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„Heute sind Farage oder Höcke gemeint“

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Rock: Interview mit BAPs Wolfgang Niedecken, der bei Jazz and Joy am 11. August alte Politsongs wie „Widderlich“ singt

Jazz kommt einem nicht als Allererstes in den Sinn, wenn man an die Kölner Deutschrock-Institution Niedeckens BAP denkt. Aber beim vorletzten Auftritt der Tournee zur Platte „Live und deutlich“ am 11. August beim Wormser Festival Jazz and Joy hilft eine dreiköpfige Bläsersektion dabei, den musikalischen Geist der Jazz-Geburtsstadt New Orleans aufleben zu lassen.

Axel Müller (Saxophon), Christoph Moschberger (Trompete) und Johannes Goltz (Posaune) aus Matthias Groschs Mannheimer „Sing meinen Song“-Band Grosch‘s Eleven haben sich seit 2017 in das Herz von BAP-Chef Wolfgang Niedecken gespielt. Denn sie transportierten die Atmosphäre seiner in New Orleans geschriebenen Soloplatte „Reinrassije Stroossekööter – das Familienalbum“ kongenial. Was auch beim jüngsten Konzert von Niedeckens BAP im Mannheimer Rosengarten am 21. Oktober 2018 zu erleben war. Aus einem Gespräch über Live-Platten mit Sänger Wolfgang Niedecken am Rande des damaligen Auftritts und einem aktuellen Telefoninterview entstand dieser Text, den der 68-jährige BAP-Frontmann autorisiert hat.

Herr Niedecken, Sie sind im Prinzip mit ihrem Live-Album „Live und deutlich“ auf Tournee, das im November Platz eins der Charts erreicht hat. Es ist der achte veröffentlichte Konzertmitschnitt von BAP – hören Sie sich die Vorgänger eigentlich ab und zu noch mal an?

Wolfgang Niedecken: Ja, doch. Das muss ich, schon allein, um zu wissen, welche Fehler ich nicht noch einmal machen darf. Jede Live-Platte kommt ja nach einer langen, intensiven Tour-Phase auf den Markt. Wenn man sie dann direkt hört, kann man sie eigentlich gar nicht richtig beurteilen. Das geht erst, wenn die nächste Tour ansteht. Das erste Live-Album „Bess demnähx“ hat 1983 sogar „Frampton Comes Alive“ vom Thron der meistverkauften Live-Platte in Deutschland gestürzt. Bis wir da viele Jahre später dann von Marius (Müller-Westernhagen mit „Live“ im Jahr 1990, Anm. d. Red.) wieder abgelöst wurden. „Bess demnähx“ ist fast so einfach wie ein Rough-Mix, da wurde wenig gemischt, trotzdem hat das Ding eine solche Kraft.

Stimmt, BAP-Konzerte hatten damals diese unbekümmerte Bruce-Springsteen-Energie. Aber was da zum Beispiel der gelernte Cellist Steve Borg am Bass gespielt hat, klingt aus heutiger Sicht schon eigenwillig...

Niedecken: Das war authentisch! Der Steff war halt aus Bergisch Gladbach und nicht aus Jamaika.

Also gruselt es Sie nicht ein wenig, wenn Sie beim Durchzappen zufällig auf einen alten „Rockpalast“-Mitschnitt stoßen?

Niedecken (lacht): Also, das muss ich mir nicht unbedingt geben. Aber ich höre mir auch die alten Live-Platten nicht noch einmal an, um sie zu genießen. Wenn, dann um mir ein Urteil zu bilden, bevor wir auf Tour gehen: Auf welchem Stand waren wir damals? Welche Version haben wir da gespielt und welche dort. Wie gut war das?

Gibt es trotzdem einen Liebling unter den BAP-Live-Platten?

Niedecken: Ich bin sehr begeistert von „Övverall“ aus dem Jahr 2002. Unsere Heidelberger Percussionistin und Backgroundsänger Sheryl Hackett hat da noch gelebt. Mein lieber Mann, da waren wir in sehr guter Form und haben auch live sehr songdienlich gespielt.

Das war für mich lange die beste BAP-Formation. Finden Sie die heutige noch besser?

Niedecken: Das kann man nur schwer vergleichen, aber ich glaube ja. Da ist nicht mehr viel Platz nach oben. Neben dem altgedienten Bassisten Werner Kopal, der nach seiner Krebserkrankung zurück ist, und Michael Nass haben sich seit 2014 Multiinstrumentalistin Anne de Wolff und ihr Mann, der Gitarrist Ulrich Rode, Schlagzeuger Sönke Reich von der Popakademie und die drei „Sing meinen Song“-Band-Bläser hervorragend eingelebt. Die werden wir wohl nicht mehr los (lacht). Mit welcher Euphorie wir jedes Mal von der Bühne gehen, das ist so zusammengewachsen – also, ich kann mir das gar nicht mehr anders vorstellen.

„Frampton Comes Alive“ ist weltweit noch immer das kommerziell erfolgreichste Live-Album. Haben Sie einen Favoriten und was macht für Sie den Reiz an Konzertmitschnitten raus?

Niedecken: Mit solchen Rankings tue ich mich etwas schwer. Aber „The Last Waltz“ von The Band mag ich zum Beispiel sehr gern oder „Roxy & Elsewhere“ von Frank Zappa. Ich höre generell gerne Live-Alben, was viele ja gar nicht mögen. Mit gefällt, dass sie sehr direkt sind und viel spontane Energie transportieren. Ich muss allerdings auch eine Dramaturgie raushören.

Im Winter waren Niedeckens BAP erstmals mit den drei Bläsern unterwegs. Sind die jetzt ständig dabei – und künftig auch im Studio?

Niedecken: Auf jeden Fall. Ich wäre schön bescheuert, wenn ich sie nicht mitnehmen würde. Ich freue mich schon sehr aufs Studio. Aber wir spielen jetzt wie in Worms erstmal die Open Airs zu Ende, und dann kommt der nächste Schritt. Die Songs sind jedenfalls schon geschrieben. Wir sind ja auch in der Situation, dass zwar die eingefleischten Fans etwas Neues hören möchten. Aber viele Leute, die uns heute die Halle voll machen, wollen das nur bedingt. Das ist ein Luxusproblem, das alle Künstler haben, die über viele Jahrzehnte Platten rausbringen.

Aber die Fans werden bei Jazz and Joy in Worms von BAP keine Coltrane-Soli hören, eher weiter den Geist von New Orleans – oder?

Niedecken: Im Laufe der Tournee, die mit Unterbrechungen ja seit Mai 2018 läuft, haben wir uns, auch was die Improvisationen betrifft, noch einmal ordentlich gesteigert. Das hat jetzt alles einen unfassbaren Flow. Gott sei Dank habe ich Saxophonist Axel Müller, Trompeter Christoph Moschberger und Posaunist Johannes Goltz von Grosch’s Eleven gefragt, ob sie mit uns auf Tour gehen wollten. Auch für Ulle, Anne, Micha, Sönke und Werner tun sich da, was die Arrangements betrifft, ganz neue Möglichkeiten auf. Es ist beispielsweise unfassbar, was auf einmal bei „Stell dir vüür“, einer Nummer vom ersten Album, passiert.

Ah, die alte Kriegsverweigerer-Hymne. Verstehen das die jüngeren Besucher überhaupt noch?

Niedecken: Die können das teilweise gar nicht fassen, dass es mal diesen Unfug mit den Gewissensprüfungen gab. Aber der Großteil unseres Publikums kennt das noch, meist aus eigener Erfahrung. Die Chöre, die von den Leuten bei „Stell dir vüür“ gesungen werden, sind so etwas wie Hohn auf diese Farce. Die Live-Version ist unfassbar geworden, auch weil ich die Bläser gebeten habe, die Publikumschöre noch zusätzlich zu unterstützen.

Apropos politische Rockmusik: Mit den beiden „Wir sind mehr“-Konzerten in Chemnitz gab es zum ersten Mal seit 1992 deutschlandweit beachtete Konzerte gegen Rechts wie „Arsch huh, Zäng ussenander“ in Köln und „Heute die! Morgen Du!“ in Frankfurt ...

Niedecken: Nicht zu vergessen: „Gewalt ätzt!“ in Leipzig. Für uns war das ein Dreisprung. Ich hab damals gesagt, wenn wir jetzt nicht in den Osten gehen, dann sind wir feige. Im Februar haben wir dann dort auf dem Augustusplatz gestanden im Schneetreiben, zwischen Gewandhaus und Oper. Aber es war der Hammer.

War das erste Chemnitzer Konzert das 5:0 gegen Rassismus, das Campino 2018 ausgerufen hat?

Niedecken: Das weiß ich nicht, aber ich hab mich total darüber gefreut. Vor allem darüber, dass die Initiative von Kraftklub ausging – dass die Jungs vor der eigenen Haustür gekehrt haben.

Der große Unterschied zwischen 1992 und heute: Damals haben die Konzerte und die Lichterketten als eine Art Aufstand der Anständigen völlig klar gemacht, wer die Deutungshoheit hat und den rechten Spuk vor den Asylbewerberheimen beendet. Das ist heute komplizierter, oder?

Niedecken: Für mich sieht das über die Jahrzehnte ähnlich aus, aber das sind doch andere Wellentäler und andere Schaumkronen, da sind immer andere Bewegungen drin. Du hast wahrscheinlich genauso viele an den rechten wie den linken Rändern, die mit den Zuständen nicht mehr zufrieden sind. Auf einmal ist die Mitte bei Angela Merkel. Die SPD weiß nicht mehr, wo die Arbeiterbewegung abgeblieben ist. Deswegen musst Du auf die Situation immer neu eingehen. Vieles erinnert mich an die Weimarer Republik. Der Vergleich hinkt zwar, aber wie Böll schon sagte: „Auch Hinken ist eine Form der Annäherung.

Seinerzeit haben Sie mit „Widderlich“ den härtesten Text gegen das Einknicken der Politik in der Asyl-Debatte geschrieben. Tenor: „Ihr seid widerlich“ – was heute fast so scharf klingt, wie Xavier Naidoos Söhne-Mannheims-Text „Marionetten“. Könnte man so ein Lied in dieser aufgeheizten digitalen Landschaft und nach dem Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke noch veröffentlichen?

Niedecken: Das Lied wurde damals zwar so verstanden, aber meine Intention war eine andere: Ich habe „Widderlich“ geschrieben, weil der damalige CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl sich geweigert hat, zur Beerdigung der Opfer des Brandanschlags 1993 in Solingen in die Türkei zu fliegen. Das fand ich so widerlich. Mit dem Lied waren aber natürlich auch die damaligen „Wutbürger“ gemeint, die von den Anschlägen auf Asylbewerberheime wie in Rostock-Lichtenhagen. So ein Refrain wie in „Widderlich“ macht sich in den Ohren der Hörer ja oft selbstständig. Wir haben den Song für die Open Airs wieder reaktiviert und dabei nicht den Fehler gemacht, ihn zu aktualisieren.

Warum eigentlich nicht?

Niedecken: Denn dann geht die Luft raus. So ein Liedtext ist wie ein Bernsteintropfen, der einen Moment einschließt. Aber gerade daraus bezieht er seine Power. Die Leute wissen schon, wer mit „Widderlich“ gemeint ist. Angefangen bei Trump über Salvini, Marine le Pen, Orban, Wilders, Erdogan, Boris Johnson bis hin zu den erbärmlichsten Würstchen Marke Nigel Farage und Björn Höcke. Heute versuche ich aber beim Schreiben eher, auf diese vielen „besorgten“ Bürger so zuzugehen, dass sie wieder zurückkönnen. Ich würde nicht verschrecken wollen, nach dem Motto „Ihr Nazis seid widerlich“. Ich würde auch nicht verallgemeinern. Verallgemeinerungen nützen in dieser Zeit überhaupt nichts, vertiefen nur die Gräben.

Es ist ja zuletzt vielen prominenten Künstlern passiert, dass ihre Lieder von der falschen Seite vereinnahmt wurden. Ihnen auch?

Niedecken: Nein, da passe ich gut auf. Aber wenn etwas aus dem Zusammenhang gerissen wird, ist man erstmal machtlos. Sowas passiert leider. Da habe ich schon Pferde vor der Apotheke kotzen gesehen. Da muss man nur an den armen Neil Young denken, dessen „Rockin’ In The Free World“ von Donald Trump missbraucht wurde.

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