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Interview Interview mit Guns-N’-Roses-Bassist Duff McKagan über seine Folk-Soloplatte „Tenderness“, Sucht und Trump

Guns-N’-Roses-Bassist Duff McKagan vor Mannheim-Konzert: „Nach dem Orkan hat die Stille etwas Atemberaubendes“

Als Bassist von Guns N’ Roses hat sich Duff McKagan vor 14 Monaten auf dem Mannheimer Maimarktgelände feiern lassen. Die Rückkehr in die Quadratestadt findet in wesentlich intimerem Rahmen statt: Am Dienstag, 27. August, gastiert der 55-Jährige in der Alten Feuerwache. Begleitet wird er von Countrysänger Shooter Jennings und dessen Band. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war McKagan nicht nur Teil einer der größten Rockbands überhaupt, sondern litt, wie alle in der Band, an ausgeprägten Suchtproblemen. Seit vielen Jahren nüchtern und agil hat sich McKagan, inzwischen Familienvater und auf verschiedensten Geschäftsfeldern erfolgreich, einem Herzensprojekt gewidmet. Auf seinem im Frühjahr veröffentlichten zweiten Soloalbum „Tenderness“ verblüfft der Punk-affine Hardrocker mit akustischen Folk-Nummern und warmem, fast einschmeichelnden Gesang.

Mister McKagan, Sie haben viele der Stücke auf ihrem zweiten Soloalbum „Tenderness“ während der zweijährigen „Not In This Lifetime“-Welttournee mit Guns N’ Roses geschrieben. Wie darf man sich das vorstellen? Erst spielen Sie zwei Stunden lang krass laute Hardrockmusik vor Zehntausenden im Stadion, und dann ziehen Sie sich ins Hotelzimmer zurück und schreiben ruhige Folksongs?

Duff McKagan (lacht): Ja. Genau so ist es gewesen. Die Stille im Zimmer hat etwas Atemberaubendes, wenn du vorher da draußen im Orkan gewesen bist. Und frisch von der Bühne kommend bist du wunderbar warmgespielt. Ursprünglich sollte „Tenderness“ jedoch kein Album werden, sondern ein Buch. Mein drittes. Ich wollte meine Kolumnen und Blogeinträge der letzten Jahre zusammenführen, doch ziemlich bald änderte ich meinen Plan und begann, ein akustisches Album zu machen.

Mit welchem musikalischen Ziel?

McKagan: Es sollte sanft klingen und eindringlich zugleich, so im Stil von Songwriter Mark Lanegan (von 1983 bis 1990 Frontmann der US-Rockband Screaming Trees, Anm. d. Red.). Die Idee war, starke Melodien und aussagekräftige Texte mit dieser ruhigen, unaufdringlichen Musik zu vereinen.

Wie war die Tournee mit Guns N’ Roses atmosphärisch? Haben Sie sich verstanden? Das war ja in den 1990ern lange gar nicht der Fall.

McKagan: Es war wirklich erste Sahne. Die beste Zeit, die wir je miteinander verbracht haben. Axl ist ein Meister und arbeitet so hart. Ihn jeden Abend auf der Bühne zu betrachten, war ein Geschenk. Slash genauso. Das sind tolle, inspirierende Jungs.

Sie haben die Platte zusammen mit Country-Sänger Shooter Jennings und seiner Band aufgenommen. Werden die Jungs sie auch auf der Tournee begleiten, die am 27. August in Mannheims Alter Feuerwache Station macht?

McKagan: Ja, und sie spielen wundervoll. Shooter ist ein sehr angenehmer Mensch. Wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren. Ich kann nur sagen: Wer uns zusammenspielen sehen will, der muss jetzt zu den Konzerten kommen. Mehr als diese eine Tournee werden wir nicht gemeinsam bestreiten.

Was steht außer den Songs von „Tenderness“ auf dem Programm?

McKagan: Zum Beispiel „Clampdown“ von The Clash und „Dead Horse“ von Guns N’ Roses sowie eventuell weitere nicht so bekannte Stücke vom „Use Your Illusions“-Album.

Die Überraschung ist, dass die akustischen Arrangements sehr gut zu Ihrer Stimme passen.

McKagan: Ich habe auch auf drei Alben meiner Band Loaded gesungen, aber tatsächlich war das mehr ein Schreien. Auf „Tenderness“ singe ich tiefer und weicher, fast so, als hätte ich Watte geschluckt. Dieser ruhige Gesang passt zu mir, und anders hätte ich das in den Hotelzimmern auch nicht machen können, die anderen Gäste hätten mich gelyncht.

Das hätte Sie in den 1980ern aber nicht groß gekümmert, oder?

McKagan: Vermutlich wäre ich zu betrunken gewesen, um überhaupt noch etwas davon mitzukriegen, dass mir andere Leute ans Leder wollen.

Ist es richtig, dass Sie seit 25 Jahren trocken sind?

McKagan: Das dürfte hinkommen. An die Zeit, als ich gesoffen habe, kann ich mich kaum mehr erinnern. Das ist so lange her. Meine Töchter sind 22 und 19, die sind auf die Welt gekommen, als ich schon trocken war. Ich hatte großes Glück. Ich habe eine zweite Chance bekommen.

Sind Ihre Töchter auch musikalisch? Als Sängerin der Pink Slips hat Grace McKagan 2018 im Vorprogramm von Guns N’ Roses ja einen ordentlichen Eindruck hinterlassen?

McKagan: Sie haben zumindest einen erstklassigen Geschmack, sie lieben Johnny Thunders und Iggy Pop. Ich war ja früher selbst ein Punk. 1979 fing ich in Punkrockbands an, bis ich von Seattle nach L.A. zog und wir Guns N’ Roses gründeten. Im Herzen bin ich immer noch dieses Punk-Kid. Und gewissermaßen ist auch „Tenderness“ für mich ein Punkalbum, zumindest was die Haltung angeht: Drei Akkorde und die Wahrheit.

Ihre Wahrheiten sind unbequem. Sie singen unter anderem „a little tenderness is what we need“. Warum brauchen wir mehr Zärtlichkeit?

McKagan: Weil das Leben leichter ist, wenn wir freundlich miteinander umgehen. Ich reise sehr viel, ich sehe mich als Weltbürger, und außerdem lese ich sehr viel, am liebsten Bücher über Themen der Menschheitsgeschichte. Ich liebe mein Land, aber ich liebe den ganzen Planeten, ich respektiere andere Weltanschauungen und Kulturen. Und ich stelle diese Spaltung der Gesellschaft, dieses Anwachsen der Extreme, in Bezug zur Vergangenheit. Ich bin überzeugt, dass dies jetzt nur eine Phase ist, dass in ein paar Jahren ganz andere Probleme akut sind. Also sage ich in „Tenderness“ sinngemäß: Holt mal tief Luft, es wird schon wieder alles in Ordnung kommen.

Aber im Lied „Falling Down“ ist überhaupt gar nichts in Ordnung.

McKagan: Nein. Den Song schrieb ich, nachdem ich das Buch „Hillbilly Elegie“ von J. D. Vance las. Er beschreibt darin, wie mehr oder weniger seine gesamte Familie, die aus dem Bundesstaat West Virginia stammt, durch verschreibungspflichtige Schmerzmittel regelrecht ausgelöscht wurde. Die Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten ist wirklich extrem. Für mich ist das das wichtigste Thema überhaupt in meinem Land. Wenn wir die Suchtprobleme nicht in den Griff bekommen, werden wir als Gesellschaft scheitern.

Auch „Last September“ hat einen aufrüttelnden Text. Es geht um sexuellen Missbrauch.

McKagan: Ich habe Töchter, ältere Schwestern, meine Frau war früher Model. Sie hat unseren Mädchen und mir viele Geschichten über Fotografen und Modeagenten erzählt, die sie aufs Zimmer locken wollten. Sie hat immer abgelehnt. Ich finde es wichtig, dass auch mal ein Mann aufsteht und diese Form der sexuellen Ausbeutung geißelt. Ich nenne in dem Song allerdings bewusst keine Namen.

Hätten Sie „Tenderness“ auch in dieser Form gemacht, wenn der Präsident aktuell nicht Donald Trump hieße?

McKagan: Ich glaube nicht, dass Trump etwas mit dieser Platte zu tun hat. Präsidenten kommen und gehen. Auswirkungen auf die langfristige Entwicklung von Gesellschaften haben sie eher nicht, das wird überschätzt. Am besten verzichtet man allerdings darauf, den Fernseher einzuschalten. Die Rhetorik, die dort betrieben wird, verschlimmert die Hetze und das Auseinanderdriften nur. Dieses Geschrei ist nicht Teil meiner Lebensrealität.

Welche sehr vielschichtig ist. Sie spielen Bass bei Guns N’ Roses, touren mit Ihrem Soloalbum, haben zwei Bücher geschrieben, Wirtschaft studiert und arbeiten als Vermögensberater.

McKagan: Und außerdem gehe ich super gerne wandern. Wir haben nur ein Leben. Seit ich nicht mehr trinke, ist mir das klar. So viele Sachen faszinieren und begeistern mich. Ich will meine Zeit nicht mehr vergeuden, ich will so viel erleben, wie ich kann.

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