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Herausfordernder Weltstar

Pop: Porträt von Justin Timberlake, der am 13. Juli in der Mannheimer SAP Arena seinen Nimbus untermauern will

Madonnas Weltstar-Aura, George Michaels beeindruckende auch über den Bühnenboden fließende Optikeffekte, Pinks atemberaubende Artistik und die Cirque-du-Soleil-Show von Helene Fischer in allen Ehren – das wohl beeindruckendste Pop-Gesamtkunstwerk in der Geschichte der Mannheimer SAP Arena hat Justin Timberlake abgeliefert. Vieles erinnert an diesem 29. Mai 2007 an eine Show des viel zu früh verstorbenen Multitalents Prince. Buchstäblich im Mittelpunkt, also mitten in der Arena, steht eine spektakuläre, kreuzförmige Bühne. Rampen an den Flanken bringen den Zuschauern im Unterrang ihren Star fast auf Tuchfühlung; an den zwei offenen Seiten der Bühne im Innenraum ist man ihm so nah, dass es sich wie ein Club-Konzert anfühlt. Dazu rotieren an der Decke gewaltige Stahlkränze mit Scheinwerfern und Lasern, heben und senken sich oder verschwinden aus dem Blickfeld – „Star Wars“ lässt grüßen.

Das Bühnenzentrum „verhüllt“ ein transparenter Vorhang mit etwa 15 Metern Durchmesser, der schnell als hochgradig flexible Projektionsfläche für Lichteffekte und Einspielungen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, Timberlake, neun Tänzer, vier Backgroundsänger und die siebenköpfige Band verschmelzen auf mehreren Etagen zu einem vibrierenden Gesamtkunstwerk. So eine sinnvoll eingesetzte Opulenz gab es bis dahin auf Pop-Tourneen nur bei Prince Mitte der 80er, David Bowie Anfang der 90er, Michael Jackson und Madonna. Und dann überraschte noch Produzent und Hip-Hop-Mogul Timbaland die 8500 begeisterten Zuschauer, und verwandelte die Arena in ein bassig dröhnendes IMAX-Multimedia-Kino. Überwältigend!

Die Latte liegt also nicht ganz niedrig, wenn Justin Timberlake am 13. Juli in die SAP Arena zurückkehrt. Auch wenn für diese Show heute schon mehr Karten verkauft sind als 2007. Aber das hat er ganz gern, dieser immer noch erstaunlich jungenhaft wirkende 27-Jährige aus Memphis. Er mag die Herausforderung – und liebt es, herauszufordern. Dabei neigen noch heute viele dazu, ihn abzutun. Als Ex-Boygroup-Hupfdohle bei *NSYNC, Ex-„Mouseketeer“ im Mickey-Mouse-Club beim Disney-Kanal und Ex-Castingshowkandidat hat man es nicht leicht, als Künstler in der Tradition der Funk- und Soul-Legenden ernst genommen zu werden.

Derlei Vorurteile halten sich bis heute, bei Leuten, die sich gar nicht erst mit Timberlakes Musik beschäftigen. Und das, obwohl allein die Liste der Musiker, die liebend gern mit ihm zusammenarbeiten, sich liest wie eine Ruhmeshalle: Madonna, Beyoncé, Jay-Z, Pharrell Williams, 50 Cent, Lady Gaga, zuletzt Alicia Keys, Country-Star Chris Stapleton ... Wer wissen will, was der Bursche gesanglich, als Rapper und Tänzer alles drauf hat, muss sich auf Youtube nur mal seine mehrteiligen Ausflüge in die Geschichte des Hip-Hop (Stichwort: „History Of Rap“) anschauen, die er mit Starmoderator Jimmy Fallon aufs Parkett legt. Zuletzt sang er sogar auf dem Foo-Fighters-Album „Concrete And Gold“, nach einer Flasche Whiskey auf dem Parkplatz mit Alternative-Rock-Legende Dave Grohl. Davon berichtete Timberlake Anfang des Jahres vor der Veröffentlichung seines aktuellen Albums „Man Of The Woods“ in einem seiner selten gewordenen Interviews mit Dr. Dres Apple-Music-Kanal „Beats 1“.

In diesem Gespräch erzählt der 37-Jährige auch, wie sensibel er früher (vielleicht heute auch noch) darauf reagierte, kritisiert, rezensiert und eingeordnet zu werden. Schließlich lege man als Künstler quasi sein Herz auf ein Silbertablett. Dabei wurde sein Solo-Debütalbum „Justified“ 2002 überwiegend gefeiert, warf vier Hits ab und verkaufte sich weltweit mehr als zehn Millionen Mal. Man vergisst fast, dass er bei dieser Veröffentlichung erst 21 Jahre alt war. Aber er hatte auch schon zwei Karrieren sowie eine öffentlichkeitswirksame juristische Auseinandersetzung mit *NSYNC-Produzent Pearlman und dem Musikkonzern Sony hinter sich.

Trotzdem beschäftigten ihn die Reaktionen auf die Platte lange, weil er sich künstlich missverstanden fühlte: „Ich wollte damals wirklich ein R&B-Album machen, alle meine Einflüsse in die Tasche stecken und etwas Neues daraus schaffen.“ Tatsächlich ist „Justified“ eines der ambitionierten Alben der schwarzen Musik unserer Tage.

Aber in den Rezensionen sprang Timberlake permanent das Etikett „Popmusik“ entgegen. Er empfand es wie ein Brandzeichen. Und konnte nicht verstehen, dass er nicht als Erbe der Rhythm-’n’-Blues-Tradition vom alten Memphis-Soul über den Funk von James Brown bis eben Prince anerkannt wurde. Als Konsequenz aus der Tatsache, wohl für immer als Popstar zu gelten, habe er beschlossen, Dance-Musik zu revolutionieren. Das Ergebnis war 2006 „FutureSex/LoveSounds“, das – für diese Zeit eine Seltenheit – wieder zehn Millionen Käufer fand. Und zu der sensationellen Show in der SAP Arena beitrug. Der auch als Schauspieler, Handicap-sechs-Golfer, Unternehmer und Wohltäter engagierte Timberlake ließ sich sieben Jahre Zeit für „The 20/20 Experience“, einen nacheinander veröffentlichten Doppelpack. Hier gelang ihm das Kunststück, schwärzesten Funkpop mit Ecken und Kanten zu machen, der zum Großteil nicht ins Formatradio passt – und trotzdem noch populärer zu werden, bei Kollegen, Kritikern und Fans gleichermaßen.

Gesanglich wandelbarer

Für „Man In The Woods“ inszeniert er sich optisch als kerniger Kerl aus dem Süden, singt aber zum ersten Mal auch wieder zuckersüß und harmonisch wie seit *NSYNC-Zeiten nicht mehr (zum Beispiel über das Holzfäller-Acessoire Flanellhemd) – und auch das geht auf. Weil Timberlake Musik verstanden und sehr, sehr viele davon überzeugt hat, dass es spannend ist, seinen Ideen zu folgen, sich seine Musik auch mal zu erarbeiten. Sein einziges Manko spielt da kaum noch eine Rolle: Denn er singt inzwischen so wandlungsfähig, dass seine Stimme auch ohne die absolute Soul-Power seiner Idole mit der Sexyness des Sounds Schritt hält. Das zeigen zurzeit seine Konzerte in den USA, bei denen der mittlere von drei Teilen mit einer Art Lagerfeuer-Ambiente die Konzentration voll auf die Musik lenkt.