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Pop: Interview mit Sängerin Katie Melua über ihr Best-Of-Album, die Emanzipation von Entdecker Mike Batt und Georgien

„Ich bin nicht mehr dieses süße, kleine Mädchen mit der Engelsstimme“

Die britisch-georgische Sängerin Katie Melua strebt nach dem perfekten Popsong. Gerade hat sie mit „The Ultimate Collection“ Bekanntes im neuen Gewand auf einer Doppel-CD veröffentlicht: 30 Lieder aus 15 Jahren und sieben Studioplatten. Neben Klassikern und Hits hat die 34-Jährige in Georgien mit dem Gori Women’s Choir und dem Georgian Philharmonic Orchestra ihre Coverversion von Stings „Fields Of Gold“ und zwei ganz neue Aufnahmen von Simon & Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ aufgenommen, aber auch Shirley Basseys Bond-Song „Diamonds Are Forever“. In Begleitung des eindrucksvollen Chores singt Katie Melua am 16. November im Mannheimer Rosengarten.

Katie Melua, „Ultimate Collection“ ist ein Querschnitt Ihrer inzwischen 15-jährigen Karriere. Überspitzt formuliert: Fällt Ihnen nichts Neues mehr ein?

Katie Melua: Es scheint fast so (lacht). Die Wahrheit ist: Ich bin keine schnelle Songwriterin, sondern ich brauche unglaublich lange. Mittlerweile arbeite ich schon zwei, drei Jahre an neuem Material. Und ich würde sagen, das nächste Album nimmt langsam Form an. Im Sinne von: Ich bin etwa zur Hälfte fertig. Was nicht heißt, dass ich mit wer weiß welchen Wunderwerken aufwarten werde, aber zumindest mit guten Songs.

Wie die 30 Kostproben Ihrer bisherigen sieben Alben, garniert mit einigen Coverversionen – Ihrer „Ultimate Collection“?

Melua: Ja, ich werde alles tun, damit die neuen Lieder qualitativ nicht abfallen. Die Songs, die ich hier ausgewählt habe, sind diejenigen, auf die ich besonders stolz bin. Die ich für die Besten halte, die ich je veröffentlicht habe. Also nicht nur die Singles – es sind auch etliche Albumtracks dabei.

Und ein halbes Dutzend Coverversionen – von Joni Mitchel, The Cure, Simon & Garfunkel, Shirley Bassey. Was haben die auf einer „Best Of“ zu suchen – schließlich stammen sie nicht von Ihnen?

Melua: Das ist richtig. Aber ich denke, dass ich diesen Songs eine eigene Note verleihe. Dass ich sie auf gewisse Weise zu meinen eigenen mache, indem ich das Tempo, die Stimmung verändere und da ein Orchester oder einen Chor hinzufüge. Ich spiele sie nicht originalgetreu nach, sondern versuche, ihnen etwas Neues zu entlocken. Was nicht leicht ist, wenn man es mit Meisterwerken von Simon & Garfunkel oder Don Black zu tun hat, der „Diamonds Are Forever“ für Shirley Bassey geschrieben hat.

Das Titelstück zum ´71er James Bond-Abenteuer „Diamantenfieber“. Ist das Ihre offizielle Bewerbung für eine 007-Titelmelodie?

Melua: (lacht) Oh, nichts lieber als das! Wenn David Arnold, der Mann hinter den Bond-Soundtracks, mich dafür haben wollte, stünde ich sofort zur Verfügung. Notfalls spiele ich auch das Bond-Girl oder die böse Gegenspielerin. Was auch immer – welches Anmeldeformular muss ich ausfüllen und wo bekomme ich es?

Sie hätten also keinerlei Berührungsängste – genauso wenig wie bei der Neuinterpretation des Songs?

Melua: Nein! Ich weiß, dass „Diamonds Are Forever“ in der Version von Shirley Bassey nicht zu übertreffen ist. Dass sie die ultimative Version aufgenommen hat. Aber ich versuche auch gar nicht, sie zu übertrumpfen, sondern schlichtweg einen alternativen Ansatz zu finden – einen mit nicht ganz so viel Drama und Pathos.

Wie das?

Melua: Meine Version habe ich mit T-Bone Burnett aufgenommen – in seinem Studio in Los Angeles. Ein Paradies für altes Tontechnik-Equipment aller Art. Und er selbst ist einer der besten Produzenten aller Zeiten. Er hat mir gesagt, dass alles möglich ist, wenn man nur genug Liebe zum Detail aufbringt. Wenn man sich Zeit lässt und eine richtig gute Performance hinbekommt. Das ist die Prämisse, die ich seit unserer Zusammenarbeit verfolge: Ich versuche, die bestmögliche Musikerin zu sein und nur Material zu veröffentlichen, das wirklich herausragend ist. Das mich als Künstlerin weiterbringt. Das ist nicht immer leicht, aber weil ich nicht mehr mit Mike Batt arbeite, ist es umso wichtiger.

Darf man Fragen, wie es dazu gekommen ist? Immerhin hat der selbst sehr erfolgreiche Musiker und Komponist Sie Anfang der 2000er entdeckt, und Sie haben mit ihm als Produzent vier erfolgreiche Alben aufgenommen?

Melua: Dafür werde ich ihm auch für immer dankbar sein. Nur: Irgendwann haben wir einen Punkt erreicht, an dem wir kreativ stagnierten, an dem uns – gelinde gesagt – die Ideen ausgegangen sind. Wir waren so auf einen bestimmten Sound und auf ein Image fixiert, dass wir auf der Stelle traten. Da musste ich die Reißleine ziehen – so leid es mir tat. Seitdem habe ich mich an elektronische Sounds gewagt, mit Orchester und Chor experimentiert, mit interessanten Leuten gearbeitet und alles daran gesetzt, eben nicht mehr dieses süße, kleine Mädchen mit der Gitarre und der Engelsstimme zu sein. Das war mir auf Dauer doch zu langweilig.

Das klingt sehr kämpferisch!

Melua: Das soll es auch sein. Ich meine, ich bin jetzt 35, ich mache diesen Job seit 15 Jahren und habe sieben Alben veröffentlicht – ich weiß, was ich tue. Und es macht mir Spaß. Ich sehe es als permanente Herausforderung an. Als Gelegenheit, zu wachsen und meine Träume zu verwirklichen. Dazu gehört auch, dass ich auf der nächsten Tournee mit meiner Band und zusätzlichen 16 Musikern reise. Mit einem richtigen Ensemble, einer aufwendigen Show und einem Programm, das alle Facetten von mir zeigt. Ich will zeigen, dass ich eine erwachsene Musikerin bin.

Die Emanzipation der Katie Melua?

Melua: Ja, und bis ich das mit meinem nächsten Studio-Album und mit eigenen Songs beweisen kann, müssen halt ein paar starke Covers und Konzerte herhalten. Das ist auch eine Form der Selbstbestätigung.

Was ist aus Ihren Plänen geworden, in die Politik zu gehen? Könnten Sie sich vorstellen, sich irgendwann um das Amt der Ministerpräsidentin von Georgien zu bewerben – ein Land, das Sie als Kind verlassen mussten, zu dem Sie aber scheinbar immer noch eine enge Beziehung haben?

Melua: Ich liebe meine alte Heimat, und ich bin wahnsinnig stolz, was sich dort in den letzten Jahren alles getan hat. Das Land hat einen Riesensprung nach vorne gemacht, die Leute lassen sich wirklich etwas einfallen, um die Wirtschaft anzukurbeln und mehr Touristen ins Land zu holen, aber sie achten gleichzeitig darauf, die natürliche Schönheit zu erhalten – die Berge, die Seen und die Wälder. Außerdem gibt es wahnsinnig talentierte Künstler und eine wirklich einmalige Kulturszene. Jedes Mal, wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl, als wäre ich nichts Besonderes. Als wäre ich nur eine unter vielen – und als ob sie meine Hilfe gar nicht bräuchten. Insofern: Ich denke, ich lasse die Finger von der Politik und konzentriere mich aufs Singen. Da kann ich nicht viel falsch machen (lacht).

Wann waren Sie zuletzt in Georgien?

Melua: Wissen Sie, was ich an meinem Geburtstag am 16. September gemach habe? Ich bin nach Georgien geflogen und habe ein Konzert in Tiflis gegeben, zu dem jeder eingeladen war. Es war ein Auftritt, um die Hauptstadt zu ehren. Und ich konnte mir an so einem besonderen Tag nichts Schöneres vorstellen, als in mein Heimatland zu reisen.

Dort haben Sie auch „Bridge Over Troubled Water“ aufgenommen.

Melua: Wir waren in den georgischen Filmstudios, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren. Es sind riesige Räume für Fernseh- und Film-Aufnahmen – mit hohen Decken und Wänden aus sibirischem Holz, das man drehen und wenden kann, um eine unterschiedliche Akustik zu erzeugen. Gebaut wurde das Ganze in den frühen 70er Jahren als georgisch-japanische Kooperation. Als ich dort ankam, dachte ich nur: „Oh mein Gott! Das Orchester und der Chor werden hier wunderbar klingen.“