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„Lachen ist das Wichtigste“

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Das Interview: Palazzo-Moderator Dustin Nicolodi über die Kunst des Humors

Mannheim.„Zaubern? Kann ich nicht“, sagt Dustin Nicolodi alias The Great Coperlin und lacht. Er sitzt im Trainingsanzug hinter den Palazzo-Kulissen des Spiegelzelts, wo er bald nicht nur in der Manege stehen, sondern auch durch den Abend führen wird. Während überall gehämmert und geschraubt wird, plaudert er frei über seine charmant-komische Kunstfigur, sich verändernde Erwartungen an Zirkusnummern und die anstehende Show.

Herr Nicolodi …

Dustin Nicolodi: Dustin, bitte.

Dustin, du kommst aus einer Zirkusfamilie, bist im Zirkus Knie zur Welt gekommen und wolltest nie was anderes machen. Wirklich?

Nicolodi: Eigentlich bin ich in Paris geboren, aber schreib ruhig, dass ich im Zirkuszelt zur Welt gekommen bin, das klingt spannender (lacht). Aber ja, ich wollte immer auf die Bühne. Ich hatte zwar die Wahl, aber ich habe ja das Artistenleben jeden Tag bei meinem Vater gesehen, das hat mich immer fasziniert. Das wollte ich auch machen.

Ursprünglich hast du nach der Zirkusschule als Handstandartist angefangen, warst erfolgreich, bis dich eine Schulterverletzung zum Umsatteln gezwungen hat. Die Figur des großen Coperlin hast du gemeinsam mit deinem Vater entwickelt. Erzähl’ mir ein bisschen von ihr.

Nicolodi: Nun, Coperlin ist ein Las-Vegas-Zauberer und Jongleur, aber nicht von heute, sondern aus den glitzernden und schillernden 1950er-Jahren, der Zeit der großen Revuen und Shows. Er hält sich selbst für den größten Zauberer überhaupt, für einen Gigolo und unwiderstehlich – auch wenn ihm wohl schon bewusst ist, dass er seine besten Tage hinter sich hat und nicht mehr alles klappt. Ich halte ihn trotzdem für einen sympathischen Kerl, der sehr charmant ist und mit dem man viel Spaß haben kann…

Klingt, als seid ihr ganz gute Freunde?

Nicolodi: Oh, ja, wir verstehen uns gut! (lacht) Man muss einfach über ihn lachen, wenn immer alles ganz furchtbar schiefgeht.

Gibt es den Coperlin nur auf der Bühne oder bist du auch privat lustig?

Nicolodi: Privat bin ich eigentlich eher schüchtern und zurückhaltend . Aber ich mag es einfach, wenn die Leute lachen, das ist immer mein Ziel. Man darf nicht alles so ernst nehmen. Aber wenn ich von der Bühne runtergehe, bin ich ein anderer Mensch.

Du kennst beide Herausforderungen: Ist es schwieriger, die Zuschauer zum Lachen oder zum Staunen zu bringen?

Nicolodi: Definitiv zum Lachen. Wenn du eine gute Leistung bringst, einen Handstand machst, einen Sprung, dann staunen sie. Aber Humor ist keine generelle Sache. Das merke ich immer wieder, wenn ich in verschiedenen Ländern auftrete. Was in Deutschland funktioniert, zündet nicht unbedingt in der Schweiz oder in Paris. Meistens brauche ich etwa eine Woche, um mich auf einen neuen Auftrittsort einzustellen und Kleinigkeiten anzupassen. Das Publikum ist ja auch nicht in jeder Vorstellung gleich; Kinder lachen über andere Witze als Erwachsene. Da haben wir Komiker es besonders schwer; wir sind keine Comedians. Hier geht es nicht um Sprache oder aktuelle Bezüge. Mimik und Ironie spielen eine große Rolle, und Timing ist alles.

Also eine komplizierte Sache …

Nicolodi: Eigentlich ist mein Humor ganz simpel (lacht), und meist lachen die Leute über die einfachsten Sachen am meisten. Ich will auch gar keine anspruchsvollen Nummern machen. Das Publikum soll sich entspannen, abschalten. Das Leben ist kompliziert genug.

Was macht für dich gute Unterhaltung aus?

Nicolodi: Vor allem darf ich mich nicht langweilen. Wenn man schon so viel gesehen hat und selbst fast jeden Abend auf der Bühne steht, ist das allerdings ziemlich schwierig, eine wirklich unterhaltsame Show zu finden. Ich mag es schnell, lustig – Lachen ist sowieso das Wichtigste.

Haben sich die Erwartungen in den letzten Jahren verändert?

Nicolodi: Das auf jeden Fall! Wir sehen und kennen heute alle viel mehr. Früher war das Publikum beeindruckt, wenn du einen Salto oder einen Handstand gemacht hast – heute haben das alle schon hunderte Male im Fernsehen oder auf YouTube gesehen. Das reicht nicht mehr. Das ist tatsächlich ein Problem für einige Artisten.

Das heißt, der Anspruch an die Künstler ist gestiegen?

Nicolodi: Nicht unbedingt der Anspruch an einzelne Kunststücke, aber an die Show insgesamt. Teils haben Artisten früher härter trainiert und schwierigere Nummern gezeigt, aber sie hatten keine richtigen Choreographien. Heute muss alles stimmen, das Gesamtbild ist viel wichtiger geworden als das reine Können. Da sind die Ansprüche tatsächlich verändert.

Wie bereitest du dich auf deine Aufgabe im Palazzo vor, wenn du nicht nur als Coperlin auf der Bühne stehst, sondern auch Kollegen präsentierst?

Nicolodi: Natürlich kenne ich die Show von den Proben, und mit vielen Artisten habe ich auch schon in anderen Produktionen zusammengearbeitet – wir begegnen uns immer wieder. Wenn man von mir möchte, dass ich moderiere, mache ich das gerne, auch wenn ich kein gewöhnlicher Moderator bin. Ich halte es kurz, damit die Leute nicht verhungern, und verstehe meine Aufgabe darin, das Publikum auf den Abend vorzubereiten, ihm die Befangenheit zu nehmen und die Stimmung aufzulockern. Gerade am Anfang weiß ja nie jemand, wie man sich in einer Zirkusgala mit Dinner benehmen darf. Da haben viele Hemmungen, zu applaudieren oder zu jubeln. Die nehme ich ihnen.

Auf welche Nummern freust du dich bei dieser Palazzo-Saison am meisten?

Nicolodi: Wir sind 36 Artisten, und ich kenne gut die Hälfte von früher. Besonders freue ich mich, dass mein bester Freund Ivan Peres den Abend mit seiner Handstandakrobatik eröffnet. Auch das Trio Bellissimo, drei Akrobatinnen aus der Ukraine, die unglaubliche Menschenpyramiden machen, ist toll. Und natürlich freue ich mich auf das Todesrad: Das gab es noch nie in einem Spiegelpalast! Das ist neu, auch für uns andere Artisten. Das war bisher nur im Zirkus zu sehen und ist echt gefährlich.

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