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"Ich kann mich heute besser ertragen"

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Blues/Rock: Interview mit Chris Rea über sein Konzert am 22. Oktober im Rosengarten, das Unterwegssein und Lotto

Chris Rea kann es nicht lassen. Trotz schwerer Krankheit und erlittenem Schlaganfall geht der inzwischen 66-jährige Gitarrist und Songwriter wieder auf Konzertreise. Am 22. Oktober wird er im Rahmen seiner "Road Songs For Lovers"-Tour im Mannheimer Rosengarten Station machen. Natürlich mit seinen allseits bekannten Evergreens und seiner Slide-Gitarre, die er am liebsten gegen eine Trompete eintauschen würde. Warum er des Unterwegsseins nicht müde wird, erklärt er im Gespräch. Und er erteilt obendrein noch Tipps an Lottospieler.

Mister Rea, auf Ihrem neuen Album skizzieren Sie einmal mehr ein romantisches Bild des Unterwegsseins. Findet der Autofanatiker in Ihnen darin Ausdruck oder ist Ihnen das Heimelige ein Graus?

Chris Rea: Ich fuhr vor ein paar Jahren von meinem Haus in der englischen Grafschaft Berkshire rauf nach Manchester. Ungefähr bei Windsor war eine endlos lange Geschwindigkeitsbegrenzung ausgeschildert gewesen, und ich brauchte für die Drei-Stunden-Strecke mehr als vier Stunden. Natürlich fluchte der Autoverrückte in mir, aber meine Songwriter-Synapsen gerieten in Schwingung, als ich im Stau stand und die anderen Staugeplagten in ihren Autos beobachtete.

Entstand Ihr Weihnachtslied-Schlachtross "Driving Home For Christmas" nicht in einer ähnlichen Situation?

Rea: Exakt so war es. Das Unterwegssein ist für mich als Songschreiber von essenzieller Bedeutung. Die Songs meines neuen Albums entstanden, als ich darüber rätselte, ob die Paare in den Autos um mich herum glücklich miteinander waren. Jeder kennt das, du siehst zwei Leute, die nebeneinandersitzen und sich offensichtlich nichts zu sagen haben. Andere schwadronieren und gestikulieren unablässig. Du siehst traurige, geschäftige, wütende Gestalten und gleichst sie pausenlos mit deinem eigenen Leben ab. Aus diesen Situationen heraus entstand mein neues Album "Road Songs For Lovers".

Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?

Rea: Dass ich am liebsten unterwegs bin. Die Spezies Mensch kommt mit Statik nicht klar. Sicher, wir bauen, kaufen oder mieten uns hübsche Zuhause, weil wir glauben, dass wir Rückzugsorte brauchen. Dabei gewähren wir längst der ganzen Welt einen Blick durch unsere Schlüssellöcher über so genannte "soziale Medien". Und wenn wir mal zur Ruhe kommen, können es die Meisten kaum erwarten, das Haus wieder zu verlassen.

Der Österreicher André Heller sagte einmal: "Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück. Schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück."

Rea: Er ist ein kluger Mann! Wir suchen ein Leben lang nach Reaktionen von anderen, um uns selbst besser verstehen zu können. Das geschieht am effektivsten, wenn man Menschen begegnet, die einen nicht kennen. Diese Spiegelung daheim zu suchen, ist ein Trugschluss. Denn die Menschen, von denen man denkt, dass sie einen am besten kennen, wollen die Untiefen vielleicht gar nicht sehen, die wir alle besitzen.

Sind Sie selbst ein Suchender geblieben?

Rea: Hört die Suche nach der Selbstakzeptanz je auf? Ich kann mich heute ein bisschen besser ertragen als vor 30 Jahren. Aber die Vorstellung, mich selbstzufrieden in den Sessel fallenzulassen, ödet mich enorm an. Ich muss raus, ich muss in Bewegung sein, sonst werde ich griesgrämig.

Als wir uns das letzte Mal vor sechs Jahren in London trafen, trugen Sie eine große Ledertasche voller Insulin-Injektionen mit sich. Erlaubt es Ihnen Ihre Bauchspeicheldrüsenerkrankung überhaupt noch, lange unterwegs zu sein?

Rea: Ich kann leider nicht behaupten, dass es mir je wieder bessergehen wird, solange ich kein neues Organ bekomme. Im letzten Jahre erlitt ich einen Schlaganfall als Folge meiner Grunderkrankung. Ein Teil von mir will deswegen tatsächlich am liebsten im Sessel sitzenbleiben. Der andere, stärkere Teil treibt mich derzeit täglich zur Physiotherapie, damit ich die motorischen Fähigkeiten der drei Finger meiner linken Hand wiedererlangen kann, bevor ich auf Tour gehe. Es klappt von Woche zu Woche besser und es fühlt sich an wie ein Lottogewinn.

Haben Sie jemals Lotto gespielt?

Rea: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich tatsächlich vor ein paar Jahren ein Pfund ausgab für einen Lottoschein. Aber ich hatte auch einen guten Grund dafür. In meinem Kinderzimmer hing das Poster eines Sportwagen-Klassikers, der heute unfassbar teuer ist. Der stand damals zum Verkauf und ich spielte Lotto, um ihn mir kaufen zu können.

Dabei sind Sie doch ein wohlhabender Mann.

Rea: Ja, aber ich habe eine Familie, die gerne noch ein paar Jahre einigermaßen gut leben will. Ein Lottospieler sollte einen guten Grund dafür haben, warum er sein Geld verplempert. Nur aufs Schicksal zu bauen, finde ich plump. Dann bekommt man den Allerwertesten vielleicht im entscheidenden Moment, der das Leben in eine aufregendere Bahn lenkt, nicht hoch.

Sie begeben sich jetzt aber nicht auf Konzertreise, um sich von Ihren Gagen einen Sportwagen zu gönnen?

Rea: Den hatte ich doch längst! Nein, ich gehe auf Tour, weil mein Gehirn besser funktioniert, wenn ich in Bewegung bin. Das lässt sich sogar evolutionstechnisch belegen. Wir sind in Bewegung kreativer. Vermutlich, weil die ersten Exemplare unserer Spezies gejagt haben und dieses Vorbeischießen von Bäumen, Straßen und Bergen an unseren Augen Hormone freisetzt, die uns geistig wacher sein lassen.

Ist die Gitarre Ihre Lanze?

Ach, die Gitarre kann nichts dafür, aber ich werde sie wohl niemals meistern können.

Niemand kann die Gitarre meistern, aber stapeln Sie jetzt nicht ein bisschen arg tief?

Rea: Überhaupt nicht. Eric Clapton und Mark Knopfler waren schon mit 13 ausgezeichnete Gitarristen. Ich begann mit dem Gitarrenspiel als ich 21 Jahre alt war. Alles was du lernst, bevor du 30 bist, wirst du dein Leben lang abrufen können. Danach verlangsamt sich deine Lernfähigkeit, und was du bis dahin nicht spielen kannst, wirst du dir auch nicht mehr draufschaffen können. Ich bin sicher, dass Clapton die Blues-Pentatonik bereits mit 15 aus dem Effeff beherrschte. Mir fiel das Lernen ungleich schwerer, weil ich zu spät damit begann. Heute wäre ich gerne ein anderer Musiker.

Vermutlich David Gilmour, der einstige Gitarrist von Pink Floyd. Oder?

Rea: Sein Gitarrenspiel in 'Comfortably Numb' ist mein erklärtes Lieblingssolo aller Zeiten. Nein, ich wäre gerne Miles Davis. Für drei Noten, die ich auf der Slide-Gitarre spiele, brauchte er nur eine einzige, um ein ähnliches Gefühl viel effektiver vermitteln zu können. Und der Hund schaffte es auch noch, die eine Note wahlweise leise, aggressiv oder charmant klingen zu lassen.

Gehen Sie auch zum Zwecke der Feinjustierung Ihrer Musikalität weiterhin auf Tour?

Rea: Ich gehe auf Tour, weil es meinem Körper und meinem Geist guttut. Das ist der eine Grund. Der andere ist mein Sendungsbewusstsein. Wir erleben momentan den geradezu überwältigenden Auftritt einer Generation bei Facebook und im Fernsehen, die nicht weiß, dass es Bibliotheken, andere Kulturen und Wissen gibt. Alles was sie interessiert ist das Streben nach Reichtum und dem ganzen Mist, den die Promis besitzen, über die sie etwas im Fernsehen erfahren. Nennen Sie mich altbacken, aber angesichts dessen bin ich gerne als Antagonist unterwegs. Hoffentlich mit drei Fingern, die wollen, wie ich will.