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„Ich dachte lange, ich wäre völlig out“

Rock: Interview mit Jeff Lynne, der gerade 70 geworden ist und mit E.L.O. ausnahmsweise auf Tournee geht

Zu behaupten, Jeff Lynne würde nur wenige Interviews geben, ist maßlos untertrieben: Der gebürtige Brite redet eigentlich nie mit der Presse. Schon gar nicht seit „Zoom“, dem gescheiterten Comeback des Electric Light Orchestra (E.L.O.) von 2001, das ihn veranlasste, die Erfolgsband der 70er und 80er, die über 50 Millionen Tonträger verkauft hat, ein zweites Mal aufzulösen. Einfach weil der pompöse Mix aus Rock ’n’ Roll mit Klassik-Elementen kein Publikum mehr fand und auch Lynne längst nicht mehr so zu befriedigen schien wie seine Tätigkeit als Produzent für die Elite der internationalen Rockmusik. Da feierte der Mann aus Birmingham eine triumphale Zweitkarriere, spielte nebenbei in der All-Star-Formation Traveling Wilburys und verschanzte sich ansonsten in seinem Heimstudio im kalifornischen Beverly Hills. Das besteht aus zwei winzigen Räumen in einer gemütlichen 50er-Jahre-Villa, in der er seit 1994 lebt. An den Wänden hängen sündhaft teure Vintage-Gitarren in allen erdenklichen Farben und Formen. Dazwischen finden sich gerahmte Fotos von ihm und seinen „Buddys“ (Ringo Starr, Tom Petty, George Harrison, Joe Walsh) oder vergilbte Souvenirs aus seiner sechs Dekaden umfassenden Karriere. Eine Mischung aus Museum und Refugium, in dem Lynne anlässlich seiner kommenden Deutschland-Tour empfängt. Diese führt ihn am Dienstag, 25. September, mit Jeff Lynne’s E.L.O. in die Mannheimer SAP Arena.

Herr Lynne, Sie wurden von Daft Punk gesampelt, sind bei den Grammys aufgetreten, wurden mit einem Stern auf dem Hollywood Walk Of Fame bedacht und haben ausverkaufte Konzerte gespielt. Eine späte Renaissance?

Jeff Lynne (lacht): Ja, endlich nehmen mich die Leute wieder zur Kenntnis. Aber im Ernst: In den letzten Jahren habe ich einen unglaublichen Popularitätsschub erlebt, mit dem ich nie gerechnet hätte. Also es ist wirklich so, als hätten mich die Leute wiederentdeckt. Und das begann mit der BBC, die plötzlich anfing, meinen alten Kram zu spielen. Aus heiterem Himmel. Was fantastisch ist – denn bis Anfang der 2000er habe ich ja eine Menge Songs geschrieben. Immerhin 35 Jahre lang.

Also ist E.L.O. nichts, für das Sie sich schämen?

Lynne: Mir war die Band nie peinlich, zu keiner Zeit. Ich weiß, dass das mal ein Kritiker behauptet hat, und es danach die Runde machte. Aber das war Quatsch. Es ist nur so, dass wir als Band stark polarisiert haben – also es gab viele Leute, die uns mochten, und genauso viele, die uns nicht ertragen konnten. Das ist okay. Es ist mir sogar lieber als würden alle ins selbe Horn stoßen und sich in irgendwelchen Lobhudeleien ergehen. Und die Band hatte irgendwann ihren Höhepunkt überschritten. Also den Moment, an dem sie richtig gut war. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir Sachen gemacht haben, die nicht ganz so toll waren, beziehungsweise auf die wir besser hätten verzichten sollen. Nur: Wer könnte sich davon ausnehmen? Ich glaube, da macht sich jede Band schuldig. Leider haben nur die wenigsten den Mut, das zuzugeben.

Weshalb Sie zum reinen Studio-Tüftler wurden?

Lynne: Ich bin eine Studio-Ratte – mit Leib und Seele! Und mich von der Bühne zurückzuziehen war das Beste, was ich hätte machen können. Denn die Jungs, mit denen ich gearbeitet habe, waren richtig klasse. Wir hatten unglaublich viel Spaß – auch außerhalb des Studios. Wir haben wirklich viel unternommen und hatten eine unglaubliche Zeit. Gerade mit Tom Petty, mit dem ich drei Alben aufgenommen habe. Was meinen persönlichen Horizont enorm erweitert hat. Eben, weil es etwas ganz anderes war, als sich immer mit seinen eigenen Songs zu befassen. Es war eine Herausforderung und eine willkommene Abwechslung. Denn wenn da jemand mit einem halbfertigen Song zu dir kommt und dich bittet, ihn weiterzuentwickeln oder gemeinsam mit dir einen neuen zu schreiben, ist das toll.

Wie erklären Sie sich das neuerliche Interesse an E.L.O.? Hat es mit der Rückkehr der Vollbärte zu tun, dass Jeff Lynne wieder en vogue ist?

Lynne (lacht): Das ist es! Die mögen einfach meinen Bart – und die Musik ist ihnen völlig egal. Ja, das könnte durchaus sein. Das wäre eine Erklärung. Also wenn ich mir anschaue, mit welcher Kinnbehaarung heute irgendwelche 20-jährigen Indie-Rocker rumlaufen, dann muss ich wirklich lachen. Die sehen genauso aus, wie ich früher. Und es ist ihnen kein bisschen peinlich. Ist das nicht irre? Ich dachte lange, ich wäre völlig out. Ein Relikt der 70er. Doch plötzlich laufen die Kids genauso rum wie ich und finden das cool. Es ist der Hammer!

Bei den Grammys 2015 sind Sie mit Ed Sheeran, dem Shootingstar der letzten Jahre, aufgetreten. Wie war das für Sie?

Lynne: Großartig! Das ist ein netter Typ. Ich mag ihn sehr. Und wie er sich da mit einer kleinen Gitarre, ich glaube, es handelt sich um eine Taylor, vor 80 000 Leute stellt und zwischen Rhythmus und Lead wechselt, dazu singt und auch noch perkussive Elemente einbringt, ist der Wahnsinn. Also wirklich klasse. Außerdem hat er eine tolle Stimme. Ich halte ihn für einen wahnsinnig talentierten Burschen. Er meinte zu mir: „Mein Vater denkt, es wäre gut, wenn ich mir dir auftrete – da könnte ich noch etwas lernen.“ Was ich lustig fand. Ich fühlte mich echt geschmeichelt.

Während Ihr eigener Vater angeblich kein gutes Haar an Ihren frühen Songs gelassen hat?

Lynne: Das ist noch milde formuliert. Er hat mir das Gefühl gegeben, als wäre ich eine absolute Niete, ein kompletter Loser. Die exakte Formulierung, die er verwendet hat, war: „Das Problem mit deinen Songs ist, dass es keine Songs sind.“ Was ziemlich beleidigend war. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass mir das wohl ganz gutgetan hat. Denn es hat dafür gesorgt, dass ich mir sagte: „Ich werde es ihm zeigen.“ Und das nächste Album war dann „Eldorado“, das ja einen Hit nach dem anderen enthielt - einfach, um ihn mundtot zu machen. Ich gab ihm die Platte mit den Worten: „Hier, hör dir das an.“ Und er ist zwar nicht gleich vor Freude durchs Wohnzimmer gesprungen, hat aber zugegeben: „Das ist ein Smasher, mein Sohn.“ Womit er meinte, dass da gute Songs waren, die selbst ihm gefielen. (lacht)

Einer Ihrer größten Hits war „Evil Woman“. Auf Ihrem aktuellen Album „Alone In The Universe“ findet sich ein Stück namens „Dirty To The Bone“, das ebenfalls von einer Dame handelt, mit der man sich nicht anlegen sollte.

Lynne: Richtig. Wahrscheinlich ist es sogar dieselbe wie damals. (lacht)

Das meinen Sie nicht ernst?

Lynne: Oh doch. Schließlich gibt es aktuell niemanden, auf den die Beschreibung zutreffen würde. Insofern habe ich wohl unbewusst in der Vergangenheit gekramt. (lacht) Mehr darf ich dazu allerdings nicht sagen. Es sei denn, ich wäre scharf auf Ärger – und das bin ich nicht.

Haben Sie etwa Angst vor Ihrer Ex?

Lynne: Ich habe keine Angst vor ihr, sondern vor ihrem Anwalt. Den möchte ich sobald nicht wieder am Telefon haben. Und ich kultiviere hier auch keine tiefen psychologischen Probleme. Es ist nur so, dass ich manchmal im Studio sitze, an einem Song bastle und mir fällt nichts ein, über das es sich zu schreiben lohnt. Deshalb lande ich bei alten Geschichten. Also intuitiv und ohne dass ich es erklären könnte. Vielleicht sollte ich mal einen Arzt aufsuchen. (kichert)

Gibt es keine Hobbies, über die Sie schreiben könnten?

Lynne (lacht): Leider nein. Ich habe noch nicht angefangen, Golf zu spielen oder mich der Gartenarbeit zu widmen. Ich fürchte, das wären auch wahnsinnig langweilige Themen. Und über meinen Lieblingsfußballverein, Birmingham, zu schreiben, lohnt sich auch nicht. Dafür ist er nicht gut genug.

In „Livin´ Thing“, einem weiteren E.L.O.-Klassiker, geht es um eine nicht ganz frische spanische Paella. Ein Indiz für Ihren Humor?

Lynne (lacht): Ich habe definitiv eine Menge Humor, und der spiegelt sich auch in meiner Musik wieder. Der Name Electric Light Orchestra ist zum Beispiel ein Wortspiel, das sich entweder auf ein leichtes Orchester oder eines aus lauter Glühbirnen bezieht. Und ich finde es wichtig, auch mal zu lachen – gerade in dieser Branche, in der man so viel Mist erlebt und die man um Gottes Willen nie ernst nehmen sollte, weil sie einen sonst mit Haut und Haaren frisst. Aber was die Paella betrifft: Ich habe tatsächlich in einem Interview erzählt, dass der Song davon handelt. Aber einfach zum Spaß – ich hätte nie gedacht, dass das jemand für bare Münze nimmt und es sich dann verselbstständigt. Was insofern wohl meine Schuld ist – oder die des Interviewers, der scheinbar keinen Humor hatte.

Wie kommt es, dass sich viele Ihrer Songs um Raumschiffe und den Weltraum drehen? Sind Sie ein Sci-Fi-Fan?

Lynne: Es war einfach so, dass mir beim zweiten Album ein Cover mit diesem futuristischen Konzept vorgeschlagen wurde – mit der Glühbirne im Weltraum. Was ich stark fand – und weshalb ich für „Out Of The Blue“ ein richtiges Raumschiff verwendet habe. Dabei ist es geblieben, einfach weil ich diesen Kram liebe. Also ich interessiere mich sehr dafür, und ich habe das Glück, dass ich Brian Cox, den Physiker, kenne. Ein toller Kerl, der mir ständig Sachen erzählt, von denen ich noch nie gehört habe.

Ist das Raumschiff der ´78er Tour noch irgendwo eingelagert?

Lynne: Ich fürchte, es ist schon vor Jahren auseinandergefallen. Also nicht lange nach der ´78er Tour, bei der das Teil ja Tausende von Kilometern zurückgelegt hat. Wir brauchten nicht weniger als sieben LKWs, um es zu verladen. Außerdem war der Aufbau so kompliziert, dass wir es nur bei jedem zweiten Gig einsetzen konnten, aber nicht jeden Abend, weil das logistisch nicht möglich war. Worüber die Leute, die es nicht erlebten, ziemlich sauer waren. Nach dem Motto: „Wo ist denn das verfluchte Raumschiff?“ – Und wir: „Oh, sorry, es scheint sich verflogen zu haben.“ (kichert)

Im September 2018 gehen Sie auf Deutschland-Tournee – kommt da wieder ein Raumschiff zum Einsatz?

Lynne: Nein, wir werden eher eine LED-Show dabei haben, wenn auch eine umwerfende. Also ähnlich wie bei dem BBC-Konzert im Hyde Park. Vielleicht sogar noch größer.

Demnach haben Sie Ihre Aversion gegen Tourneen abgelegt?

Lynne: Das könnte man so sagen. Und das hat damit zu tun, dass ich wieder Spaß an der Band habe. Das fing an mit der Hyde Park-Show 2015, die mich geradezu umgehauen hat. Denn bevor wir auf die Bühne gingen, hatte ich wirklich Angst. Ich konnte das Publikum nicht sehen, weil da meterhohe Absperrungen waren, die alles blockierten. Und als ich die Stufen zur Bühne nahm, dachte ich: „Hoffentlich ist es noch da.“ Doch dann traf mich die Erkenntnis, denn da waren 50 000 Leute, die einen Heidenkrach machten. Es war fantastisch – sie haben wirklich jeden Song mitgesungen und waren stellenweise lauter als ich. Ich war völlig gerührt – mit so etwas hätte ich nie gerechnet.

Also eine positive Überraschung?

Lynne: Es war wunderbar! Ein tolles Erlebnis. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe mich auf der Bühne nie so wohl gefühlt wie an diesem Abend. Allein wegen der Wärme und der Unterstützung, die vom Publikum ausgingen.

Hand aufs Herz: Macht es die moderne Technik einfacher, E.L.O. gemäß Ihren Vorstellungen auf die Bühne zu bringen?

Lynne: Und wie! Es ist eine völlig andere Welt. In den alten Tagen – also zum Beispiel auf der letzten großen Tournee von 1981/82 – war das Equipment, das uns zur Verfügung stand, einfach ein Haufen Schrott. Die Anlage war geradezu winzig im Vergleich zu dem, was es heute gibt, wie diese Millionen-Watt-Anlagen, die bei Festivals aufgefahren werden. Und die Verstärker sind auch viel besser, genau wie die Monitorboxen. Es ist eine andere Welt – und zumindest in dieser Hinsicht auch eine bessere.

Am 30. Dezember sind Sie 70 Jahre alt geworden, Wann veröffentlichen Sie Ihre Autobiografie?

Lynne: Vielleicht schon bald. Zumindest habe ich schon darüber nachgedacht bzw. viele Leute haben mich danach gefragt. Die Sache ist nur, dass das wahnsinnig zeitintensiv ist – und es mir nicht leicht fällt, die richtigen Worte zu finden. (lacht) Das könnte in meinem Fall also ewig dauern, weil ich wahrscheinlich dasselbe Problem haben werde, wie bei den Texten. Ich werde vor diesen weißen Blättern sitzen und sagen: „Gott, was soll ich nur schreiben? Welche Worte soll ich benutzen?“ Ich fürchte, das könnte verdammt hart werden.

Und wenn Sie es stattdessen mit einem Audio-Buch versuchen?

Lynne: Das ist eine tolle Idee! Das könnte funktionieren! Dann müsste ich nur jemanden finden, der meine Worte auf Papier überträgt. Hast du morgen schon was vor?

Sie meinen zum Abtippen?

Lynne: Ja, genau! (lacht)