin Sophie Lichtenberg, Dramaturgin Lea Langenfelder und Regisseurin Beata Anna Schmutz die drei Monate, um entdifferenzierte Gemäuer Zug um Zug zu ihrem eigenen Kosmos zu formen.

Zehn tote Vögel, die man im Staub des Vergessens fand, wurden zu Reliquien, die sich als Schreine durch die installierte Fläche ziehen, beschädigtes Mauerwerk wurde so bewusst durchbrochen, dass die Überreste davon als choreographierte Hügel auf dem Grund liegen und selbst die von Fäulnis zersetzten Wasserablaufbecken dienen in Kafkas Stoff noch zum Waffenschutzbunker, wenn der Bombenalarm droht.

Dasein als entrückte Insel

Gewiss, so mancher Weg durch das Dickicht vertrockneter Gewächshaussträucher wurde hier selbst geschlagen, so mancher Meter aufgebrochener Kunststoffzaun selbst ins Erdreich verbracht – doch jede selbst justierte Kleinigkeit schlägt hier nicht nur die Brücke zu jenem Handwerk zwischen Feinsinn und Morbidität, das hier Jahrzehnte den Gang der Zeit bestimmte: In mythischen Chiffren und deutlichen Mahnmalen graviert das Kollektiv dem atmosphärischen Raum auch seine eigene Handschrift ein, die mit ihrem ursprünglichen Zweck aufs Schönste in den Dialog tritt. Näher betrachtet muss hier nur noch aufgeladen werden, was zu seinem Dasein als entrückte Insel längst bereit ist – und von kruden Charakteren dramaturgisch dicht gefüllt wird.

Der psychisch lädierte Nazi leistet an den Turnringen hier ebenso seine Leibesübungen ab wie der Flüchtling, der am Boden der Tatsachen wie ein Fisch nach Luft japsend zugrunde geht.

Spurlos werden diese 90 Minuten zweifelsohne an niemandem vorbeigehen – und das ist auch die bewusst gesetzte Intention eines Kollektivs, das Installationen über Frontaltheater stellt, seinem Publikum Partizipation statt Passivität abfordert und dafür Sinneswandel statt Indifferenz feilzubieten versteht.

Sicherlich ist Kunst, die die Grenzen der Privatsphäre verbal, aber auch körperlich durchbricht, nichts für jedermann. Doch wird jedem, der diese Expedition in die eigenen Seelenabgründe wagt, ein sinnliches Erlebnis bevorstehen, das die eigenen Befindlichkeiten auf imponierende Weise zur Disposition stellt. Garantiert.

Info: Restkarten (14 Euro) im Netz unter www.rampig.de

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