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„Letztendlich geht es um Angst“

Interview: Brit Bartkowiak zu Thomas Arzts Heidelberger Uraufführung „Die Anschläge von nächster Woche“

Heidelberg.Der österreichische Dramatiker Thomas Arzt, der bereits mit „Grillenparz“ und „Alpenvorland“ beim Heidelberger Stückemarkt vertreten war, hat ein Stück für das Theater und Orchester Heidelberg geschrieben. In „Die Anschläge von nächster Woche“ geht es um einen Mann, der bei allen Terroranschlägen der vergangenen Jahre vor Ort war und deshalb unter Verdacht gerät. Die Regisseurin Brit Bartkowiak sprach mit dieser Zeitung über die am Freitag, 9. Februar, anstehende Uraufführung.

Frau Bartkowiak, die Geschichte um Armin, der verdächtigt wird, ist ja nur die vordergründige Handlung. Worum geht es eigentlich?

Brit Bartkowiak: Also ich würde sagen, letztendlich geht es um Angst in ihren ganzen Auswüchsen. Es gibt eben besagten Armin, einen Veranstaltungstechniker, der tatsächlich, wie es der Zufall will, immer genau da ist, wo Anschläge passieren. Das Interessante ist aber, für wen er arbeitet, nämlich für einen ominösen Tartini, der so eine Mischung aus Magier, Guru und Populist ist und der Veranstaltungen macht, wo Menschen eingeladen sind, über ihre Ängste zu sprechen. Es werden also Ängste geschürt und immer einen Tag später kommt es zu einem Terroranschlag. Da wird dann die Frage aufgeworfen: Was bedingt eigentlich was? Gibt es erst den Terror und dann die Angst oder gibt es erst die Angst und dann den Terror? Wie sehr verändert der Terror das Leben der Figuren, aber letztendlich auch unseres?

Wer genau ist Tartini?

Bartkowiak: Es ist eine große Stärke des Stückes, dass es sehr viel mit Fantasie, mit Behauptung operiert. Man weiß nicht genau, was real ist, was erfunden. Tartini ist vielleicht ein Populist, aber auch ein Zauberer, der Menschen verführen kann und der am Ende in der Politik landet. Das heißt, eine Figur, die nicht greifbar ist, von der aber eine Faszination und eine ungeheure Gefährlichkeit ausgeht.

Armin behauptet, dass die Angst Einzug in die Institutionen gehalten hat. Wie sehen Sie das?

Bartkowiak: Ich würde das unterstützen. Ich glaube schon, dass Angst durchaus instrumentalisiert wird. Der Rechtsruck ist ja offensichtlich in Europa. Und dass Ängste benutzt werden, um bestimmte Interessen durchzudrücken. Dass es immer mehr Richtung Sicherheit geht und demokratische Gebilde dann eher fahrlässig behandelt werden. Was ich problematisch finde.

Welche Rolle spielt Armin in der ganzen Sache? Man weiß ja nun nicht, ob er nun Opfer, Täter oder doch nur Zeuge ist ...

Bartkowiak: Genau, Originalzitat! (lacht) Ich würde eine Deutung eigentlich gerne vermeiden, sondern eher überprüfen: Wen sehe ich, wer ist der Schuldige? Wie groß ist die Notwendigkeit, einen Schuldigen zu finden? Da fand ich auch die Frage interessant, wie sehr wir vielleicht Schuldige brauchen, um nicht die Institutionen anzugreifen oder generell mehr über Gesamtzusammenhänge nachzudenken.

Was erwartet die Zuschauer in Ihrer Inszenierung?

Bartkowiak: Es gibt immer diese Szenen, wie der Kommissar Armin stellt, und dann Rückblenden, in denen Armin erzählt, wie er Tartini kennengelernt hat. Dann gibt es auch immer wieder kleine Momente dieser Show von Tartini, damit man zumindest Assoziationen bekommt, was oder wer dieser Tartini sein könnte. Es gibt Musik, es wird gesungen. Also es ist jetzt nicht nur ernster Angst-Diskurs, sondern es hat auch sinnliche oder musikalische Momente. Das ist ja die Qualität von Thomas Arzt, dass er immer ungeheure, wirklich absurde Geschichten kreiert. Das Stück ist sehr spannend, und es ist tatsächlich auch lustig. Es ist keine Komödie, aber durch diese Absurdität entsteht natürlich auch Komik.

Was hat Sie bewogen, dieses Stück zu inszenieren?

Bartkowiak: Ich wurde gefragt, ob ich in Heidelberg was machen möchte – ich arbeite da jetzt schon zum dritten Mal. Ich kenne andere Stücke von Thomas Arzt und hatte große Lust, mal mit ihm zusammenzuarbeiten. Thomas hatte die Idee für dieses Stück. Ich mache sehr gern zeitgenössische Dramatik, weil sie sich mit meinem Hier und Jetzt sehr ausführlich auseinandersetzt. Und Angst ist, finde ich, ein sehr interessantes und relevantes Thema.