Veranstaltungen

Kunst als soziale Übung

Wunder der Prärie: Zeitraumexit richtet zum zehnten Mal das internationale Performance-Festival aus

Mannheim.Mit Wunder der Prärie (WdP) geht ein Mannheimer Festival in die zehnte Runde, das sich binnen einer Dekade nicht nur in Stadt und Land, sondern grenzüberschreitend einen ausgezeichneten Ruf erspielt hat. In der Jubiläumsausgabe konzentrieren sich die Macher vom Zeitraumexit auf einen Aspekt, der zweifellos zum besonderen Reiz und Erfolg des "Internationalen Festivals für Performancekunst und Vernetzung" beigetragen hat: auf die Zusammenarbeit und Interaktion zwischen Künstlern und Publikum - und "auf die Aufführung als soziale Übung".

Unter dem Titel "Social Body Building" präsentiert das elftägige Programm mithin internationale künstlerische Positionen und Debatten, die sich mit Partizipation und politischer Entscheidungsfindung auseinandersetzen und sich dem "Verhältnis zwischen Publikum und Kunstwerk und der Aufführung als gemeinschaftsstiftendem Moment" widmen.

Verlorene Ideale des Netzes

Den Auftakt im Zeitraumexit bestreitet am Donnerstag, 14. September, "The Guardians of Sleep", eine Performance, bei der Künstler David Weber-Krebs mit seinen Performern und dem Publikum einen Mikrokosmos sozialer Verantwortung im Theater erschafft - indem er das Einschlafen als Grenze zwischen Ausgeliefertsein und Kontrolle inszeniert.

Julian Hetzels "The Automated Sniper" bezieht das Publikum in die Auseinandersetzung mit der "Gamification der Gewalt" ein - absurder Kommentar zum modernen Krieg, aktueller Tanz, kritisches Pamphlet und heikles Spiel in einem.

"My Fiction_Future - Eine Suchbewegung" ist ein performativer Parcours von Wolfgang Sautermeister, mit Unterstützung verschiedener Künstler entwirft eine Gruppe Mannheimer Jugendlicher und junger Erwachsenen hierbei ein "Zukunfts-Spiel", in dem Autobiografisches und frei Erfundenes untrennbar verwoben sind.

Mit "The European House of Gambling - Ein Casino für Alle" laden Tanja Krone und ihre internationale Spieltruppe die Besucher zu einer waghalsigen Melange aus Spielhölle, Schaubude und Wettkampfarena ein; und Anna Mendelssohns "Amazon - River Deep" erzählt von einer Reise durch ein von Multikonzernen definiertes Zeitalter, in dem das Internet Ideale wie gleichberechtigten und freien Wissenszugang für alle verloren hat. "Wir - ein Solo" ist die Begegnung eines Performers - Andreas Liebmann - mit dem Publikum, welche "die utopische Vereinigung der Einzelnen im Raum des Poetischen" versucht.

Die Live-Video-Performance "Superquadra" von F. Wiesel (Hanke Wilsmann/Jost von Harlessem) macht die Umbau-Chronik eines Gebäudekomplexes zum Science-Fiction-Film und erzählt dabei die Geschichte vom Ende der Architektur. Und beim "Kolleg zur Wiederentdeckung des Klassenbewusstsein" des Theaterkollektivs ongoing project werden in einem Audioessay praktische Anweisungen und Reflexionen zum Klassenbewusstsein erfahrbar. Zum Aufführungs-Abschluss präsentiert dann Daniel Weber-Krebs seine Performance "Tonight, Lights Out!", 2011 bei WdP uraufgeführt.

Daneben ist täglich Rodrigo N. Albornoz' interaktive Installation "Dance in the Volcano" zugänglich, und unter dem Titel "The Thing - an Automatic Workshop in Everyday Disruption" richten Ant Hampton und Christophe Meierhans zwei jeweils viertägige "automatische Workshops" ein (Anmeldung bis drei Tage vorher unter info@wunderderpraerie.de).

Beim das Festival begleitenden "Konvent" wird daneben ein Regelwerk für die "Artfremde Einrichtung" entwickelt: Bei diesem Experiment öffnet Zeitraumexit nach Wunder der Prärie ein halbes Jahr seine Räume für alle, die sich in einem demokratischen Verfahren darum bewerben, den Ort einen Monat lang zu bespielen. Bei der Konferenz "Art, Politics and the Institution - A European Summit" treffen sich überdies Kulturschaffende aus verschiedenen Ländern, um über die politische Rolle von Kultureinrichtungen in Europa zu diskutieren. Das Festival endet am 24. September mit einem kinderfreundlichen "Wahlsonntag für alle, die nicht wählen dürfen".