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„Ich bin keine Diva mit Starallüren“

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Pop: Sängerin und Hollywood-Star Cher spricht über ihre Abba-Platte, die anstehende Tour, Gleichberechtigung und Liebe

Eigentlich gilt Cher, 72, als glamouröse Diva. Beim Treffen im Sunset Marquis Hotel in West-Hollywood wirkt die Sängerin und Schauspielerin aber völlig unprätentiös. Sie trägt ganz salopp ein Sweatshirt zur dunklen Hose, ihr Gesicht ist dezent geschminkt. Die Amerikanerin bestellt nicht etwa Champagner, sondern Cola mit Eis. Wir sitzen zu zweit in einer abgedunkelten Suite – ohne die typische Armada von Agenten und PR-Beratern. Ungewöhnlich für einen Superstar, der von Oscar über Emmy bis zu Grammy zahlreiche Auszeichnungen bekommen hat. Cher beschönigt im Interview nichts, wenn sie ihr Leben Revue passieren lässt. Und ist unheimlich stolz darauf, dass sie für ihre CD „Dancing Queen“ Abba-Songs aufgenommen hat. Die Initialzündung dafür gab ihre Rolle in dem Film „Mamma Mia! 2“, für die sie „Fernando“ und „Super Trooper“ am Set sang. Danach entschied sie, „SOS“ auf den Dancefloor zu holen oder „Gimme! Gimme! Gimme! (A Man after Midnight)“ einen ordentlichen Groove zu verpassen. Am Freitag, 11. Oktober, ist der Weltstar in der Mannheimer SAP Arena zu hören.

Cher, Abba hatten mit „Dancing Queen“ nur einen einzigen Nummer-eins-Hit in den USA. Wie vertraut waren Ihnen ihre Lieder überhaupt?

Cher: Früher kannte ich nur „Mamma Mia“, „Waterloo“ und „Dancing Queen“. Erst durch den Film „Muriels Hochzeit“ habe ich realisiert, wie gut Abba-Songs wirklich sind.

Heißt das, Sie haben Abba niemals live gesehen?

Cher: Nein. Soweit ich weiß, sind sie ja nur einmal in den USA getourt. Selbst wenn ich gewollt hätte: Ich hätte sie mir damals gar nicht angucken können, weil ich mich vollends auf meine eigene Karriere konzentriert hatte.

Sind Sie Abba denn später mal begegnet?

Cher: Bloß Björn und Benny. Sie kamen zum Set, als ich „Mamma Mia! 2“ gedreht habe.

Wie haben Sie eine Rolle in diesem Film bekommen?

Cher: Ich kriegte einen Anruf von meinem früheren Agenten Ronnie Meyer. Er sagte: „Du machst ,Mamma Mia!“ Dann legte er einfach auf.

Und während der Dreharbeiten kamen Sie auf die Idee, für Ihre CD „Dancing Queen“ Abba-Stücke zu covern?

Cher: Das war ein Geistesblitz. Ich dachte, es könnte Spaß bringen, Abba-Nummern zu singen. Für mein Album habe ich mir neben den fröhlichen Titeln auch ein paar von den traurigen ausgesucht – wie „The Winner Takes It All“ oder „One Of Us“.

Werden Sie die während Ihrer Deutschland-Tournee im Programm haben?

Cher: Mal sehen... Auf jeden Fall möchte ich „Waterloo“ ins Repertoire aufnehmen. Das ist nicht nur eines meiner Lieblingslieder, sondern ein toller Live-Song: so kraftvoll, so euphorisch. Bestimmt wird das Publikum dieses Stück feiern.

Sie haben besonders in der Schwulenszene zahlreiche Fans. Woran liegt das?

Cher: Schauen Sie, Schwule sind sehr extrem. Entweder lieben sie Sie, oder sie ignorieren Ihre Existenz auf diesem Planeten komplett. Mir mir haben sie ganz offensichtlich immer auf einer Wellenlänge gelegen. Sicher gefallen ihnen meine fantastischen Kostüme. Zudem habe ich diese recht besondere Ausstrahlung: Ich wirke irgendwie seltsam. All das festigt unsere Verbindung.

Waren Schwule für Sie stets das Normalste auf der Welt?

Cher: Meinen ersten Kontakt zu Schwulen hatte ich mit zwölf. Allerdings unbewusst. Als ich nach der Schule nach Hause kam, saßen meine Mutter und ihre beste Freundin mit zwei Männern im Wohnzimmer, die unglaublich enthusiastisch waren. In jedem Satz, den sie sagten, steckte so viel Energie. Ich merkte: Diese beiden Typen sind wesentlich lustiger als die Männer, die uns sonst besuchen. Das hat mir gefallen – obwohl ich damals nicht wusste, dass sie homosexuell waren.

Haben Sie sich eigentlich jemals zu einer Frau hingezogen gefühlt?

Cher: In meiner Jugend hatte ich mal eine Freundin, die ich ausgesprochen süß fand. Daraus hat sich aber keine Liebesgeschichte entsponnen.

Haben Sie das bereut?

Cher: Nein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man als Frau zu seinen Freundinnen für gewöhnlich eine sehr enge Beziehung hat. Nur eben ohne Sex. Für mich sind meine Freundinnen etwas ganz Besonderes. Unsere gemeinsamen Urlaube sind mir heilig. Dann wollen wir unter uns bleiben. Ohne Männer.

Bedeutet das, kein Mann kann Ihre Freundschaft erschüttern?

Cher: Na ja, wenn eine von uns frisch verliebt ist, kann es natürlich passieren, dass sie eine Weile abtaucht. Aber nicht auf Dauer. Langfristig findet sich normalerweise die richtige Balance zwischen einer Partnerschaft und den Freundinnen.

Ihre Beziehungen werden ja früher oder später meistens publik.

Cher: Leider! Mit der Privatsphäre ist es vorbei, seitdem jeder ein Mobiltelefon mit Kamera hat. Ich kann durchaus behaupten: Einige meiner Partnerschaften wurden durch die Boulevardpresse ruiniert...

Also ist Ruhm gar nicht so erstrebenswert?

Cher: Sagen wir so: Ruhm ist schon toll. Doch man muss eben auch Opfer bringen.

Ein Star wie Sie braucht sicher nicht so viele Kompromisse einzugehen wie ein Newcomer.

Cher: Vor allem als junge Frau musste ich feststellen, dass Erfolg nicht automatisch Respekt garantiert. Während meiner Sonny-&-Cher-Phase (als Hit-Duo mit ihrem ersten Ehemann Sonny Bono von 1964 bis 1974, Anm. d. Red.) hatten sich Frauen auf eine bestimmte Art zu verhalten. Nicht selten kriegte ich zu hören: „Mach’ deinen Job! Danach kannst du shoppen gehen und dir ein paar schöne Schuhe kaufen.“

Machten Sie solche Demütigungen zur Feministin?

Cher: Ich bin für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, für gleiche Rechte. Dummerweise sind wir davon sogar im 21. Jahrhundert noch meilenweit entfernt. In der Regel verdienen Männer mehr als Frauen. Höchstens bei der Polizei oder bei der Feuerwehr gilt: gleiches Gehalt für alle.

Woran könnte es liegen, dass es mit der Gleichberechtigung hapert?

Cher: Eins vorweg: Wir sind auf diesem Gebiet ein gutes Stück vorangekommen. Jetzt sollten die Männer endlich anerkennen, wie viel wir Frauen beruflich leisten. Vermutlich fühlen sie sich von uns irgendwie bedroht. Das ist lächerlich! Keiner will dem anderen seinen Platz wegnehmen. Es geht einzig und allein um Fairness.

Vielleicht schüchtert gerade Männer Ihr Diva-Image ein...

Cher: Dabei bin ich keine Diva mit Starallüren. Ich stolziere nicht selbstverliebt durch die Gegend. Nach dem Motto: „Macht alle Platz – hier kommt die großartige Cher.“ Im Gegenteil: Ich habe nicht das geringste Interesse daran, andere Leute beiseite zu drängen, um permanent im Mittelpunkt stehen zu können.

Trennen Sie die private Cher strikt von der öffentlichen Person?

Cher: Es gibt natürlich Überschneidungen zwischen den beiden – die Essenz des Menschen Cher ist ja immer dieselbe. Nichtsdestotrotz achte ich darauf, nicht alles von mir preiszugeben. Ich finde, man muss sich seine Geheimnisse bewahren.

Verraten Sie trotzdem, ob Ihnen im Nachhinein einige Dinge, die Sie gemacht haben, leid tun?

Cher: Offen gestanden war mein Leben wie eine holprige Achterbahnfahrt. Ich hätte mir manchmal weniger Turbulenzen gewünscht. Aber ich will mich nicht beklagen. Vermutlich ist mir exakt das passiert, was mir vorherbestimmt war. Insgesamt hatte ich eine gehörige Portion Glück. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Umso erstaunlicher, dass Sie 2002 zu einer weltweiten Abschiedstournee aufgebrochen sind, bei der sie 2004 ihre bislang letzten Konzerte in Deutschland gegeben haben.

Cher: Ich war damals bekanntlich nicht mehr die Jüngste. Meine Zeit im Musikgeschäft schien abgelaufen zu sein. So kam ich auf die Idee, mich von der Bühne zurückzuziehen. Ich sah keine Chance für mich, mit Jennifer Lopez oder Pink zu konkurrieren. Zum Glück hatte ich mich geirrt. Es haben sich noch weitere wunderbare Projekte ergeben.

Kein Wunder: Man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an.

Cher: Ich habe mir zumindest ein Stück weit das Kind in mir bewahrt. Es gibt Phasen, da komme ich mir wieder ein bisschen wie ein Teenager vor. Das Gute ist: Konventionen interessieren mich nicht. Ich lasse mir keine Verhaltensregeln vorschreiben. Meine Lebenslust ist ungebrochen.

Welche Rolle spielt die Liebe heute für Sie?

Cher: Ich verliebe mich nach wie vor gern – nur eben nicht so schnell. Ob man offen für die Liebe ist oder nicht, ist keine Frage des Alters. Ich glaube, jeder sehnt sich danach, zu lieben und geliebt zu werden.

Sie waren mit den Musikern Sonny Bono und Gregg Allman verheiratet. Die beiden tauchen als Protagonisten in Ihrem Musical „The Cher Show“ auf. Was hat Sie an einer Broadway-Show gereizt?

Cher: „The Cher Show“ wurde in Chicago uraufgeführt, New York war die zweite Station. Ich kann Ihnen genau erklären, worin für mich die Faszination eines Musicals liegt. Bei diesem Genre können Sie die Handlung mit Musik überhöhen. Das hat für die Zuschauer eine ungeheuer packende Wirkung.