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„Ich war schon ein bisschen neidisch“

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Interview mit Pink Floyds Schlagzeuger Nick Mason, der die alten Schätze seiner Band live aufleben lässt

Seit Jahren ärgert sich Nick Mason über die Solo-Aktivitäten seiner ehemaligen Pink-Floyd-Kollegen. Jetzt steigt der Schlagzeuger selbst in den Ring: Seine neue Band Saucerful Of Secrets (SOS) ist ein Mittel zur Frustbewältigung und zur Pflege des psychedelischen Frühwerks, das Waters und Gilmour bei ihren Tourneen meiden. Mason ist ein gemütlicher, älterer Herr: Ein bisschen füllig, mit Lachfalten, schütterem Haar, einer redseligen Art und einem regelrechten Overkill an musikalischen Großprojekten.

Sei es sein neues Boxset „Unattended Luggage“ oder die erste Deutschland-Tournee seiner frisch formierten All-Star-Band SOS. Die führt ihn am Samstag, 15. September, in die Stuttgarter Liederhalle. Am selben Tag öffnet die große Pink-Floyd-Ausstellung „Their Mortal Remains“ im Dortmunder U, die bei ihrem Start Ende August 2016 im Londoner Victoria & Albert Museum (V&A) weltweit für Aufsehen gesorgt hat. Man sieht: Der 74-jährige Mason ist so beschäftigt und gefragt wie seit Jahren nicht mehr. Und das genießt er – so zeigt sich beim Interview im Büro seiner Londoner Plattenfirma – in vollen Zügen.

Mister Mason, vor zwei Jahren waren Sie die treibende Kraft hinter dem Boxset „The Early Years“, das sich dem Frühwerk von Pink Floyd widmete. War das der Startschuss für die kommende Solo-Tour, die ganz im Zeichen dieses Materials stehen soll?

Nick Mason: Das war eher die Pink-Floyd-Ausstellung im Londoner Victoria & Albert-Museum. Eine Sache, die mir wirklich Spaß gemacht hat – bis mir klar wurde: „Hey, du sprichst so viel über Dinge, die schon so lange zurückliegen, dass du gar nicht merkst, dass du selbst Teil dieser Museumsausstellung bist. Dass du etwas Historisches verkörperst.“ Das hat mich erst einmal umgehauen, aber auch den Wunsch geweckt, noch einmal live zu spielen. Was ich in den letzten 20 Jahren kaum getan habe. Ich habe zwar mal hier und da ausgeholfen, aber das war´s dann auch. Also definitiv zu wenig für jemanden, der so gerne spielt wie ich.

Was passierte dann?

Mason: Lee Harris, der Organisator der V&A-Ausstellung, bekam das mit - und kontaktierte Guy Pratt, einen gemeinsamen Freund, ob er nicht Lust hätte, eine Band mit mir zu gründen. Ich wurde also gar nicht gefragt. Und Guy war so enthusiastisch, dass er mich regelrecht mitgerissen hat. Dann kamen noch Gary Kemp hinzu, der nicht minder enthusiastisch war, und Dom Beken, ein wahnsinnig guter Keyboarder. Ich meinte zu ihnen: „Warum proben wir nicht ein paar Tage und schauen, was dabei herauskommt?“ Doch schon nach der ersten Probe war mir klar: „Wow, ist das toll! Lasst uns ein paar Konzerte spielen.“ Die wurden dann so gut aufgenommen, dass es uns alle überrascht hat. Wir konnten es kaum fassen, wie begeistert die Zuschauer waren. Ein Indiz dafür, dass wir alles richtig machen–- dass wir es so hinkriegen, wie es sein sollte. Dass wir nicht einfach eine weitere Tribut-Band sind und nur die Platten nachspielen – was ich für extrem langweilig halte.

Ein Seitenhieb auf all die Pink Floyd-Coverbands, die seit Jahrzehnten durch die Lande ziehen?

Mason: Und die ich sterbenslangweilig finde. Eben weil sie nur reproduzieren – aber sie haben nichts Eigenständiges, nichts Individuelles. Sie trauen sich nicht, die Vorlage – also das Original – im Geringsten zu verändern. Sie halten sich starr daran fest und das ist mir zu wenig. Sorry, wenn ich das so offen sage…

Hand aufs Herz: Waren Sie manchmal ein bisschen neidisch, wenn Sie Roger Waters und David Gilmour auf der Bühne erlebt haben? Also als aktive Musiker, während Sie auf die Rolle des Zuschauers beschränkt waren?

Mason: Ein bisschen schon. Das kann ich nicht leugnen. Nur: Ich wollte nicht dasselbe machen, wie sie. Es ging mir nicht darum, mich mit ihnen zu messen. Nach dem Motto: „Mal schauen, wer von uns das bessere „Comfortably Numb“ oder was auch immer hinkriegt.“ Das war nicht meine Absicht – und ich wollte auch nie so eine aufwändige Produktion wie sie. Ich wollte einfach nur spielen und Spaß haben.

Warum konzentrieren Sie sich auf das Frühwerk von Pink Floyd – etwa weil Waters und Gilmour einen Bogen um das Material aus den Jahren mit dem 1968 verabschiedeten und 2006 verstorbenen Frontmann Syd Barrett machen?

Mason: Es ist in der Tat so, dass es so etwas wie mein persönlicher Spielplatz ist. Aber es ist auch Material, mit dem man herumspielen kann, ohne gleich in Grund und Boden kritisiert zu werden. Sprich: Es eignet sich hervorragend zur Improvisation. Auf eine Art und Weise, wie das mit „Dark Side Of The Moon“ oder „The Wall“ unmöglich wäre. Einfach, weil die Leute ganz genaue Vorstellungen davon haben, wie sie diese Sachen hören wollen. Mit den frühen Stücken ist das anders, da ist eine gewisse Freiheit vorhanden. Und das liebe ich. Im Sinne von: „Hier ist eine andere musikalische Idee. Warum probieren wir die nicht aus?“ Wobei die Songs zum Teil viel komplexer sind, als ich sie in Erinnerung hatte.

Da Sie die Band nach dem zweiten Floyd-Epos von 1968 benannt haben, handelt es sich dabei um Ihr persönliches Lieblingsalbum aus dem Band-Repertoire?

Mason: Ich nenne es sehr oft mein Lieblingsalbum von Pink Floyd. Und sei es nur, weil sich darauf eine Menge Sachen finden, die wir in den Jahren danach systematisch weiterentwickelt haben. Also Ideen, die auf diesem Album basieren und die verdeutlichen, dass wir damals in einer extrem kreativen Phase waren. Aber: Ich mag auch Passagen von „Dark Side Of The Moon“ und von Stücken wie „Comfortably Numb“. Wenn ich meine Lieblingssongs von Floyd zusammenstellen müsste, wäre da auch „High Hopes“ vom „Division Bell“-Album dabei.

Wenn die frühen Stücke so toll sind, warum haben Pink Floyd dann irgendwann aufgehört, sie zu spielen?

Mason: Weil sich das Songwriting in eine andere Richtung entwickelt hat. Roger schrieb viel persönlichere Sachen als es Syd es je getan hat. Das ist sein Hauptaugenmerk bei den Texten. Und der große Konflikt zwischen David und Roger basierte ja auf Rogers mangelndem Respekt gegenüber seinen Mitstreitern. Er hat ernsthaft geglaubt, dass Gitarre spielen und Singen nicht so wichtig wie das Schreiben sind. Natürlich darf jeder eine Meinung haben, aber in einer Bandsituation ist jeder genauso wichtig wie der andere. Das hat sich nach Syd merklich verschoben – und deshalb wirkten die frühen Stücke oft wie Fremdkörper.

Ihre neue Band umfasst Gary Kemp von Spandau Ballet als Sänger. Eine Wahl, die für heftige Diskussionen gesorgt hat. Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?

Mason: Natürlich habe ich das. Nur: Hätte ich einen Syd Barrett-Doppelgänger gewollt, hätte ich auf eine Reihe von Leuten oder auf ein Hologramm zurückgreifen können. Nur: Das war nicht das, was ich wollte. Mir ging es darum, die alten Sachen neu und möglichst frei zu interpretieren. Also nicht, wie es The Australian Pink Floyd oder wer auch immer tun, sondern das exakte Gegenteil. Ich möchte, dass diese Band Spaß beim Spielen hat und nicht gelangweilt auf der Bühne steht. Dass nicht nur eine Ansammlung von guten Einzelmusikern ist.

Darf man fragen, wie psychedelisch Ihre Live-Show ausfällt? Die Konzertplakate erinnern an Auftritte im Londoner Space Club 1966/67…

Mason: Na ja, wir spielen mit der damaligen Grafik, aber ich trage schon lange keinen Bart mehr. Und ich schlucke auch keine Zuckerwürfel mit LSD, bevor es auf die Bühne geht.

Wie steht es mit quadrophonischem Sound und psychedelischem Licht? Ist das Teil der Präsentation?

Mason: Wenn es irgendwie geht, ja. Es hängt von der Größe der Hallen ab, in denen wir auftreten. Wenn da Platz ist, werden wir den nutzen. In den winzigen Clubs, in denen wir bislang gespielt haben, war das nicht möglich. Da waren wir sehr eingeschränkt. Aber im Herbst werden wir das garantiert am Start haben. Halt nur keine hydraulischen Bühnen und solche Sachen. Die hatten wir damals nicht, und deswegen muss es auch heute nicht sein.

Ihre Wiederveröffentlichung und die Tournee gehen Hand in Hand mit der Eröffnung der Pink-Floyd-Ausstellung in Dortmund. Wie ist das, ein museales Exponat beziehungsweise ein Stück Rockgeschichte in Glasvitrinen zu sein?

Mason: Es ist seltsam, und das gebe ich offen zu. Es war auch nicht meine Idee bzw. die der Band, sondern wir haben uns tatsächlich lange dagegen gesträubt, weil wir uns so gar nicht damit anfreunden konnten. Weil wir uns nicht als etwas Museales sahen. Aber Martin Ross, der Direktor des V&A, der 2017 verstorben ist, hat uns letztlich doch überzeugt. Ich habe mich mehrfach mit ihm getroffen, um das zu besprechen, und er meinte: „Wir glauben, dass Pink Floyd die richtige Band dafür ist.“

Warum?

Mason: Er begründete das damit, dass wir ähnlich visionäre und visuelle Künstler seien wie Bowie, dessen Ausstellung er ebenfalls organisiert hatte. Und weil die so erfolgreich war und wir dachten, dass er weiß, was er tut, gaben wir schließlich nach - auch wenn ich bis zum Schluss Zweifel hatte.

Inwiefern?

Mason: Weil Bowie ein umfangreiches Archiv hatte. Er hat alles aufgehoben, was er je eingesetzt hat – was bei uns nicht der Fall war. Im Vergleich zu ihm waren wir absolut chaotisch und mussten erst einmal zusammentragen, was wir brauchten.

Wobei das Besondere der Ausstellung darin besteht, dass sie zeigt, wie Pink Floyd als Band funktionieren, wie sie die Technik einsetzten und was hinter den Kulissen passierte.

Mason: Ganz genau. Und mir war lange nicht klar, was wir da zeigen können und wie wir das hinkriegen. Das hat sich mir erst nach und nach eröffnet.

Inwieweit sind Sie bei der Dortmunder Ausstellung involviert? Schauen Sie öfter vorbei? Werden Sie den Fans die einzelnen Exponate erklären und als Guide fungieren?

Mason: Um Gottes Willen! (lacht) Definitiv nicht! Zumal das gar nicht nötig ist. Bei der ganzen Technik, die da im Spiel ist, braucht man keinen Guide. Man setzt einfach einen Kopfhörer auf und bekommt alles erklärt. Viel besser als von mir.