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„Ich mache demokratische Musik“

Archivartikel

Jazz: Pianist Nik Bärtsch eröffnet die Mannheim Music Week mit einem Multimedia-Konzert im Trafowerk

Eine Welturaufführung gibt es zum Auftakt der Mannheim Music Week am Samstag, 11. Mai, um 20 Uhr: Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch zeigt im Mannheimer Trafowerk ein Multimedia-Projekt in Kooperation mit der britischen Video-Künstlerin Sophie Clements. Im Interview mit dem „Morgen Magazin“ erläutert Bärtsch die Grundzüge seine Arbeit. Das Gespräch wurde telefonisch geführt und zur Autorisierung vorgelegt.

Herr Bärtsch, in Mannheim treten Sie an diesem Samstag in einem umgestalteten Trafohaus auf einer schwimmenden Bühne auf. Was reizt Sie daran, Ihre Musik wie schon beim Enjoy-Jazz-Festival 2015 im Heidelberger EMBL (Europäisches Labor für Molekularbiologie) im Zusammenhang mit Architektur aufzuführen?

Nik Bärtsch: Musik erklingt ja immer in einem Raum. Die Menschen, die spielen oder zuhören, sind maßgeblich davon beeinflusst, was man wie hört und dazu sieht. Das war von Anfang an für mich ein wesentlicher Faktor, so dass ich auch bei konventionelleren Konzerten immer einen Licht- und Sound-Menschen dabei habe, um das Erlebnis eines Konzerts stimmiger zu machen. Damit die Menschen, die zuhören, besser eintauchen können und man sie auch respektiert in ihrer Rolle als sinnliches Ganzes.

Hat diese Faszination für Räume mit dem konstruktivistischen Ansatz Ihrer Musik zu tun? Sie wirkt auf mich selbst wie ein Klanggebäude, das aus kleinmotivigen Bausteinen – Sie bezeichnen sie als Module – zusammengesetzt ist.

Bärtsch: Für mich ist das Wichtigste bei der Musik ihre Unmittelbarkeit, die mich als Kind schon überwältigt hat. Musik hat mir immer eine Art Lebensenergie gegeben. Als Künstler gilt für mich aber auch das, was Igor Strawinsky gesagt hat: Durch Einschränkung entsteht sehr viel Freiheit. Er hat damit gemeint, dass wir, wenn wir uns ein vernünftiges, kleines Konstrukt bauen, darin ungeheuer viel Freiheit entfalten können. So wie wenn wir eine interessante Wohnung haben, in der wir uns einrichten und die wir ständig verändern. Diese Mischung aus formaler Kohärenz und sinnlicher Freiheit hat mich immer sehr fasziniert.

Warum haben Ihre Kompositionen so nüchterne Bezeichnungen wie „Modul 60“ oder „Modul 29_14“?

Bärtsch: Ich gebe den Stücken sehr oft technische Titel, weil ich nicht so viel poetische Lehrmeisterei verbreiten möchte. Ich möchte es gerne dem Publikum überlassen, was es darin poetisch hört. Da habe ich eine ganz klare zen-mäßige Haltung: Wenn wir versuchen, uns mit Bedeutung zu inszenieren, kann das schnell in eine zu eindeutige Richtung gehen, bei der man das Publikum wie ein Schulmeister belehrt. Wir möchten aber Musik machen, die in einem bestimmten Sinn demokratisch ist. Die verführt und sinnlich begeistert, aber gleichzeitig die Menschen als mündige Zuhörerinnen und Zuhörer respektiert. Diese Bedeutung entsteht aus der Form und aus einer schlüssigen Dramaturgie.

Ich denke, emotionaler Ausdruck ist nicht das, wonach Sie in erster Linie trachten?

Bärtsch: Wir können Emotionen nicht quasi in die Musik hineinschreiben. Und sie nicht überfrachten mit, zugespitzt gesagt, romantischem Inhalt. Die Emotionalität muss aus der Musik selbst heraus entstehen. Die emotionale Energie, die muss das Werk zusammen mit den Wahrnehmenden leisten. Das hat auch mit dem Respekt zu tun gegenüber dem musikalischen Material, mit dem man arbeitet.

Das klingt nun eher rational. Gleichwohl entfaltet Ihre Musik durch die repetitiven Rhythmen aber eine sehr suggestive, tranceartige Qualität. . .

Bärtsch: Ich glaube, das hat mit einer Kinetik zu tun, die aus unserer menschlichen Natur heraus entsteht. Ich finde es spannend, wenn eine Kunstform die Saiten in uns zum Klingen bringt, die uns tanzen lassen und genießen lassen, und die auch unsere körperliche Fähigkeit zur Philosophie, zur Metaphysik und zur Transzendenz in Gang bringt. Das kann man allerdings nicht beides erreichen – dass man denkend und quasi im Jetzt verweilt und gleichzeitig in Schwingung kommt. Doch eine rituelle Energie, wie wir sie etwa vom Tanzen kennen oder von sportlichen Tätigkeiten wie längere Zeit rennen oder radfahren, diese Energie interessiert mich. Das ist so eine Art kinetische, rituelle Energie. Die erlaubt uns, wie bei einem guten Essen, Energie aus der Musik aufzunehmen, die uns zu überleben hilft.

Ihre Ensemble-Musik wirkt besonders durch ihre Vielschichtigkeit und Verdichtung. Wie wird diese Musik klingen, wenn Sie sie in Mannheim als Solo-Pianist darbieten?

Bärtsch: Wenn man alleine ist, entsteht natürlich eine Reduktion. Aber auch eine Erweiterung – dadurch, dass man den Klang des Klaviers und sein Potenzial ganz anders wahrnimmt. Beim Soloklang hört man jedes Detail. Und genau das ist das Spannende. Gleichzeitig ist das Klavier aber auch wie ein Mini-Orchester, und ein Pianist hat die Funktion, mit sich selbst zu spielen. Diese wunderbare Paradoxie finde ich faszinierend als Musiker.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Künstlerin Sophie Clements verlaufen, in deren Rauminstallation Sie in Mannheim auftreten?

Bärtsch: Wir haben uns 2008 beim Punkt-Festival in Norwegen getroffen. Seither haben wir Musik, Bilder und Ideen ausgetauscht, zum Thema der Elemente Raum, Wasser, Licht und Luft in ihrem resonierenden Zusammenspiel mit Musik. Das Programm „When The Clouds Clear“ haben wir speziell für diese Gelegenheit entwickelt. Es gab eine lange Vorlaufzeit und präzise Probenarbeit. Musik, Raum und Klang sind teilweise synchronisiert. Es gibt, wie üblich in meiner Arbeit, auch modulare Freiheiten. Diese Mischung wollten wir ausarbeiten und in eine Dramaturgie bringen.