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„Ich spüre Druck, aber auch Spaß“

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Das Interview: Christian Weise, neuer Hausregisseur am Nationaltheater, über seine „Die Räuber“-Inszenierung

Mannheim.Mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ stellt sich der neue Hausregisseur am Nationaltheater, Christian Weise, am 28. September dem Mannheimer Publikum vor. Wir sprachen mit dem Theatermacher, der in der Quadratestadt vor 15 Jahren auch seine ersten Erfahrungen als Regisseur gesammelt hatte, über seine Inszenierung, seinen Umgang mit Klassikern und darüber, wie das Mannheimer Schauspiel zum Start in die Spielzeit 2018/2019 unter der neuen Intendanz von Christian Holtzhauer aufgestellt ist.

Herr Weise, Schiller in der Schillerstadt Mannheim zu inszenieren – und gerade „Die Räuber“, die hier 1782 uraufgeführt wurden – setzt einen das unter besonderen Druck?

Christian Weise: Ja, auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, dass es hier an diesem Theater durch seine Geschichte mit diesem Stück eine große Erwartungshaltung gibt. Aber ich weiß auch, dass wir diese Erwartungshaltung in jedem Falle brechen werden, egal was wir mit den „Räubern“ anstellen. Deswegen spüre ich den Druck, aber auch den Spaß daran.

Welche Rolle spielen Schiller und der Freiheitsbegriff in einer Zeit, in der die liberale Gesellschaft unter Beschuss geraten scheint?

Weise: Der Begriff Freiheit wird bei den „Räubern“ oft verwendet, aber es bleibt diffus, für was er eigentlich steht. Karl hat keine Vision, er folgt keiner definierten politischen Richtung. Er will sich frei machen von familiären Bindungen, weiß aber gar nicht, wohin sich seine ungeheure Energie richten soll. Das hat viel mit uns heute zu tun, denke ich. Unsere Gesellschaft, in der wir leben, will und muss sich erneuern, aber weiß gar nicht wie. Viele tönen herum, dass sich das System verändern muss, dass irgendetwas passieren muss, aber keiner weiß eigentlich so richtig was.

Wie sind Sie an die Inszenierung herangegangen?

Weise: Ich habe nach einem Zugriff gesucht, nach einer Folie, die das Stück in einen Kontext stellt, der mir den Text verständlicher macht. Diese Folie soll zusammen mit dem Stück etwas über meine heutige Erfahrung von Welt erzählen. Da interessiert mich das Phänomen des Stillstands in unserer Gesellschaft. Deshalb sind meine „Räuber“ uralt. Sie haben sich in einem Dschungel verirrt, vielleicht auf der Suche nach einer verlorengegangenen Identität, und sie spielen „Die Räuber“. Acht Schauspielende, vier Männer, vier Frauen, hören sich das alte Stück auf Platte an und schlüpfen in die Rollen, um das Gefühl des „Sturm und Drangs“ zu erleben. Das Gefühl, dass Kultur verlorengeht, dass früher alles besser war, die Angst, seine Identität zu verlieren, wird ja immer größer. Nur, was ist eigentlich unsere sogenannte deutsche Kultur? Wie definiert sie sich? Diesen Fragen versuche ich mit dieser Setzung nachzugehen. Ist ja auch höchst interessant in einer Stadt wie Mannheim, das zu tun.

Also Theater auf dem Theater?

Weise: So kann man das sagen.

Dabei verkörpern die Schauspielerinnen auch Männerrollen?

Weise: Naja, wie das halt immer so in einer Spielgruppe ist, die kleiner als die eigentliche Besetzung des Stücks ist. Da gibt es ganz unterschiedliche Typen, Frau oder Mann, und die interessieren sich für bestimmte Rollen, männlich oder weiblich, die sie spielen wollen. Da passt schonmal gendertechnisch die eine oder andere Rolle mit dem Darsteller nicht ganz zusammen. Mich interessiert am Theater die größtmögliche Distanz des Schauspielers zur Rolle. Deshalb ist mir das ganz recht.

Musik spielt eine große Rolle dabei?

Weise: Ja, bei mir immer. Ich habe immer Livemusik dabei, weil ich meine Inszenierungen in ihrer Struktur wie Kompositionen begreife.

Am Nationaltheater haben Sie ja ach schon zuvor Regie geführt …

Weise: Vor 15 Jahren habe ich hier meine Regietätigkeit angefangen, 2002 mit „Iphigenie auf Aulis“. Das war meine allererste Regiearbeit.

Es folgten weitere …

Weise: Ja, ich habe hier drei Stücke gemacht. „Das Leben ein Traum“ und „Kasimir und Karoline“ kamen bis 2004 noch dazu.

Mit dem neuen Schauspielintendanten Christian Holtzhauer sind Sie durch eine lange Zusammenarbeit verbunden. Wie ist das Schauspiel in Mannheim denn zur neuen Spielzeit aufgestellt?

Weise: Ein homogenes Ensemble aufzustellen, was den unbedingten Spieltrieb betrifft, war für uns sehr wichtig. Wir haben 100 Schauspielerinnen und Schauspieler gecastet. Bei so vielen Leuten bekommt man einen Überblick. Es war toll, zu sehen, dass es so viele gute Leute in Deutschland gibt. Wir konnten ein Ensemble zusammensetzen, mit dem wir jetzt sehr froh sind. Ich habe das Gefühl, wir können zusammen etwas erreichen. Ein gemeinsames Gefühl für das Spiel, für ein Sein, für Haltungen auf der Bühne. Ich will mal nicht zu hoch greifen und „Mannheimer Dramaturgie“ sagen (lacht) oder „Mannheimer Schule“. Es wäre aber schön, wenn wir es schaffen würden, eine gemeinsame Richtung zu finden, die uns für eine gewisse Zeit prägt und die auch nach außen strahlt. Das wäre auf jeden Fall in meinem Sinn.

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